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Internet der Dinge : Alexa, war es Mord?

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Hausdiener oder Spion? Smarte Systeme wie das von Amazon sollen den Alltag erleichtern. Sie könnten aber auch zum juristischen Fallstrick werden. Bild: Helmut Fricke

Wenn virtuelle Assistenten oder Sportarmbänder zu Belastungszeugen werden, müssen Ermittler und Gerichte umdenken.

          Am 7. Februar musste sich Ross Compton zum ersten Mal vor Gericht im amerikanischen Bundesstaat Ohio verantworten. Auf die Frage, ob er sich einen Anwalt leisten könnte, antwortete der fast 60-Jährige: „Nein, Euer Ehren, das Feuer hat mir alles genommen.“ Er war angeklagt wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrug: Freilich wurde Compton nicht auf frischer Tat ertappt. Es gab auch keine Zeugen, die ihn angeschwärzt hätten. Verraten hatte ihn sein Herzschrittmacher.

          Im September 2016 war bei der Notrufleitstelle der Kleinstadt Middletown in Ohio ein Anruf eingegangen. Es war Compton selbst. Schwer atmend sagte er, dass sein Haus im Flammen stehe. „Sind alle aus dem Haus?“, wollte die Frau vom Notruf wissen. „Ja, und ich habe ein paar Sachen genommen und sie aus dem Fenster geworfen“, rief Compton ins Telefon. Er habe dafür das Fenster mit einem Gehstock zerschlagen, sagte er später aus. Ein Kardiologe berichtete der Polizei wiederum, dass diese Geschichte höchst unwahrscheinlich sei Und zwar wegen Comptons Herzleiden, von dem dieser auch erzählt hatte. Die Polizei analysierte daraufhin die Daten seines Herzschrittmachers und entdeckte: Puls und andere Aufzeichnungen passten nicht zu seiner Geschichte. Es gab noch weitere Indizien, doch zum ersten Mal wurde ein medizinisches Gerät zum Belastungszeugen. In einem Fall, der noch nicht entschieden ist.

          Das Fitnessarmband lügt nicht. Oder?

          Das Implantat kann man als ein smartes Gerät bezeichnen, also eines, das Daten sammelt und speichert. Auch in anderen Fällen führten solche Utensilien die Ermittler auf eine Fährte. In Connecticut beispielsweise steht derzeit Richard Dabate wegen Mordes an seiner Ehefrau vor Gericht. Sie war im Dezember 2015 erschossen worden. Dabate sagte aus, an dem Tag nach Hause gekommen zu sein und dort einen Einbrecher überrascht zu haben. Der habe ihn außer Gefecht gesetzt und anschließend seine Frau getötet. Sie trug jedoch ein Fitnessarmband, und das erzählte eine andere Geschichte. Diese Armbänder protokollieren mit Beschleunigungssensoren und GPS-Daten die körperliche Aktivität ihrer Träger. Die Polizei wertete Daten des Armbands aus, die anzeigten, dass die Frau eine Stunde nachdem sie angeblich erschossen wurde, noch durchs Haus gelaufen ist.

          Wenn solche Geräte als Beweismittel fungieren – muss man nicht deren Bedeutung für Ermittler und Gerichte hinterfragen? Darf man den Daten trauen? Wie sicher sind sie vor Hackerangriffen und Manipulationen geschützt? Darf man ihre Informationen benutzen, auch wenn es sich um intime Details handelt? Tatsächlich haben die Geräte auch hierzulande schon ihren Weg in die Rechtsprechung gefunden. „Es gibt genügend Fälle, in denen wir anhand von Positionsdaten aus Navigationssystemen oder Smartphones Alibis überprüft haben“, sagt Fabian Unucka, der als IT-Sachverständiger bei der Münchner Firma Fast-Detect arbeitet. Zu seinen Aufgaben zählt, im Auftrag der Polizei oder der Staatsanwaltschaft smarte Geräte auszuwerten. Meistens geht es dabei um GPS-Informationen. „Wir können diese Daten aufarbeiten und visualisieren, um damit Rückschlüsse auf ein Verfahren zu erlauben“, sagt er. So hätte schon manches Navigationssystem die Route von Straftätern verraten.

          Auch Zahnbürsten schreiben mit

          Ein anderes Beispiel sind DSL-Router: „Da denkt man nicht sofort, dass da Daten gespeichert werden“, sagt Unucka. Die Geräte protokollieren aber zum Beispiel jedes Smartphone, das sich bei ihnen einwählt, und lassen Rückschlüsse zu, wer sich in einer Wohnung aufhält oder aufgehalten hat. Auch zur Aufklärung der Zugkollision von Bad Aibling im Februar 2016, bei der zwölf Menschen starben, trugen Informationen eines Smartphones bei: Der Fahrdienstleiter hatte bis kurz vor dem Unfall mit dem Gerät im Internet gespielt. Das verrieten die sekundengenau protokollierten Daten der Spielefirma.

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