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Leibniz’ Manuskripte: Schönschrift war nicht seine Sache

Schönschrift war nicht seine Sache

Von ULF VON RAUCHHAUPT

14.11.2016 · Vor 300 Jahren starb Gottfried Wilhelm Leibniz und hinterließ hunderttausend Blätter mit handschriftlichen Aufzeichnungen. Das größte Editionsprojekt aller Zeiten ist seit über hundert Jahren dabei, diesen Wust zu ordnen.

Das Blatt ist fleckig und dicht beschrieben. Im Original ist es um ein Drittel größer als eine A4-Seite, und darauf stehen neunzig Zeilen in einer nicht uneleganten, aber schwer lesbaren Handschrift. Die Sprache ist Französisch, wechselt aber zwischendurch ins Lateinische. Links wurde zunächst ein breiter Rand frei gelassen und später fast völlig ausgefüllt: mit Rechnungen, mathematischen Formeln, kleinen Skizzen und mehr Latein. Es geht um Physik, um Stoßgesetze, Reibungsphänomene. Aber dann, mittendrin: „Donnerstag zwei Würste, ein Schoppen, Freitag vier Würste, Samstag ein Karpfen, Sonntag zwei Würste, ein Hühnchen.“

„Auch Leibniz musste sich zwischendurch Gedanken machen, was er demnächst essen soll“, sagt Harald Siebert. Der Privatdozent für Wissenschaftsgeschichte leitet die dreiköpfige Arbeitsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), die an der kritischen Edition der naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Schriften des Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) arbeitet.

© Vario-Images Was er nicht wußte, das war kein Wissen: Gottfried Wilhelm Leibniz

Am bekanntesten ist Leibniz heute als Mathematiker und Philosoph und vielleicht noch als früher Computerpionier (siehe Abbildung links). Doch er war viel mehr. Leibniz gilt als das letzte Universalgenie, der letzte Gelehrte also, der noch imstande war, die gesamte Wissenschaft seiner Zeit zu überblicken und kreativ darin zu arbeiten. Und zwar so sehr, dass fast zwei Jahrhunderte später der berühmte Mediziner Emil du Bois-Reymond erklärte, Leibniz’ Schriften seien „reich an glücklichen Blicken in die ferne Zukunft der Wissenschaft“. Dabei konnte du Bois-Reymond nur ansatzweise wissen, wovon er da redete. Denn noch in anderer Hinsicht wirkte Leibniz wie ein Gegenbild zu vielen Fachgelehrten von heute: Neigen diese dazu, aus jedem noch so kleinen Ergebnis gleich einen eigenen Fachartikel zu machen, war Leibniz ein ausgesprochener Publikationsmuffel. „Unzähliges habe ich über Unzähliges geschrieben, aber nur Weniges über Weniges veröffentlicht“, ließ er den Schweizer Mathematiker Jakob Bernoulli 1697 in einem Brief wissen. Und dem Hamburger Juristen Vincent Placcius gestand er: „Wer mich nur aus meinen Publikationen kennt, der kennt mich nicht.“

Dabei darf es jedoch nicht bleiben. Die Aufzeichnungen des „klügsten Deutschen“, wie ihn das Magazin „Cicero“ diesen Sommer zu seinem 370. Geburtstag betitelte, müssen kritisch ediert werden, um Wissenschafts- und Philosophiehistorikern zugänglich zu sein. Kritische Edition aber bedeutet: Alles, was auf den von Leibniz hinterlassenen Blättern steht, wird geordnet, soweit es geht, datiert, erläutert und in lesbare Druckschrift übertragen. Und alles heißt hier wirklich alles: auch durchgestrichene Texte, fehlerhafte Rechnungen und gegebenenfalls eben eine hineingekritzelte Einkaufsliste.

Daher liegt auch jener Speiseplan – den sich Leibniz Ende 1674 in Paris notierte, als er die im Jahr zuvor erschienene „Abhandlung über die Stoßkraft oder Aufprall der Körper“ seines französischen Kollegen Edme Mariotte exzerpierte – seit drei Wochen gedruckt vor. Da erschien der zweite Band der von Siebert und seinen Mitarbeitern betreuten Reihe der Edition. Mehr als 800 Seiten hat der neue Band und steht mit seinem Erscheinen auch als PDF frei im Internet zur Verfügung. Der erste der voraussichtlich mindestens acht Bände dieser Reihe kam 2009 heraus, nach achtjähriger Arbeit.

