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Tschernobyl Zurechtgestutzter Dämon

25.04.2007 ·  Die einen verharmlosten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Gesundheitsrisiken, andere setzten maßlos überzogene Szenarien in die Welt. Ist die Tschernobyl-Strahlung weniger gefährlich als Passivrauchen?

Von Reinhard Wandtner
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Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 schlug die Stunde der Übertreiber. Die einen überboten sich darin, die von der radioaktiven Wolke ausgehende Gefahr zu verharmlosen, während die anderen immer neue, oft maßlos überzogene Schreckensvorhersagen in die Welt setzten. Jetzt hat ein britischer Wissenschaftler, Jim Smith vom Winfrith Technology Center in Dorchester, eine Facette hinzugefügt.

Er spielt das langfristige Strahlenrisiko weder herunter noch hoch, sondern vergleicht es mit alltäglichen Beeinträchtigungen der Gesundheit. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, die Strahlung verursache bei den ehemals und gegenwärtig in Tschernobyl beschäftigten Helfern und der in kontaminierten Gebieten verbliebenen Bevölkerung keine höhere Sterblichkeit als Luftverschmutzung, Passivrauchen und Übergewicht.

Entvölkerung einer ganzen Region

Tatsache ist, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl nicht nur in kurzer Zeit Dutzende Todesopfer unter den Katastrophenhelfern forderte, sondern auch zur Entvölkerung einer ganzen Region geführt hat. Rund 300.000 Menschen wurden umgesiedelt, und man kann sich vorstellen, mit wie viel Leid das einherging. Infolge des kurzlebigen radioaktiven Jods hat Schilddrüsenkrebs, der zum Glück gut behandelbar ist, stark zugenommen.

In seiner von der Online-Zeitschrift „Biomed Central Public Health“ (Bd. 7, S. 49) veröffentlichten Studie konzentrierte sich Smith auf die Krebsmortalität und die Lebenserwartung allgemein, ohne den Anspruch zu erheben, dass alle gesundheitlichen Konsequenzen berücksichtigt werden. Ausgeklammert wurden auch jene Fälle von akuter, zum Teil tödlicher Strahlenkrankheit, von denen offiziellen Angaben zufolge 134 Katastrophenhelfer der ersten Stunde betroffen waren.

Jährliche Dosis von einem bis sechs Millisievert

Den Berechnungen des britischen Wissenschaftlers zufolge ist das strahlenbedingte Sterblichkeitsrisiko der insgesamt rund 200.000 Katastrophenhelfer und der Menschen, die in den am stärksten belasteten Gebieten um Tschernobyl arbeiten oder wohnen, nicht größer als etwa das von Flugpersonal oder von Menschen in Gegenden mit hoher natürlicher Radioaktivität.

Bei Personen, die illegal in der 30-Kilometer-Sperrzone leben, habe man in den späten neunziger Jahren eine jährliche Dosis von einem bis sechs Millisievert ermittelt - gegenüber mindestens zehn Millisievert jährlich bei mehr als 100.000 Bewohnern Finnlands. Die Strahlung in den am stärksten belasteten Gebieten stelle möglicherweise ein geringeres Gesundheitsrisiko dar als die Luftverschmutzung in Städten wie Kiew oder als Passivrauchen.

Was aktives Rauchen und starkes Übergewicht betrifft, kommt Smith zu einer noch nachdenklicher stimmenden Einschätzung: Durch diese Risikofaktoren werde die Lebenserwartung mehr verringert als durch die Strahlung, der die am stärksten exponierten Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki ausgesetzt gewesen waren. Nach Überzeugung von Smith können die Ergebnisse bei der „Risiko-Kommunikation“ nach Strahlenunfällen helfen und dazu beitragen, die schwerwiegenden psychischen Folgen zu mindern.

Quelle: F.A.Z., 26.04.2007, Nr. 97 / Seite 34
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