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Veröffentlicht: 23.05.2017, 23:21 Uhr

Leuchtturm im Nahen Osten „Bei uns könnten auch Syrer eine Heimat finden“

Ein friedliches Miteinander im Nahen Osten, das könnte in der Wüste Jordaniens gelingen, wo der Elektronenspeicherring „Sesame“ seinen Betrieb aufgenommen hat. Über die Chancen dieses einzigartigen Projekts sprachen wir mit dem Präsidenten des Sesame-Rats, Rolf Heuer.

© Cern/Sesame Arabische, iranische und israelische Wissenschaftler arbeiten bei Sesame Hand in Hand.

Herr Heuer, hierzulande hat die Öffentlichkeit von dem einzigartigen Projekt bislang recht wenig erfahren. Hat man die feierliche Eröffnung absichtlich nicht so publik gemacht, aus Angst vor Terroranschlägen?

Nein. Es lag eher daran, dass Sesame derzeit nur von 40 Mitarbeitern betrieben wird. Das ist wenig Personal. Kommunikation hat nicht die oberste Priorität. Das wird sich jetzt ändern. Das europäische Forschungszentrum Cern bei Genf wird Sesame bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

Sie waren am Dienstag selbst vor Ort, als Jordaniens König Abdullah II. Sesame einweihte. Wie war die Stimmung unter den Anwesenden? Der israelische Wissenschaftsminister und die palästinensische Delegation hatten ihre Teilnahme ja abgesagt.

Wir waren sehr froh, dass der jordanische König und der jordanische Premierminister kamen. Die anderen Staaten hatten Diplomaten oder Regierungsvertreter geschickt. Die Grundstimmung unter den Teilnehmern war außerordentlich gut.

Rolf Heuer © Helmut Fricke Vergrößern Rolf Heuer ist der amtierende Präsident des Sesame-Rats. Der deutsche Teilchenphysiker war von 2009 bis Ende 2015 Generaldirektor des europäischen Zentrum für Elementarteilchenphysik Cern bei Genf.

Es gab überaus positive Aussagen, und es war sehr ermutigend zu sehen, dass alle voll hinter dem Projekt stehen. Es ist schon ein kleines Wunder, wenn Jordanien, die Türkei, Zypern, Pakistan, Palästina, Israel, Ägypten und Iran sich gemeinsam an einem wissenschaftlichen Großforschungsprojekt engagieren und religiöse und politische Schranken überwinden. Dass es da hin und wieder diplomatische Schwierigkeiten gibt, ist völlig klar. Dies sollte aber auch nicht überbewertet werden. Bei den Ratssitzungen sind stets alle Mitglieder vertreten

Wie viel Überzeugungsarbeit war notwendig, um Länder wie Iran und Israel und die palästinensische Autonomiebehörde, die sich normalerweise spinnefeind sind, an einen Tisch zu versammeln? Auch Zypern wird von der Türkei nicht anerkannt.

Die Situation war hier so ähnlich wie in den fünfziger Jahren als Cern gegründet wurde. Cern gibt es, weil sich die Wissenschaftler der europäischen Länder zusammengetan haben und ihre jeweiligen Poltiker von einer Großforschungsanlage überzeugt haben, an der ehemalige Gegner gemeinsam forschen. Und so hat das auch bei Sesame funktioniert. Natürlich ist die Situation in dieser Region deutlich schwieriger als anderswo in der Welt. Und sie ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden. Umso bemerkenswerter ist es, dass es so gut läuft. An den Ratssitzungen , an denen ich bisher teilgenommen habe, erlebte ich immer eine konstruktive Atmosphäre.

Gab es einen Zeitpunkt, als das Projekt auf der Kippe stand?

Das war im Jahr 2012. Da war das Projekt in der finanziellen Krise. Die Wende kam, als Israel, Iran, Jordanien und die Türkei sich bereit erklärten, das Projekt mit jeweils fünf Millionen Dollar zusätzlich zu fördern. Daraufhin machte die Europäische Union Mittel frei, mit denen Cern die Ablenkmagnete für den 133 Meter langen Speicherring bauen konnte. Das erfolgte während meines Mandats als Generaldirektor des Cern. Von anderen westlichen Ländern kamen weitere Komponenten. Deutschland hat zum Beispiel bereits sehr früh Teile des ausrangierten Berliner Elektronenspeicherrings Bessy I zur Verfügung gestellt.

Sesame Hauptgebäude © Cern, Sesame Vergrößern Das Hauptgebäude von Sesame

Sie dienen als Vorbeschleuniger für Sesame. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft stellt pro Jahr 5000 Euro Reisekosten für Wissenschaftler aus dem Mittleren Osten zur Verfügung. Damit können die jungen Leute zum Cern oder zu anderen Einrichtungen reisen, um für die Arbeit an Sesame zu trainieren.

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