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Interview über superschnelle Neutrinos : „Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war verfrüht“

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Caren Hagner am Forschungszentrum Desy bei Hamburg Bild: Desy

Neutrinos - schneller als Licht? Der Befund hat überrascht. Erste kritische Stimmen werden laut. Ein Gespräch mit Caren Hagner von der Universität Hamburg.

          Frau Hagner, Sie sind die Leiterin der deutschen Forschergruppe, die am Opera-Experiment beteiligt ist. Man sucht jedoch ihren Namen vergeblich auf der Autorenliste der Vorabveröffentlichung.
          Ich habe die Vorabveröffentlichung zusammen mit einem Dutzend Kollegen nicht unterschrieben. Ich habe überhaupt nichts einzuwenden, wie man das Experiment zur Flugzeitbestimmung der Neutrinos ausgeführt hat. Ich halte nur den Zeitpunkt, an dem man mit den Resultaten an die Öffentlichkeit gegangen ist, für einen derart ungewöhnlichen Effekt wie die Überlichtgeschwindigkeit, für zu verfrüht. Man hätte noch mehr Tests vornehmen müssen. Es hätte dann aber mindestens noch zwei Monate länger gedauert mit der Publikation. Ich und andere Kollegen der Opera-Kollaboration wollten gerne, dass diese Tests noch zuvor gemacht werden.

          Von welchen Tests sprechen Sie?
          Erstes, eine zweite unabhängige Analyse. Wenn man in der Teilchenphysik glaubt, ein neues Teilchen oder einen neuen Effekt entdeckt zu haben, dann hat man in der Regel nicht nur eine Gruppe, die die Messungen analysieren, sondern mehrere. Und wenn alle das gleiche Ergebnis erhalten, dann ist man überzeugt, dass es richtig ist, was man gemessen hat. Bei Opera war das bisher eben nicht der Fall.

          Warum?
          Weil man noch keine Zeit dafür hatte. Bei einem Effekt wie der Überlichtgeschwindigkeit sollte man die Analyse auf jeden Fall noch einmal überprüfen. Vielleicht hat sich ein Fehler im Programm eingeschlichen oder bei der Auswertung. Ich war mit meiner Meinung in der Minderheit. Die Mehrheit der Kollaboration war für eine möglichst schnelle Veröffentlichung.

          Es gab bei der Präsentation der Messergebnisse am vergangenen Freitag am europäischen Forschungszentrum Cern, wo die Myon-Neutrinos erzeugt werden, eine Reihe kritischer Fragen von Seiten unabhängiger Wissenschaftler.
          Ein wichtiger Kritikpunkt war die statistische Analyse. Das Problem: Man kennt den Startzeitpunkt der Neutrinos am Cern nur bis auf zehn Millionstel Sekunden genau. Und das ist eine lange Zeit gemessen daran, dass die Neutrinos sechzig Millardstel Sekunden eher am Opera-Detektor angekommen sein sollen als ein Lichtstrahl. Man kann nicht für jedes Neutrino eine Zeitmessung machen, wie es ideal wäre. Sondern man muss statistisch herangehen. So kann man nur die zeitliche Verteilung der Protonen nehmen und mit der zeitliche Verteilung der gemessenen Neutrinos vergleichen. Und das ist schwierig, Man hätte sich die statistische Analyse unter verschiedenen Aspekten noch einmal anschauen müssen, diese Arbeiten laufen gerade an.

          Der Opera-Detektor im Gran-Sasso-Massiv in den Abruzzen bei Rom

          Und auf experimenteller Seite, gab es da Ihrer Ansicht nach Versäumnisse?
          Man hat die Ankunftszeit der Neutrinos bislang nur für einen Teil des Opera-Detektors ausgewertet, für den Scintillation-Tracker. Mit einer anderen Komponente des Detektors,
          dem Spektrometer, mit dem wir Myonen messen, wird man auch die Ankunftszeit der Neutrinos messen können. Dann lägen zwei unabhängige Messungen vor, deren Ergebnisse man vergleichen könnte. Eine solche Auswertung würde mindestens zwei Monate dauern.

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