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„XFEL“-Projekt Zündeln mit Laserblitzen

23.01.2007 ·  Das in Hamburg und Schleswig-Holstein geplante europäische Röntgenlaserprojekt „XFEL“ ist in Gefahr. Maßgebliche Mitfinanzierer wie Frankreich haben keine feste Zusage für das Großprojekt gegeben.

Von Christian Schwägerl
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat keine langen Unterrichtungen und keine bunten Powerpoint-Folien gebraucht, um zu begreifen, wie wichtig dieses Großprojekt weit über Hamburg und Schleswig-Holstein hinaus ist. Als Physikerin ist Merkel die Kraft von Elektronen und Röntgenstrahlen geläufig, und sie weiß, dass Forscher mit deren Hilfe tief in die Welt der Atome blicken können.

Doch es liegt nicht nur an akademischer Faszination, dass die Kanzlerin nun die Trommel für „XFEL“, das Europäische Röntgenlaserprojekt, rührt: Zum Entsetzen der Bundesregierung wackelt die Finanzierung des europäischen Vorzeigeprojekts auf deutschem Boden. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat zwar für den 4. Juni einen Spatenstich anberaumt, aber der eigentlich geplante Baubeginn für das Projekt ist gefährdet.

Jahresbetriebskosten von neunzig Millionen Euro

„Solange die internationale Finanzierung nicht steht, kann der Bau nicht beginnen“, heißt es in der Bundesregierung. Mit einem Investitionsvolumen von rund einer Milliarde Euro und jährlichen Betriebskosten von knapp neunzig Millionen Euro soll der „Röntgen-Freie-Elektronen-Laser“ künftig zu den Schwergewichten in der deutschen Forschungslandschaft zählen. Zum Kalkül der Großinvestition zählt, dass Deutschland, und Europa insgesamt, für Wissenschaftler aus aller Welt noch attraktiver wird.

Vor zwei Jahren sah alles rosig aus. Die damalige Bundesregierung sagte zu, dass Deutschland etwa sechzig Prozent der Kosten tragen würde. Insgesamt elf EU-Länder sowie China und Russland trafen mit Deutschland Vereinbarungen, sich an der zweiten Hälfte der Kosten zu beteiligen. Im Gegenzug sollten Wissenschaftler dieser Länder die 3,4 Kilometer lange Anlage nutzen und mit dem Betreiber, dem Hamburger Helmholtz-Zentrum „Desy“, kooperieren. „Das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen, die Nachfrage ist ungebrochen immens“, sagt der Sprecher der Helmholtz-Gemeinschaft, Thomas Gazlig.

Internationale Kernfusionsprojekt „Iter“

Doch ausgerechnet Frankreich, das beim Zuschlag für das internationale Kernfusionsprojekt „Iter“ auf deutsche Unterstützung bauen konnte, lässt die Desy-Strategen und mit ihnen die Bundesregierung nun zittern, ob der ambitionierte Plan auch aufgeht. Vorsorglich hat Forschungsministerin Schavan die Ausschreibung für die Baumaßnahmen auf Eis legen lassen. An die Zusagen von früher will man sich in Paris zurzeit nämlich nicht mehr recht erinnern: „Frankreich stellt seinen Beitrag wieder offen“, heißt es in der Bundesregierung.

XFEL ist als längste künstliche Lichtquelle und als eine der leistungsstärksten Röntgenlaseranlagen der Welt konzipiert. Es soll Laserblitze produzieren, deren Wellenlänge weniger als einen milliardstel Meter beträgt. Geht alles nach Plan, würde die Anlage 2013 in Betrieb gehen. „Wir könnten die räumliche Struktur von interessanten Molekülen und chemischen Reaktionen so detailgetreu betrachten, wie es sonst nur an einer neuen amerikanischen Anlage möglich sein wird“, schwärmt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss.