„Die Leute fragen immer, warum das so lange dauert“, sagt Eberhard Knobloch. Der pensionierte Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin ist der Projektleiter der beiden Leibniz-Arbeitsstellen der BBAW, der von Harald Siebert in Berlin und einer weiteren in Potsdam, die sich um die politischen Schriften des Universalgelehrten kümmert. Daneben gibt es noch Arbeitsstellen in Hannover und Münster. Seit 1976 ist Knobloch beim Leibniz-Projekt, begründete die Reihe sieben der mathematischen Schriften und hat immer wieder mit Leuten zu tun, die immer noch glauben, hier handele es sich um die gewöhnliche Edition eines Gelehrtennachlasses. „Denen zeige ich dann gerne die Kopie einer Manuskriptseite und frage, ob sie was lesen können.“

© Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover. Signatur der Manuskriptseite: LH XXXV, 14, 2 Bl. 115v Eine typische Seite aus Leibniz’ schriftlichem Nachlass. Hier handelt es sich um ein Exzerpt aus dem 1673 erschienenen „Traitte de la percussion ou chocq des corps“, in dem der Physiker Edme Mariotte (ca. 1620 bis 1684) Stoßgesetze behandelt. Der französische Text wird an zwei Stellen von Anmerkungen Leibniz’ auf Latein unterbrochen. Auch die Bemerkungen am Rand sind meist lateinisch. In der Mitte der oberen Hälfte des Randes finden sich indes einige Notizen, die ganz und gar nicht zum Thema gehören.

Das mag man sich bei dem Mariotte-Exzerpt zunächst noch einbilden. Die Lebensmittel auf dem Einkaufszettel wären nach etwas Gewöhnung an die Handschrift vielleicht noch von jedermann zu entziffern – Französischkenntnisse vorausgesetzt. Diese helfen aber in 80 Prozent von Leibniz’ mathematischen und naturwissenschaftlichen Texten nicht weiter, denn die schrieb er meist auf Latein.

In dieser Sprache, die sich Leibniz – nebst Griechisch – bereits im Kindesalter selbst beigebracht haben soll, fühlte er sich hier offenbar am wohlsten. Der Mathematiker und Physiker Leibniz dachte auf Latein. Er verwendete es sogar, um aus Büchern zu exzerpieren, deren Sprache er nicht so gut beherrschte, etwa das Englische. Nur bei französischen Werken wie hier bei Mariotte, bediente er sich auch beim Exzerpieren des Französischen, das er außerdem immer dann verwendete, wenn er sich, etwa in Briefen, an französischsprachige Adressaten wendete.

Leibniz’ Muttersprache Deutsch dagegen kommt nur in etwa fünf Prozent seiner Notizen vor und fast nur bei technischen Themen. Dabei verwendet er die alte Kurrentschrift, die heute nur noch Spezialisten lesen können. „Deutsch ist deshalb am schwersten zu entziffern“, sagt Harald Siebert, „deshalb und weil die Orthographie damals noch nicht festgelegt war.“ Außerdem wird dann oft eine entlegene Terminologie benutzt, die Leibniz bei Handwerkern aufgeschnappt hat, zum Beispiel bei Themen aus dem Bergbau. „Da schreibt er auf Deutsch, um diese Leute zu erreichen.“

Doch auch wer fließend Latein und Französisch kann, dürfte sich bereits bei dem Mariotte-Exzerpt die Zähne ausbeißen. Es sei denn, er oder sie verfügt über vertiefte Kenntnisse der physikalischen Debatten des 17. Jahrhunderts. Als Leibniz-Editor muss man Fachhistoriker sein: „Wir sind schließlich keine Kopiermaschine“, sagt Knobloch. „Wir müssen verstehen, was da steht.“ Nur so ist garantiert, dass der edierte Text wirklich das wiedergibt, was Leibniz geschrieben hat, und nur so können in den Fußnoten Anspielungen erklärt oder Rechenfehler gekennzeichnet werden. „Das sind leider nur knappste Erläuterungen.“ Sämtliches von den Editoren bei ihrer Arbeit angesammelte Wissen im Anmerkungsapparat festzuhalten sei illusorisch, meint Knobloch. „Dann würde ja alles noch viel länger dauern.“

© Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover. Signatur der Manuskriptseite: LH XLII, 4, 1, Bl. 40r „Ich glaube, endlich ein sicheres und simples Verfahren gefunden zu haben, das auch weniger Platz braucht . . .“, notiert Leibniz hier am 8. Mai 1682 zu Skizzen für seine „Arithmetische Maschine“. Er war der bedeutendste Mathematiker des Kontinents, doch beim Rechnen hat er sich regelmäßig vertan. Daher konstruierte er eine Rechenmaschine – die erste, die auch dividieren konnte.

Schon jetzt ist die vollständige Herausgabe der Leibniz’schen Manuskripte das langfristigste wissenschaftliche Einzelvorhaben aller Zeiten; ein Projekt, an dem bereits Generationen von Fachleuten mitgewirkt haben und das noch weitere beschäftigen wird. Die gesamte, heute in acht Brief- und Schriftenreihen gegliederte Edition wurde 1901 begonnen und soll, so der aktuelle Plan, im Jahr 2055 abgeschlossen sein. In allen Reihen zusammen sind bisher 59 Bände und Teilbände erschienen.

„Geplant sind mehr als 130“, sagt Harald Siebert. Ganz genau wisse man das aber noch nicht, da Teile des Nachlasses noch nicht im Detail katalogisiert sind. Zudem wurde mit der Schriftenreihe Nummer fünf, die Leibniz’ historische und sprachwissenschaftliche Schriften umfassen soll, noch überhaupt nicht begonnen – es steht noch nicht einmal fest, wo und von wem diese Reihe besorgt werden wird. „Klar ist, das werden auch noch einmal etwa neun Bände“, sagt Siebert. Legt man die bisherigen Erfahrungen zugrunde, wären das noch einmal etwa vierzig Jahre Bearbeitungszeit. Eigentlich hätte man also mit Reihe fünf im vergangenen Jahr beginnen müssen, um 2055 fertig zu werden.

Das Schneckentempo gerade im ersten halben Jahrhundert des Projektes hatte natürlich auch externe historische Gründe: den Ersten Weltkrieg etwa, der die ursprünglich geplante Zusammenarbeit zwischen der preußischen und zwei französischen Akademien der Wissenschaften zunichtemachte, dann den Nationalsozialismus und schließlich die deutsche Teilung. Doch eine andere, innere Ursache war letztlich wichtiger, glaubt Eberhard Knobloch: „Die Schwierigkeit, Leibniz zu edieren, wurde lange Zeit völlig unterschätzt.“

Tatsächlich sind die Sauklaue des Universalgenies, seine Mehrsprachigkeit sowie die Vielfalt und fachliche Tiefe seiner Themen nur einige der Schwierigkeiten, mit denen sich die Editoren herumschlagen müssen. Es gibt weitere Probleme, und das größte ist die schiere Masse des Materials. Mit rund hunderttausend zumeist beidseitig beschriebenen beziehungsweise bekritzelten Blätter hat Leibniz den umfangreichsten erhaltenen Gelehrtennachlass überhaupt produziert. Der Papierberg lagert heute zu 98 Prozent in einem feuersicheren Raum der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover – die Bögen, die Harald Sieberts schweren Holztisch im Akademiegebäude in der Berliner Jägerstraße bedecken, sind lediglich vergrößerte Ausdrucke der digitalisierten Originale.

© Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover. Signatur der Manuskriptseite: LH IV, 1 BL. 1r Die Monade ist ein charakteristischer Begriff in Leibniz’ Philosophie. Er verstand unter Monaden elementare immaterielle Substanzen (also eigenständig existierende Wesenheiten), mit denen er sich das Nebeneinander materieller und geistiger Phänomene erklärte. Das war nach René Descartes’ Unterscheidung von Denkendem und Stofflichem zum Problem geworden. Hier der Beginn seiner 1714 angefangenen Monadologie.

