30.11.2006 · Eine Substanz wie Polonium-210 ist gar nicht so leicht nachzuweisen, zumal dann, wenn sie lediglich in Spuren vorkommt. Die Ermittlungen im Fall Litwinenko sorgen für große Beunruhigung.
Die Nachricht, bei den Ermittlungen im Fall des mit Polonium getöteten Alexander Litwinenko sei auch in Flugzeugen Radioaktivität nachgewiesen worden, hat zu großer Beunruhigung geführt. Gesundheitsämter werden mit Anfragen überhäuft, ob man noch ohne Bedenken fliegen könne und ob man vielleicht schon verseucht sei. Nach Ansicht von Experten des Strahlenschutzes deutet vieles darauf hin, daß die Gefährdung maßlos überschätzt wird. Offenbar ist noch nicht einmal bekannt, was genau in den Flugzeugen gemessen wurde.
Eine Substanz wie Polonium-210 ist gar nicht so leicht nachzuweisen, zumal dann, wenn sie lediglich in Spuren vorkommt. Die von ihr ausgehende Alphastrahlung hat nämlich nur eine geringe Reichweite. In der Luft beträgt sie etwa fünf Zentimeter, in Körpergewebe sogar weniger als ein Zehntel Millimeter. Selbst wenn jemand direkt neben einer mit Polonium-210 vergifteten Person säße, könnte ihm die Alphastrahlung aus dem Körper nicht gefährlich werden. Gammastrahlung, die eine weit größere Reichweite hat, wird von diesem Isotop so gut wie gar nicht abgegeben.
Schwierige Analysen
Zur Messung benötigt man Geigerzähler mit einem speziellen, nur zehn Mikrometer dicken Einlaßfenster, das für die Alphastrahlung - es handelt sich dabei um Heliumkerne - durchlässig ist. Es gibt Meßgeräte von der Form eines Bügeleisens, mit denen man zum Beispiel die Sitzreihen eines Flugzeuges absuchen kann. Zeigt das Instrument Radioaktivität an, weiß man noch nicht, um welche Art von Strahlung geschweige um welche Substanz es sich handelt. Hält man aber ein Blatt Papier vor das Meßfenster und das Gerät verstummt daraufhin, ist immerhin klar, daß es sich um Alphastrahlung handelt, denn nur sie wird schon durch das Papier abgeschirmt.
Eine genaue Analyse ist erst im Labor möglich. Dazu benötigt man etwas Material von der verdächtigen Stelle oder eine sogenannte Wischprobe. Eine solche Probe wird dadurch gewonnen, daß man etwa mit einem Tuch über die kontaminierte Oberfläche wischt. Analysiert wird die Probe dann mit einem Alpha-Spektrometer. Ein Detektor registriert dabei die Energie der Strahlung. Um welche radioaktive Substanz es sich handelt, kann an den Energie-Peaks, den Strahlungsgipfeln, abgelesen werden, denn diese sind charakteristisch für die verschiedenen Substanzen.
Halbwertszeit entscheidend für die „tödliche Dosis“
Die genaue Analyse einer einzigen Wischprobe kann sich ohne weiteres über einen ganzen Tag hinziehen. Die Fahnder im Fall Litwinenko werden sich demnach in Geduld üben müssen, wenn sie Wert auf verläßliche Daten legen. Experten des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in München-Neuherberg haben berechnet, welche Mengen an Polonium-210 die tödliche Strahlendosis bei dem ehemaligen Agenten verursacht haben könnten. Sie legen dabei die Annahme zugrunde, daß die Dosis ungefähr zehn Gray betragen hat und die Substanz mit der Nahrung in den Verdauungstrakt gelangt ist. Theoretisch hätten demnach 0,06 Mikrogramm (millionstel Gramm) genügt. Die tödliche Dosis wäre dann allerdings erst nach rund 100 Tagen erreicht worden. Schon innerhalb von drei Tagen hätten indessen 1,2 Mikrogramm die tödliche Strahlendosis versachen können.
Bei solchen Berechnungen müssen unter anderem die physikalische Halbwertszeit von Polonium-210, die 138 Tage beträgt, und die "biologische Halbwertszeit" berücksichtigt werden, also die Zeit, in der die Hälfte der aufgenommenen Menge ausgeschieden wird. Letzere wird auf 50 Tage beziffert. Das Isotop wird zu 90 Prozent über den Stuhl und zu zehn Prozent über den Urin ausgeschieden. Polonium-210 kommt auch in der Natur vor, allerdings in äußerst geringer Menge. Ein Kubikmeter Atemluft weist durchschittlich eine Aktivität von einigen Mikro-Bequerel (radioaktive Zerfälle pro Sekunde) auf. Polonium-210 kann sich aber anreichern, etwa in Pflanzen, die einen Vorläufer (Blei-210) aus dem Boden aufnehmen. Daß Spuren von Polonium im Tabakrauch nachgewiesen wurden, ist insofern von gewisser Bedeutung, als die Substanz über die Lunge viel leichter in den Körper gelangt als über den Darm.
Po-210 ordentlich beschrieben
Dietmar Nieder (DUWN01)
- 01.12.2006, 14:31 Uhr