Mehr als eine Milliarde Euro investieren

Er will in der Anlage gleich mehrere Teams seiner Spitzenforscher dauerhaft installieren. Gruss hält die neue Technologie für wichtig genug, um für künftig insgesamt 350 XFEL-Forscher mehr als eine Milliarde Euro zu investieren. Das entspricht einem Jahresbudget aller 12.500 Max-Planck-Forscher in achtzig Instituten. An der Technologie haben Chemiker, Biologen und Physiker gleichermaßen Interesse. Schon die 2004 eingeweihte viel kleinere Pilotanlage in Hamburg, genannt „Flash“ (Blitz), erweist sich als echter Renner für Forscher aus aller Welt.

Dass die Kosten für den Lasertunnel, der zwischen dem Hamburger Stadtteil Bahrenfeld und dem schleswig-holsteinischen Schenefeld entstehen soll, so gigantisch sind, hat viele Ursachen: Die Bauweise unter der Erde ist kompliziert, Laser und Magnetfelder sprengen übliche Dimensionen, Spezialfirmen müssen engagiert werden. Ohne internationale Partner wäre das Projekt zu teuer.

Keine konkreten Summen für das „XFEL“-Projekt

Ähnlich verhält es sich bei „Iter“, der fünf Milliarden Euro teuren Kernfusionsanlage, die derzeit im Süden Frankreichs gebaut wird. Obwohl Deutschland für den Iter mit dem Standort Greifswald im Rennen war, ging der Zuschlag an die Nachbarn. Das lag auch an deutscher Zurückhaltung: „Es war aus deutscher Sicht ein Projekt auf Gegenseitigkeit. Wir unterstützen Frankreich beim Iter, Frankreich uns bei XFEL“, heißt es in der Bundesregierung. Entsprechend enttäuscht zeigt man sich jetzt in Berlin.

Nun rächt sich, dass vor zwei Jahren bei den Vereinbarungen über das Hamburger Projekt keine konkreten Summen festgeschrieben wurden, sondern nur vage Absichtserklärungen. Jedes Partnerland hat versprochen, etwas beizutragen, aber nicht genau, wie viel. Schavans Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer hat nun die undankbare Aufgabe, mit jedem Partner einzeln über dessen jeweilige Beiträge zu verhandeln. Frankreich kommt dabei eine Vorbildfunktion für die anderen zu. Frankreich als wirtschaftsstarker Nation mit großer politischer Macht wird in Berlin ein erheblicher Anteil an den Kosten zugedacht.

Rätselraten über den Meinungsumschwung

Noch herrscht Rätselraten über den Meinungsumschwung der französischen Regierung. Das Pariser Wissenschaftsministerium war bis gestern für eine Stellungsnahme nicht zu erreichen. Kommt Meyer-Krahmer demnächst ohne konkrete Zusagen aus Paris zurück, will Bundeskanzlerin Merkel sich persönlich des Hamburger Forschungsprojekts annehmen. Im Februar ist sie mit dem französischen Staatspräsidenten Chirac und Außenminister Philippe Douste-Blazy zu einem „Blaesheim-Gespräch“ verabredet, einem der regelmäßigen deutsch-französischen Treffen. „Wenn bis Februar keine Einigung vorliegt, wird die Kanzlerin ihr ganzes Gewicht einsetzen“, heißt es in der Regierung - ihr politisches Gewicht nicht nur als als mächtigste Physikerin der Gemeinschaft, sondern auch als EU-Ratspräsidentin.

Zweifel, dass XFEL am Ende doch gebaut wird, hat noch niemand. Längere Verzögerungen wären aber peinlich für die EU, die sich seit Januar mit einem 54 Milliarden Euro schweren Forschungsprogramm in einen wissenschaftlich-technologischen Wettkampf mit Amerika geworfen hat. An der Stanford-Universität in Kalifornien entsteht derzeit ein nur unwesentlich kleinerer Röntgenlaser, wie er für Hamburg geplant ist. Er soll 2009 fertig werden. Von Problemen bei der Finanzierung ist bisher nichts bekannt.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite 34
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