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Schrift von Archimedes „Heureka!“ in San Francisco

 ·  Ziegenhaut, Spinat und Röntgenlicht haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Doch nun führten sie einen deutschen Forscher zu einer Idee, mit der er es schaffte, eine alte Schrift von Archimedes sichtbar zu machen.

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Dem Sizilianer Archimedes wird vieles nachgesagt. So soll er unter anderem, in der Badewanne sitzend, „heureka!“ gerufen haben, als er im Wasser das Auftriebsprinzip entdeckte. Es ist aber nicht bekannt, ob der vor mehr als 2200 Jahren lebende Mathematiker auch nur einen kleinen Teil seiner wissenschaftlichen Schaffenskraft dem Spinat gewidmet hat.

Für den aus Deutschland stammenden Physiker Uwe Bergmann ist die eisenhaltige Pflanze dagegen ein wichtiges Forschungsobjekt. Am Synchrotronbeschleuniger in Stanford beschießt er nämlich Spinatblätter mit Röntgenstrahlen. Er kann auf diese Weise feststellen, wieviel Eisen und andere Metalle in den verschiedenen Teilen der Pflanze enthalten sind. Diese Informationen sind wiederum für jene Biochemiker wichtig, die sich mit der Erforschung der Photosynthese in Pflanzen befassen.

Übertragung der Bestrahlung live im Internet

Eines Tages stieß Bergmann auf einen Artikel über eine Schrift von Archimedes. Ein Mönch hatte im Mittelalter den ursprünglichen Text auf den Bögen aus Ziegenhaut abgekratzt, weil ihm Papier für ein Gebetbuch fehlte. Dann beschrieb er die Bögen neu. Nun suchten, so las Bergmann, Altertumsforscher nach Möglichkeiten, die ursprünglichen Worte von Archimedes zu entziffern. Die Tinte von damals habe, so hieß es weiter, geringe Spuren von Eisen und Kalzium enthalten. Wie Archimedes entglitt Bergmann daraufhin ein „Heureka!“. Wenn er mit seiner Röntgenfluoreszenz das Eisen im Spinat sichtbar machen kann, warum sollte er damit nicht auch das Eisen in den ursprünglichen Tintenresten in dem alten Manuskript entdecken?

Am Wochenende konnte nun jeder, der über einen schnellen Internetanschluß verfügt, verfolgen, wie die alte Schrift mit dem Text von Archimedes tatsächlich Zeile für Zeile sichtbar wurde. Während Bergmann und seine Mitarbeiter die Seiten in Stanford vorsichtig mit Röntgenlicht bestrahlten, übertrug das „Exploratorium“ in San Francisco die dabei erscheinenden Bilder live über das Internet.

Buch erst mit ultraviolettem Licht bestrahlt

Diese Live-Dechiffrierung war allerdings nicht einfach und kam keineswegs einer Simultanübersetzung gleich. Jene Bilder, die aufwendige Computerprogramme von den Meßwerten der Fluoreszenzdetektoren zusammenstellten, zeigten die alten Buchstaben nur schemenhaft. Hier und da war für den Laien ein Omega oder ein Alpha zu erkennen, komplette Worte oder Sätze vermochte aber selbst William Noel, der am Walters Art Museum in Baltimore für das Archimedes-Palimpsest zuständige Kurator, nicht unmittelbar zu entziffern. Man werde, so sagte Bergmann, die Bilder filtern und kontrastverstärken, um den Forschern die Entzifferung zu erleichtern.

Bevor die Bögen aus Ziegenhaut in die unterirdischen Gewölbe des Stanford-Synchrotrons gelangten, hatten sie eine bewegte Geschichte hinter sich. Der ursprüngliche Text stammte nämlich nicht von Archimedes. Vielmehr hat ein unbekannter Schreiber ein vom Griechen selbst beschriebenes Papyrus irgendwann im zehnten Jahrhundert Buchstabe für Buchstabe auf die Ziegenhaut übertragen. Am 13. April 1229 bekam der Mönch Johannes Myronas in Jerusalem die Bögen in die Hände, radierte alle Worte des Archimedes aus und schrieb darauf das reichverzierte Gebetbuch. Dieses Datum ist bekannt, nachdem das „überarbeitete“ Buch vor vier Jahren mit ultraviolettem Licht bestrahlt worden war. Dabei kamen der Name des Autors und das Datum seiner Fertigstellung zum Vorschein.

Eigentliches Gebetbuch wird nicht zerstört

Von Jerusalem gelangte das Buch in die Bibliothek des Klosters St. Sabas bei Bethlehem. Später wurde es zum Sitz des Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche nach Konstantinopel gebracht. Dort entdeckte es der deutsche Bibelforscher Constantin Tischendorf. Er muß wohl eine Seite herausgerissen haben, denn die Universitätsbücherei Cambridge erwarb sie 1897 aus Tischendorfs Nachlaß. Die wahre Bedeutung des Palimpsest wurde aber erst vor hundert Jahren deutlich. Damals gelang es nämlich dem Dänen Ludwig Heiberg, große Teile des ursprünglichen Manuskriptes zu entziffern. Dabei traten einige wichtige Werke von Archimedes zutage.

Jene Seiten des Gebetbuches, die zum Teil mit goldunterlegten Abbildungen verziert waren, blieben den Altertumsforschern aber bis heute verborgen. Erst die Röntgenfluoreszenz macht nun die ursprünglichen Texte sichtbar, ohne das eigentliche Gebetbuch dabei zu zerstören. Bergmann und Noel wollen die erschlossenen Seiten in den nächsten Tagen im Internet veröffentlichen (www.archimedespalimpsest.org).

Quelle: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 32
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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