Hannover war die langjährige und letzte Wirkungsstätte des Gelehrten gewesen. Dort stand er zuletzt im Dienst des Kurfürsten Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg, der 1714 als Georg I. den englischen Thron bestieg. Für das Welfenhaus war Leibniz aber auch als Diplomat und politischer Berater tätig gewesen, und diesem Umstand vor allem ist es zu verdanken, dass der Nachlass erhalten und fast vollständig beieinanderblieb. Denn als der Kurfürst von Leibniz’ Tod erfuhr, ließ er dessen schriftlichen Nachlass unverzüglich versiegeln, aus Angst, in den Aufzeichnungen könnten sich „secreta domus“, also Staatsgeheimnisse, verbergen. Die schiere Menge machte eine Durchsicht der Aufzeichnungen nach sensitivem Material unmöglich.

Aber warum ist es überhaupt so viel? Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens hat Leibniz offenbar alles aufgehoben. „Böse Zungen behaupten sogar, er habe gar keinen Papierkorb gehabt“, erzählt Knobloch. Allerdings scheint er sich erst während seines Aufenthaltes in Paris zwischen 1672 und 1676 zu einem Manuskript-Messie entwickelt zu haben. „Aus der früheren Mainzer Zeit gibt es deutlich weniger“, sagt Harald Siebert. „Die Pariser Jahre waren für ihn insbesondere in der Mathematik eine hochaktive Phase. Möglicherweise kam er aus Paris mit so viel Material zurück, in dem er noch Potential gesehen hat, dass er dazu überging, alles aufzuheben. Und das hat er dann in Hannover beibehalten.“

Tatsächlich stehen auf lange nicht jeder der fast zweihunderttausend Seiten gültigen Forschungsergebnisse, auch wenn man die Exzerpte aus Büchern und anderen Unterlagen abzieht. „Da gibt es auch viel Vorläufiges und Falsches“, sagt Knobloch und nennt als ein Beispiel Leibniz’ Aufzeichnungen zum sogenannten Sechs-Quadrate-Problem. „Das ist ein zahlentheoretisches Problem. Er hat das am Ende nicht gelöst, aber er hat 38 Versuche gemacht. Und jeder davon ist erhalten geblieben.“

Kein Wunder, dass Leibniz sich zuweilen in seinem eigenen Wust nicht mehr zurechtfand. In zumindest einem Fall hat ihm das auch geschadet, nämlich als man ihm vorwarf, die Infinitesimalrechnung bei seinem britischen Kollegen Isaac Newton abgekupfert zu haben. Heute sind sich die Mathematikhistoriker einig, dass Newton und Leibniz diese für Mathematik, Physik und Technik revolutionäre Entdeckung unabhängig voneinander gemacht haben. Damals jedoch begann ein hässlicher Prioritätenstreit, der noch andauerte, als beide Gelehrte längst verstorben waren. „Als die Auseinandersetzung mit Newton lief, war es für Leibniz schlimm, zu sagen: ‚Ich hatte das aber schon vorher‘“, sagt Knobloch. „Und dann hatte er es nicht wiedergefunden.“

© Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover. Signatur der Manuskriptseite: LH XXXV, 8, 18 Bl. 2v Die Schlangenlinien kennen wir doch? Auf diesem 1675 beschriebenen Blatt verwendet Leibniz zum ersten Mal das Symbol für die Integration: Es stammt vom S für „Summe“, nämlich der Summe beliebig kleiner Größen. Sonst ist seine Notation für uns ziemlich fremdartig: Striche über Ausdrücken leisten das, was heute Klammern tun, und das nach unten offene Rechteck, eine stilisierte Waage, ist ein Gleichheitszeichen.

Der zweite Grund für den Umfang der Leibniz’schen Zettelwirtschaft ist die geradezu manische Produktivität dieses Mannes. Die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Wenn er morgens aufstehe, soll er einmal gesagt haben, habe er schon mehr Einfälle, als er den Tag über aufschreiben könne. Trotzdem schrieb er, wann immer er konnte. Gerne entwickelte er seine Gedanken in Korrespondenzen: Er stand mit nicht weniger als 1100 Personen in Briefkontakt, darunter sämtliche auch nur halbwegs bedeutende Gelehrten seiner Zeit. Oder er notierte sich einfach etwas auf dem nächstbesten Stück Papier.

