Es ist Ende Dezember 1559, ein Tag wie heute, nur eben vor 450 Jahren. Und mitten in Transsilvanien. Draußen wird wohl Schnee gelegen haben, dafür ist die Gegend bekannt. In einer kleinen beheizbaren Kammer im Zeughaus von Hermannstadt am Fuße des Karpatenbogens sitzt ein 50-jähriger Mann mit Bart im warmen Wams und mit dicken Schnürstrümpfen aus Schafwolle. Er bastelt Feuerwerksraketen. Nicht, weil Silvester vor der Tür steht, sondern weil Raketenbasteln das ist, was er immer macht, wenn nicht gerade ein Krieg oder eine Belagerung seine Expertise als Zeugwart und Büchsenmeister in Anspruch nimmt.
Der Mann mit dem Bart heißt Conrad Haas, und er erfindet über die Jahre so nebenbei außer "allerley überaus schönem und künstlichem Feuerwerk" auch "drey Rackett ineinander geschoben mit drey Schüssen" - vulgo die Mehrstufenrakete. Auch wenn Haas dabei sicher nicht an die Raumfahrt dachte oder an von Mutlangen nach Moskau fliegende Atomsprengköpfe - er war doch, zumindest soweit heute bekannt, derjenige, der als Erster die dafür nötige Technik entwickelte.
Fast 400 Jahre war Haas beinahe völlig in Vergessenheit geraten. Zwar stießen Historiker im Archiv in Hermannstadt immer wieder auf das unter "Varia II 347" abgelegte Manuskript mit den vielen schönen Zeichnungen, "gerissen vnnd zusammengetragen vnnd zum Teil erfunden durch Conrad Haas von Dornbach vom Geschlechte aus dem Haasenhof bei Landshut". Man wusste von ihm, dass er 1551 mit der Armee Kaiser Ferdinands nach Siebenbürgen gekommen war. Auch, dass seine Nachkommen in dem Land geblieben waren, das später unter anderem zum Habsburgerreich und schließlich zu Rumänien gehören sollte, war bekannt; einer von ihnen wurde sogar Bischof.
Wiederentdeckung des Manuskripts
Doch bis die wortwörtliche Sprengkraft des Inhalts jener handbeschriebenen und -bemalten Seiten irgendjemandem klar wurde, musste erst das Raumfahrtzeitalter beginnen. 1961, im Jahr der ersten Erdumrundung Juri Gagarins, stieß der Ingenieur und Technikhistoriker Doru Todericiu im Archiv der Stadt, die inzwischen den rumänisch-deutschen Doppelnamen Sibiu/Hermannstadt trug, auf das erwähnte Manuskript. Ob er selbst es war, der die Bedeutung der reich illustrierten Seiten erkannte, oder jemand anders, der aber dem Regime nicht genehm war, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Todericiu jedenfalls veröffentlichte 1969, im Jahr der Mondlandung, sein Buch über das Manuskript. Der Raketenpionier wird darin zu "Conrad de la Sibiu" umbenannt, das komplett auf Deutsch verfasste Werk, das Haas selbst "Kunstbuch" betitelte, nennt Todericiu "Manuscrisul de la Sibiu".
Nicht zuletzt diese Art von Vereinnahmung und die Veröffentlichung - mit Ausnahme einer kurzen Notiz auf einer internationalen Fachkonferenz - nur in rumänischer Sprache sind Gründe dafür, dass es über Haas und seine Raketen bis heute praktisch keine weiteren wissenschaftshistorischen Untersuchungen gibt. Hans Barth, ein in Siebenbürgen geborener Ingenieur und Autor, der seit Mitte der achtziger Jahre in Westdeutschland lebt, veröffentlichte 1983 in einem kleinen deutschsprachigen Bukarester Verlag eine kurze Biographie über Haas. Es ist die bislang einzige. Eine Neuauflage davon erschien 2005 im Johannis Reeg Verlag unter dem Titel "Conrad Haas. Raketenpionier und Humanist".
Doch Informationen fand auch Barth jenseits des Manuskriptes nur spärlich. "Fast alles, was man über Haas weiß, stammt aus dem Kunstbuch", sagt er, "man kann sein Leben deshalb nicht gut rekonstruieren." Selbst ein Todesjahr steht nicht genau fest, manche Sekundärquellen nennen 1579, der rumänische Technikhistoriker Florin Zaganescu dagegen schließt aus den verfügbaren Dokumenten, dass er schon drei Jahre früher starb.
