29.07.2004 · Die britische Royal Society empfiehlt der Politik zu handeln: Sie solle mit der Bevölkerung endlich einen breiten Dialog über Chancen und Risiken der Nanotechnik beginnen - schließlich solle diese die Produkte kaufen.
An großen Versprechen ist die Nanotechnik nicht arm, soll sie doch leistungsfähigere Computer, neue Materialien mit außergewöhnlichen Eigenschaften sowie effizientere medizinische Therapien hervorbringen und damit einen Milliarden-Markt erobern. Einige Experten sehen sogar schon die dritte industrielle Revolution anbrechen, von der alle Bereiche des Lebens profitieren werden.
Was die einen in Goldgräberstimmung versetzt, ist für die anderen vielfach Anlaß zu Schreckensszenarien. Tatsächlich ist nur verhältnismäßig wenig über die Risiken für Gesundheit und Umwelt jener Technik bekannt, die Strukturen und maßgeschneiderte Partikeln von weniger als hundert Nanometer Größe kontrolliert herstellen kann.
Viele Unsicherheiten
Um die bestehenden Wissenslücken zu schließen, wurden in Europa zahlreiche Studien vorgenommen. So auch von der Royal Society in England, die ihren 113 Seiten umfassenden Bericht jetzt vorgelegt hat (www.nanotec.org.uk/finalRe port. htm). Die Verfasser, Ann Dowling von der University of Cambridge und ihre Kollegen, zeichnen darin ein durchaus positives Bild vom Stand und von den Perspektiven, die die Nanotechnik bietet.
Ihrer Meinung nach bergen die meisten Verfahren und Produkte keine neuen Gefahren. Allerdings gibt es angesichts der dünnen Datenlage noch immer zu viele Unsicherheiten über die potentiellen Risiken für Gesundheit und Umwelt, die von freigesetzten Nanoteilchen und Nanoröhrchen ausgehen. Vor allem die menschliche Lunge könnte eine Angriffsfläche bieten, so der Bericht. Die Teilchen werden anders als mikrometergroße Schwebeteilchen nicht von den Freßzellen eliminiert und können über die Blutbahn in verschiedene Organe gelangen, wo sie lebensgefährliche Entzündungen auslösen.
Breiter Dialog mit Bevölkerung
Generell sollten die nanometergroßen Partikeln und Röhrchen rechtlich wie neuartige Chemikalien behandelt werden, haben sie häufig doch völlig andere Eigenschaften als ein Festkörper aus dem entsprechenden Material. Spezielle Sicherheitstests und die Kennzeichnungspflicht für alle Nanoprodukte sollen die Verbraucher künftig vor unbekannten Risiken schützen. Als gutes Beispiel könnten Titandioxyd-Partikeln dienen, die, bevor sie als UV-Schutz in Sonnencremes zugelassen wurden, zahlreiche Prüfungen durchlaufen mußten. Frau Dowling und ihre Kollegen rufen die Industrie auf, Ergebnisse aus Materialprüfungen offenzulegen und die Eigenschaften der Nanopartikeln bei ihren Tests stärker zu berücksichtigen.
Die Arbeitsgruppe sieht keinen Grund, die Produktion von Nanopartikeln generell zu verbieten, wie es von einigen Kritikern gefordert wird. Dennoch empfiehlt sie, ihre Freisetzung in die Umwelt und damit ihre Konzentration so gering wie möglich zu halten, bevor nicht alle möglichen Risiken bekannt sind. Besonders am Arbeitsplatz und in Laboratorien, wo mit großen Mengen von Nanopartikeln hantiert wird, sollten bestehende Grenzwerte überprüft und gegebenenfalls gesenkt werden. Der britischen Regierung empfiehlt die Arbeitsgruppe, endlich einen breiten Dialog mit der Bevölkerung über Chancen und Risiken der Nanotechnik zu beginnen - schließlich solle diese die Produkte kaufen.