05.08.2008 · Der Weltuntergang findet wieder einmal nicht statt: Das Komitee für Elementarteilchenphysik hat wissen lassen, dass die gefährlichen kleinen Schwarzen Löcher, die der Large Hadron Collider am Cern nach einigen warnenden Stimmen sollte erzeugen können, definitiv Schimären sind.
Von Joachim Müller-JungSeit es das für Journalisten schweißtreibende, aber immerhin kalendarisch leicht vorhersehbare Sommerloch nicht mehr gibt und statt dessen die Informationslawinen auch in der Urlaubszeit aus allen elektronischen Fasern quellen, seitdem hat sich Nessie aus Loch Ness verabschiedet und in der Vermittlung skurriler Stoffe eine bedenkliche Schieflage eingestellt. Es ist ein bisschen geworden wie mit Wetter und Klima. Früher hat man darüber geredet, wenn die Ereignisse aktuell waren, heute leben wir in der Dauerakutphase der Katastrophe.
So ähnlich könnte das im erlauchten Kreis des Komitees für Elementarteilchenphysik diskutiert worden sein, als man Anfang des Jahres von den Weltuntergangsphantasien im Zusammenhang mit der geplanten Inbetriebnahme des Large-Hadron Colliders (LHC) in Genf hörte. Namentlich der Tübinger Biochemiker und Chaosforscher Otto Rössler spekuliert seither lebhaft und tanzt auf sämtlichen öffentlichen Hochzeiten, wenn es darum geht, eine neue planetarische Gefahr zu beschwören.
Verschlingende Minilöcher
Die unermessliche Wucht, mit der die Protonen im Teilchenbeschleuniger kollidieren, könne laut Rössler künstliche, alles verschlingende Schwarze Minilöcher im LHC produzieren, die letztlich sogar die Erde vernichteten. Und Rössler war nicht einmal der einzige Querkopf. Das Medienspektakel um den Genfer Weltuntergang ist zum Selbstläufer geworden. Die Selbstausrottung der Menschheit, das ist ja auch Stoff bis zum bitteren Ende.
Im Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf beginnt an diesem Mittwoch das aufwendigste wissenschaftliche Experiment der Welt: In einem gigantischen Teilchenbeschleuniger werden für kurze Zeit Verhältnisse erzeugt, wie sie Billionstelsekunden nach dem Urknall herrschten.
Wäre da nicht das Komitee für Elementarteilchenphysik, die Vertretung aller Teilchenphysiker an deutschen Universitäten und außeruniversitären Instituten sowie dem Genfer LHC-Betreiber Cern dazu. Das Komitee hat jetzt offiziell klargestellt: Die Mutmaßungen über erdvernichtende Schwarze Löcher im LHC „beruhen auf grundlegenden Missverständnissen der Allgemeinen Relativitätstheorie“ und „auf bereits widerlegten Annahmen, die in sich inkonsistent und durch Messungen als falsch bewiesen sind“.
Durchatmen. Nichts droht, was sich nicht längst erledigt hat. Die Entwarnung kommt zwar ein halbes Jahr zu spät, aber immerhin wurde mit dem Coup kurz vor dem LHC-Start die Apokalypse dorthin versetzt, wo sie hingehört: ins Sommerloch. Den Spaß hat man sich wohl gegönnt.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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