Raketen, Feuerräder, Böller
Rekonstruieren, oder es zumindest versuchen, könnte man allerdings eigentlich einmal Haas' Entwürfe. Es wäre nicht uninteressant, zu sehen, ob die laut Manuskript auch immer wieder in "ein Prob" bewährten Raketen, Feuerräder und "allerley Art und Manier der Schläg zu obengenannten Feuerwerken" - also Böller - tatsächlich funktionieren. Damit ließen sich am Samstagabend sicher lockere fünfundvierzig Fernseh-Minuten füllen. Detailreich genug jedenfalls sind die Beschreibungen und Zeichnungen des vor 500 Jahren geborenen Büchsenmeisters.
Das "Kunstbuch" - wobei das Wort Kunst hier für diese spezielle Handwerks-Kunst steht - setzt sich aus drei Teilen zusammen. Der erste, für den heutigen Sprachgebrauch ebenfalls etwas irreführend "Feuerwerksbuch" betitelt, stammt möglicherweise von einem bayerischen Vorfahr des Hermannstädter Raketenbauers und ist eine Monographie über das Kriegshandwerk mit Fokus auf Kanonen und Schießpulver. Jener Hanns Hasenwein, der seine Kenntnisse irgendwann nach 1417 zu Papier brachte, kam jedenfalls auch, wie Haas, aus der Familie vom "Haasenhof" bei Landshut, über den allerdings in den Landshuter Archiven nichts gefunden werden konnte.
Zum zweiten Teil, einer Zusammenfassung des Wissens der Zeit über die vornehmlich militärisch eingesetzte Pyrotechnik, ist kein Autor bekannt. Teil drei schließlich ist das Lebenswerk des Conrad Haas. Er war 60 Jahre alt, als er das Buch abschloss, und 20, als er die ersten Zeichnungen datierte und mit "C.H." signierte - auch jene über Mehrstufenraketen. Ob Haas selbst deren Erfinder war oder als 20-Jähriger eher auf Konzepte seiner Lehrmeister zurückgriff, wäre eine Frage, die Wissenschaftshistoriker noch zu klären hätten.
Auf den Mehrstufenantrieb kam es an
Dass allerdings jene, die bis zur Entdeckung des haasschen Manuskriptes als Urväter der Mehrstufenrakete galten, auf den Meister aus Siebenbürgen zurückgegriffen hatten, ohne ihn zu zitieren, gilt inzwischen als sicher. Der polnische Waffentechniker Kazimierz Semienowicz, der 1650 sein Werk "Artis magna artilleriae pars prima" veröffentlichte, hat vom Deutschen Johannes Schmidlap abgeschrieben. Schmidlap wiederum hatte für sein Buch "Künstliche und rechtschaffene Feurwerck" von 1591 offenbar unter anderem - und speziell beim Thema Mehrstufenantrieb - Haas als Ideengeber.
Eine mathematisch-physikalische Erklärung, warum solche Raketen den einteiligen so überlegen sind, folgte erst Anfang des 20. Jahrhunderts, unter anderem durch den im selben Hermannstadt geborenen Hermann Oberth. Aus der von ihm aufgestellten "Raketengrundgleichung" geht unter anderem hervor, wie entscheidend das Gewicht des Raketenmaterials bei der Beschleunigung ist. Wird es, nachdem der Treibstoff-Inhalt jeweils verbraucht ist, Stück für Stück abgeworfen, muss es nicht mehr mit beschleunigt werden. Dieses stufenweise Abspecken macht den entscheidenden Unterschied für die Raumfahrt: Nur mit diesem Verfahren ist es bisher möglich, die Erdanziehung zu überwinden.
Bis auf weiteres kann jedenfalls Haas, der alles als Erster aufgeschrieben hat, als Pionier gelten. Freilich gibt es Einwände: Dort, wo das Feuerwerk wahrscheinlich überhaupt erfunden wurde, in China, ist schon lange vor Haas' Zeiten etwas beschrieben, was man strenggenommen als Mehrstufenrakete bezeichnen könnte. In einem Buch namens "Huolongjing" von einem Autor namens Jiao Yu taucht ein mit Pulver gefülltes Geschoss auf, aus dessen Drachen-Rachen nach Abbrennen der Hauptrakete viele kleine Einzelraketen gespuckt werden. Ob sie allesamt als zweite Stufen oder eher als Nutzlast einer einstufigen Rakete zu definieren sind, darüber könnte man streiten. Doch selbst wenn der chinesischen, rein militärisch eingesetzten Rakete der Erstlings-Status zuerkannt würde: Haas' Leistung wäre kaum geschmälert. Denn der Hermannstädter Bastler kannte das chinesische Design mit Sicherheit nicht. Und in seiner Schrift finden sich noch andere technische Neuheiten.
