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100 Jahre Giftgas : „Die Gase hatten gut gewirkt“

Die Taube und der Krieg: Der Vogel soll 1917 über einer deutschen Stellung an der Westfront testen, ob die Luft wieder rein genug ist, damit die Soldaten die Gasmasken abnehmen könne Bild: AKG

Hundert Jahre nach ihrem ersten Einsatz sind Chemiewaffen eine Herausforderung für Abrüstungsexperten und Historiker: Warum etwa scherte sich nach dem Ersten Weltkrieg kaum jemand um ihre Ächtung? Und warum blieb der totale Gaskrieg 1939 bis 1945 dennoch aus?

          Der Wind war uns günstig. Gegen sechs Uhr abends traten wir wieder an, nachdem unsere Artillerie genügend vorgearbeitet hatte. Jetzt wurden auch die Behälter mit den giftigen Gasen geöffnet. Mächtige Rauchwolken entströmten den Behältern und trieben auf den Feind zu. Nach weiteren zehn Minuten gingen wir vor und fanden anfangs wenig Widerstand, die Gase hatten gut gewirkt.“

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diesen Bericht schrieb der Gefreite Adolf Rosen am 20. Juni 1915 an den Direktor des jüdischen Waisenhauses in Berlin, dessen Zögling er gewesen war. Er schrieb aus Bixschoote bei Ypern im belgischen Westflandern, wo die deutsche Armee am Abend des 22. April 1915 auf die geschilderte Weise 170 Tonnen Chlorgas freigesetzt hatte. Es war nicht der allererste Chemieeinsatz der Kriegsgeschichte. Bereits im August 1914 hatten französische Truppen Bromessigsäureethylester versprüht, und im März 1915 verschossen die Deutschen an der Ostfront Granaten mit Xylylbromid. Beide Substanzen sind nicht eben harmlos, wirken aber eher als Tränengase. Chlorgas dagegen schaltet den Gegner aus, indem es ihn tötet.

          Ein Gasangriff 1916 an der Ostfront. Die erste Chemieattacke bei Ypern dürfte aus der Luft ähnlich ausgesehen haben.
          Ein Gasangriff 1916 an der Ostfront. Die erste Chemieattacke bei Ypern dürfte aus der Luft ähnlich ausgesehen haben. : Bild: Picture-Alliance

          Schätzungsweise 1500 französische Soldaten erstickten vor Ypern in den Chlorgasschwaden, mit denen sich ihre Schützengräben füllten. Dabei sollte es nicht bleiben. Von den etwa zehn Millionen Gefallenen des Ersten Weltkrieges starben 90 000 bis 100 000 durch chemische Kampfstoffe.

          Dabei wurde Chlor bald durch noch wirksamere Lungengifte verdrängt; von 1916 an besonders durch Phosgen (siehe „Alle tödlich“). Der Gaskrieg eskalierte und erreichte im Sommer 1917 eine neue Dimension, als zuerst die Deutschen, wieder vor Ypern, ein Gift verschossen, das auch über die Haut in den Körper einzudringen vermag. Es hieß damals auch Yperit, später kannte man es unter seinem Decknamen „Lost“ (genauer: Schwefel-Lost) oder als Senfgas.

          Ein Meister aus Deutschland

          Lost ist ein Kunstwort aus den Namen Lommel und Steinkopf. Die beiden Herren waren Mitarbeiter des Mannes, der 1915 die Idee mit dem Chlor gehabt hatte: des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem. Den Nobelpreis bekam Haber 1919 für die Erfindung synthetischen Stickstoffdüngers, eine Entdeckung, ohne die seither unzählige Menschen verhungert wären. So trägt sein einstiges Institut noch heute den Namen Fritz-Haber-Institut (FHI) der Max-Planck-Gesellschaft - auch zum Zeichen der Janusköpfigkeit wissenschaftlichen Fortschritts.

          Gemeinsam mit dem benachbarten Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) hat das FHI um den hundertsten Jahrestag des Chlorgasangriffs vor Ypern ein Symposion zur Geschichte und Gegenwart des Gaskriegs veranstaltet - eine Geschichte, die mit der deutschen Niederlage 1918 noch lange nicht zu Ende war und eine Gegenwart, in der zuletzt im März 2015 erneut Giftgastote zu beklagen waren. Wieder war es Chlor, das in Syrien aus abgeworfenen Behältern drang.

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