Zum Beispiel dem 15,5 mal 20 Zentimeter großen vergilbten Bogen, dessen Scan Harald Siebert nun hervorzieht. Wieder sieht man das typische Chaos aus Handschriftblöcken und kleinen Skizzen, doch dazwischen in viel größeren Schwüngen die Anrede „Monsieur“. Da hatte Leibniz also einen Brief begonnen, abgebrochen und das Papier dann mit wissenschaftlichen Eingebungen bedeckt. Man bekommt den Eindruck, als habe Leibniz sich mit seinen Forschungen so habituell beschäftigt, wie unsereiner heute selbst an Bushaltestellen und Supermarktkassen auf sein Smartphone starrt. Ohne geistige Aktivität, so scheint es, wurde ihm langweilig. Und seine Devise lautete: „Ich mache lieber etwas zweimal, als dass ich einmal nichts tue.“

Dieses Arbeiten in permanenten Skizzen stellt die Editoren nicht selten vor zusätzliche Probleme. Hinzu kommt Leibniz’ Angewohnheit, seine Notizen später oft selbst zu kommentieren sowie Streichungen und Ersetzungen vorzunehmen, die er dann möglicherweise auch wieder überarbeitete. „Da müssen wir dann erst einmal rausbekommen, in welcher Reihenfolge er das überhaupt hingeschrieben hat“, sagt Knobloch. Ein guter Hinweis ist die Schriftgröße: „Oft fängt Leibniz ein Blatt relativ großzügig an. Dann ist es voll, aber er sieht, da ist am Rand noch Platz. Dann wird der Platz weniger und die Schrift kleiner. Oder er schreibt an einer anderen Ecke weiter. Aber dann weiß man manchmal nicht, ob er da etwas durchgestrichen hat, oder ob die Linie irgendwo hinführt, wo es weitergeht.“ Dabei sind die vielen Streichungen in aller Regel so vorgenommen, dass alles Durchgestrichene noch lesbar bleibt. „Er hatte offenbar die Idee und auch die Praxis, aus den Fehlern zu lernen und daher die Fehler auch stehen zu lassen“, sagt Harald Siebert. „Er hat die Wege seines Denkens dokumentiert und daher die Spuren alle aufgehoben.“

© Picture-Alliance Leibniz-Haus in der Schmiedestrasse, erbaut 1652 von Hinrich Alfers, von Leibniz 1676 bis 1716 bewohnt. Foto um 1900 von Karl F. Wunder, Hannover.

Da wird dann auch noch einmal verständlich, warum Leibniz zeitlebens so wenig Lust zum Publizieren hatte. Die Umwandlung solcher wuchernden intellektuellen Geflechte zu einer linearen, systematisch aufgebauten Abhandlung hätte ihn furchtbar aufgehalten oder schlicht gelangweilt. Stattdessen hat er sich lieber buchstäblich verzettelt. Und so konnte es kommen, dass Leibniz bedeutende Entdeckungen gelangen, die dann andere später noch einmal machen mussten. Etwa die Theorie der Determinanten, mathematische Objekte, mit denen sich zum Beispiel lineare Gleichungssysteme lösen lassen. Auch in der Versicherungsmathematik war Leibniz seiner Zeit um Lichtjahre voraus, wie Eberhard Knobloch vor einigen Jahren bei der Analyse der Leibniz’schen Notizen zu diesem Thema entdeckt hat.

Und so ist es vielleicht nicht ausgeschlossen, dass sich im weiteren Verlauf der Editionsarbeit noch weitere Blicke in die ferne Zukunft der von Leibniz betriebenen Wissenschaften finden. Doch diese Zukunft wurde dann zu einer, in der neues Wissen nicht nur entdeckt werden, sondern auch vermittelt, verbreitet und arbeitsteilig weiterverarbeitet werden musste. Moderne Wissenschaft ist mit Genies allein nicht zu leisten, und wären es Universalgenies.

Leibniz' edierte Werke sind im Internet frei zugänglich: www.leibnizedition.de/baende.html

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 14.11.2016 13:00 Uhr