Glockenförmige Düsen
Haas muss ein großer Experimentator gewesen sein. Hans Barth meint, er sei "in einem Wechselspiel aus Empirie und Intuition zum Mehrstufenprinzip gelangt". Anderseits deutet die schiere Fülle der Erfindungen darauf hin, dass dem Probieren sowohl eine umfassende Kenntnis des Wissens seiner Zeit als auch einiges Theoretisieren vorausgegangen sein muss. Zudem verstand er es, Erfahrungen aus anderen Bereichen für seine Zwecke zu nutzen. So finden sich in einer seiner Zeichnungen deltaförmige Stabilisierungsflossen für seine Raketen, die dem federnen Leitwerk von Pfeilen ähneln.
Ein anderes auch heute übliches, von Haas erstmals beschriebenes Raketendetail sind glockenförmige Düsen, die bei größeren Geschossen extra angefertigt wurden und bei kleineren Papierraketen durch Einschnüren am Ende entstanden. Außerdem bündelt der Meister mehrere Raketen um einen Leitstab, baut Feuerräder für festliche Anlässe und lässt zu militärischen Aufklärungszwecken Leuchtkugeln erstrahlen, nachdem sie mit seinen Raketen in Richtung feindliches Gebiet abgeschossen wurden.
Haas ist auch der Erste, der Flüssigtreibstoff als Zusatz zum Pulver empfiehlt, "Branntenwein" zum Beispiel, heute in Siebenbürgen als "Zuika" bekannt. Seine Frau wird jedenfalls froh gewesen sein, wenn der Herr Arsenalsverwalter seine Experimente nicht zu Hause durchführte, denn als Beimengung für seine "Gezeug" nennt er unter anderem auch "Menschenharn und andere dergleichen Dinge", um den richtigen Treibstoff im Zweifelsfall "auch in einer Eil bald zu machen".
Ein liebenswürdiger Herr
All diese Originaltöne aus der haasschen Feder und die Illustrationen, auf denen der Raketenpionier hie und da auch selbst zu sehen ist, vermitteln einen seltsam unmittelbaren Eindruck: Beim Durchblättern des kopierten Manuskripts im Schummerlicht hinter den dicken Mauern des Hermannstädter Staatsarchivs (das Original liegt längst in Bukarest) kann es einem so vorkommen, als sei der, von dem all das stammt, ein guter Bekannter. Man würde sich nicht wundern, legte der Mann einem plötzlich von hinten die Hand auf die Schulter und sagte in einer Mischung aus Wiener und siebenbürgisch-sächsischer Mundart, dass es jetzt doch wohl Zeit sei, gemeinsam "Racketten zuzurichten, auf dass sie in die Höhe kommen, zupen und drey Schüsse tun".
Dass man ohne Angst, selbst in die Luft zu fliegen, mitgehen würde, liegt auch daran, dass das wenige, was über ihn sonst noch bekannt ist, Haas als umsichtigen und liebenswerten Herrn erscheinen lässt. So geht aus anderen Dokumenten des Hermannstädter Archivs hervor, dass Haas nach seiner Ankunft in Siebenbürgen eigenes Geld vorstreckte, um ein neues Zeughaus bauen zu lassen. Und man fragt sich, ob es nur kaiserlicher Befehl war, der den Mann aus Wien hierhertrieb, oder vielmehr die Erwartung, sich in jenem entfernten, aber wohlhabenden Winkel Europas ungestört dem Erfinden hingeben zu können.
Doch was ihn vor allem sympathisch macht, ist eine ganz andere Art von Erstleistung eines Wissenschaftlers. Viele Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts, die an potentiell gefährlichen Erfindungen arbeiteten, setzten später ihre Autorität und häufig auch ihr Geld ein, um für eine friedliche und gegen eine kriegerische Nutzung zu werben, Alfred Nobel etwa. Keiner jener Mahner hatte je von ihm gehört. Doch er war ihr geistiger Vorreiter.
Am Ende des Kapitels über den militärischen Einsatz von Raketen schreibt er: "Aber mein Rath mehr Fried und kein Krieg, die Büchsen do sein gelassen unter dem Dach, so wird die Kugel nit verschossen, das Pulver nit verbrannt oder nass, so behielt der Fürst sein Geld, der Büchsenmeister sein Leben; das ist der Rath so Conrad Haas tut geben."
