Home
http://www.faz.net/-gx7-74byf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Risikodebatte Nanomaterialien Heikle Hoffnungsträger

Partikeln aus Titandioxid schädigen Wasserflöhe und deren Nachkommen, obwohl letztere mit dem Material selbst nicht in Kontakt gekommen waren.

© Universität Koblenz-Landau Vergrößern Wasserfloh mit Titandioxid an seiner Oberfläche. Die Partikeln mindern die Schwimmfähigkeit des Kleinkrebses.

Ob in Kosmetika, Zahncremes, Tabletten oder Wandfarbe - nanometergroße Partikeln aus Titandioxid werden überall dort verwendet, wo ein strahlend weißer optischer Eindruck erzielt werden soll. Zudem ist das Material obendrein ein effektiver UV-Filter in Sonnencremes. Doch je stärker man die Nanomaterialien nutzt, desto größer ist auch das Risiko, dass sie unkontrolliert etwa über Abwässer in die Umwelt gelangen. Seit einigen Jahren diskutiert man über die möglichen Auswirkungen auf die Natur und die Gesundheit. Dass industrielle Titandioxid-Partikeln im Wasser lebende Kleintiere offenkundig stärker schädigen können als bislang gedacht, zeigt jetzt eine Studie von Ökotoxikologen der Universität Koblenz-Landau.

Manfred Lindinger Folgen:  

Der Versuchsaufbau

Die Wissenschaftler um Ralf Schulz wählten für ihre Untersuchungen Wasserflöhe der Art Daphnia magna. Diese Kleinkrebse, die eine Lebensdauer von  durchschnittlich wenigen Monaten aufweisen,  sind Standard-Testorganismen für Wissenschaftler, die Chemikalien oder Nanopartikeln auf deren Toxizität hin untersuchen. Die Studienobjekte wurden, kaum waren sie geschlüpft, in Wassergefäße mit unterschiedlich hohen Konzentrationen an Titandioxid-Partikeln gegeben. Die Belastungen variierten zwischen 0,02 und zwei Milligramm pro Liter. Die durchschnittliche Größe der - kommerziell erhältlichen - Titandioxid-Partikeln betrug rund hundert Nanometer. Bei den Versuchen wurde darauf geachtet, dass die Wasserflöhe einer konstanten Belastung ausgesetzt waren. Zur Kontrolle ließ man eine Generation von Wasserflöhen in  Wasser ohne Nanopartikel heranwachsen.

Den Nachwuchs im Blick

Aus früheren Versuchen, wussten die Forscher bereits, dass Wasserflöhe, die längere Zeit Nanopartikeln ausgesetzt sind, ihre Schwimmfähigkeit verloren. Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich die Nanopartikeln besonders an der Oberfläche der Tiere anlagern. Bei ihren jüngsten Versuchen interessierten sich Schulz und seine Kollegen für die Nachkommen von belasteten Wasserflöhen und dafür, ob und wie stark der Nachwuchs geschädigt wird.

Geschädigt ohne direkten Kontakt

Bei einem Experiment ließen die Forscher die Wasserflöhe 21 Tage in einer Titandioxid-Lösung heranwachsen. Nach dieser Zeit entnahmen sie die gerade geschlüpfte fünfte Brut und gaben diese in eine andere, weniger belastete Lösung. Es zeigte sich, dass die Jungtiere bereits bei geringer Titandioxid-Konzentration nach kurzer Zeit Reaktionen zeigten.  In einem anderen Fall wurden die adulten Tiere am 18. Tag herausgenommen und in Wasser ohne Nanopartikel gegeben, in welche sie ihren Nachwuchs entließen. Doch obwohl diese Jungtiere selbst nie Kontakt mit Titandioxid hatten, waren sie bei anschließender Haltung in geringen Titandioxidkonzentrationen weniger schwimmfähig als ihre Pendants einer  Kontrollgruppe (“PlosOne“, doi: 10.1371/journal.pone.0048956).

“Der Effekt trat schon bei einer recht geringen Partikelkonzentration auf, der die Eltern zuvor ausgesetzt gewesen waren - nämlich bei 0,02 Milligramm pro Liter“, sagt Ralf Schulz. Das ist liegt bereits im Bereich der Konzentration, die in wissenschaftlichen Studien für natürliche Gewässer vorhergesagt wird.  „Überraschenderweise konnten wir keine Auffälligkeiten gegenüber der Kontrollgruppe feststellen.“

Ursache noch im Dunkeln

Warum die Jungen so empfindlich reagieren, können die Forscher noch nicht sagen. „Wir glauben, dass die Eltern durch die Titandioxid beeinträchtigt werden und ihrem Nachwuchs dadurch nicht das weitergeben können, was dieser zum Überleben benötigt“, erklärt Schulz. Die Studie zeigt, dass die bislang als unbedenklich geltenden Titandioxid-Nanopartikeln offenkundig doch nicht so harmlos sind. Für Schulz reichen klassische Untersuchungen und Risikobewertungen nicht aus. Die Zulassungsbehörden müssten sich zügig für eine Weiterentwicklung  und Einführung angepasster Tests einsetzen, um auch langfristige Risiken bewerten zu können.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Greenpeace Kinderkleidung vom Discounter häufig mit Chemie belastet

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat in Textilien für Kinder Umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien nachgewiesen. Einige der Stoffe gelten als krebserregend. Mehr

23.10.2014, 08:55 Uhr | Finanzen
Putzige Panda-Drillinge in chinesischem Zoo

Der Zoo im chinesischen Kanton kann sich über seltenen Nachwuchs freuen: Eine Riesenpandadame hat dort vor zwei Wochen Drillinge zur Welt gebracht. Dem Tierpark zufolge ist es der einzige Drillingswurf, bei dem alle drei Jungtiere überlebten. Riesenpandas gelten als paarungsunwillig, ihre Nachzucht ist schwierig. Mehr

12.08.2014, 14:02 Uhr | Gesellschaft
Deutsche Einzelkritik Dirigent Kroos - Laufwunder Götze

Kroos dirigiert, Götze rennt, Bellarabi gefällt. Das DFB-Team macht gegen Irland kein schlechtes Spiel, gewinnt aber trotzdem nicht. Neuer bleibt praktisch ohne Beschäftigung – bis zur Nachspielzeit. Mehr

14.10.2014, 22:55 Uhr | Sport
Gepard und Hund unzertrennlich

Die beiden Jungtiere sorgen weiter für Aufsehen im Zoo von San Diego. Die Mutter hatte es verstoßen, doch Gepardenebaby Ruuxa hat in Hund Raina einen guten Freund gefunden. Mehr

19.08.2014, 15:57 Uhr | Gesellschaft
Es geht um unser Geld Warum der Mindestlohn teuer ist

Mindestlohn und Alterseinkünfte: Immer wieder beschließt die Regierung Gesetzte ohne zu verraten, was sie wirklich kosten. Gut, dass jemand nachrechnet. Mehr Von Ernst Eggers

13.10.2014, 10:42 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.11.2012, 19:37 Uhr

Haltung!

Von Joachim Müller-Jung

Ärzte lieben Symbole, wie die Kunst und Geschichte. Und besonders lieben sie politische Symbole. Wenn Ärzte der Stadt Berlin also zehn Spree-Eichen spenden, dann steckt da sicher etwas dahinter. Oder wünschen sie sich einfach nur eine schönere, grüne Hauptstadt? Mehr 5