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Veröffentlicht: 25.11.2005, 21:58 Uhr

Einstein-Jahr Einstein, Hilbert und der geheimnisvolle Schnipsel


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Doch schon bald einigte man sich, die Verstimmung, die im hitzigen Wettlauf um den Abschluß der Theorie und die Formulierung ihrer zentralen Gleichung entstanden war, zu vergessen. Es war jedenfalls ein Wettlauf großer Geister, und es ging um eine große Sache. Obwohl es in diesem Fall zu keinem öffentlichen Disput kam, denkt man unwillkürlich an andere Prioritätsstreitigkeiten in der Geschichte der Wissenschaft: An den Zwist zwischen Leibniz und Newton um die Erfindung der Infinitesimalrechnung oder an den zwischen Darwin und Wallace um die Formulierung der Evolutionstheorie, aber auch an aktuelle Ereingisse, etwa den Wettlauf konkurrierender Gruppen um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Welche Bedeutung aber haben solche Auseinandersetzungen in der Wissenschaftsgeschichte? Und greift es nicht zu kurz, sie als Streitereien darüber zu sehen, wer denn nun erster war? Was steckt wirklich dahinter?

Der Verdacht, daß Einsteins Erfolge in Wirklichkeit auf den Leistungen anderer beruhen, ist keineswegs neu. Immer wieder bezog er sich allerdings auf einzelne Formeln, die er angeblich von anderen Forschern übernommen habe, ohne ihnen die gebührende Anerkennung zu zollen. Dieser Vorwurf war in den zwanziger Jahren häufig mit antisemitischen Vorurteilen verbunden oder auch einfach nur mit Neid. Jedenfalls ging es auch bei anderen Prioritätsstreitigkeiten im Hintergrund immer wieder um mehr als um Gerechtigkeit gegenüber dem Entdecker. Karrierefragen waren kein ganz ungewöhnliches Motiv, aber auch Nationalstolz wie im Fall der Angriffe englischer Mathematiker auf Leibniz, die die Position Newtons vertraten und oft überspitzten. Und auch das ist typisch für solche Auseinandersetzungen, daß Anhänger und Epigonen viel radikalere Positionen vertreten als die involvierten Forscherpersönlichkeiten selber.

Dies muß man sich klarmachen, wenn man einen näheren Blick auf die Auseinandersetzung um Hilbert und Einstein wirft. Wegen des früheren Datums von Hilberts Publikation - also dem des Göttinger Vortrags - schien dessen Priorität bei der Formulierung der sogenannten Feldgleichung der allgemeinen Relativitätstheorie lange über allen Zweifel erhaben. Bewegung kam erst in die Sache, nachdem die Druckfahnen seines Artikels entdeckt wurden, denn sie weisen einen Datumsstempel auf, aus dem hervorgeht, daß Hilbert seine endgültige Version noch nicht publiziert hatte, als Einsteins Arbeit erschien.

Futter für Krimifreunde

Wichtiger als das Datum ist aber etwas anderes: Der Inhalt jener Druckfahnen zeigt wesentliche Unterschiede zum veröffentlichten Text. Also mußte Hilbert am 20. November 1915 der Göttinger Akademie eine deutlich andere Fassung seiner Theorie vorgestellt haben, als sie durch seine erst im März 1916 erschienene Arbeit dokumentiert ist. Soviel wurde 1997 klar, als die Druckfahnen zum ersten Mal in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit diskutiert wurden, auch wenn damals der von einem Blatt der Fahnen abgeschnittene Teil noch keine Aufmerksamkeit erregte. Andererseits: Die Tatsache, daß da was abgeschnitten wurde, kurbelt bei Krimifreunden die Phantasie an. Spielt das ausgeschnittene Stück am Ende vielleicht doch eine Schlüsselrolle?

Das läßt sich nur beurteilen, wenn man weiß, worum es damals in wissenschaftlicher Hinsicht ging. Einstein arbeitete seit 1907 an einer neuen Theorie der Gravitation, die einerseits die Phänomene enthalten mußte, die bereits die Newtonsche Theorie beschrieb. Andererseits mußte sie auch die neuen Forderungen der speziellen Relativitätstheorie erfüllen. Darüber hinaus hatte die neue Theorie natürlich grundsätzlichen Prinzipien der Physik zu genügen, etwa dem der Erhaltung der Energie. Jahrelang arbeitete Einstein daran, alle diese Ansprüche in ein stimmiges Theoriegebäude umzusetzen. Aber sowohl ihm als auch Hilbert ging es um mehr.

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