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Nanotechnik Lauern Gefahren aus dem Zwergenreich?

03.12.2007 ·  Viele Experten nehmen die Risiken der Nanotechnik ernster als so mancher Laie. Auch wenn grüne Gentechnik, Stammzellforschung, die Klonierung von Lebewesen oder die Energiegewinnung durch Kernspaltung Reizthemen sind, die in der Bevölkerung bisweilen auf große Ablehnung stoßen.

Von Manfred Lindinger
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Grüne Gentechnik, Stammzellforschung, die Klonierung von Lebewesen oder die Energiegewinnung durch Kernspaltung sind Reizthemen, die in der Bevölkerung bisweilen auf große Ablehnung stoßen. Die Schuld für die mangelnde Akzeptanz wird gerne jenen Wissenschaftlern, Politikern und Industrieforschern zugeschoben, die es in der Vergangenheit versäumt haben, ein objektives Bild von den Chancen und den Risiken der neuen Technologien zu vermitteln und rechtzeitig Vorurteilen und unbegründeten Ängsten zu begegnen.

Damit dem noch jungen Gebiet der Nanotechnik nicht Ähnliches droht, versuchen Wissenschaftler und andere Experten, früh die Risiken abzuschätzen und mögliche Folgen der Technologie zu bewerten, die Strukturen und Objekte hervorbringt, deren Abmessungen weniger als ein Tausendstel des Durchmessers eines Haares betragen. Doch überraschenderweise sehen offenbar viele Wissenschafter bereits deutlich mehr Gefahrenpotentiale in der Nanotechnik als Laien, insbesondere was die möglichen Auswirkungen von Nanomaterialien auf die Gesundheit und die Umwelt anbelangt. Das geht aus einer aktuellen amerikanischen Studie hervor.

Risiken und Nebenwirkungen

Dass in Europa wie in den Vereinigten Staaten die Technikskepsis weit verbreitet ist, belegen zahlreiche Umfragen. Die Erfahrungen mit Contergan, Asbest, die Chemieunfälle von Seveso und Bhopal sowie die Reaktorunglücke in Harrisburg und Tschernobyl haben ihre Spuren im öffentlichen Meinungsbild hinterlassen. Dass eine kritische Einstellung auch gegenüber der Nanotechnik zu wachsen scheint, zeigt eine Untersuchung aus der Schweiz („Nature Nanotechnology“, Bd. 2, S. 67). Die jüngste Studie, die Kommunikationswissenschaftler von der University of Wisconsin-Madison vorgenommen haben, belegt zum großen Teil die Ergebnisse der Schweizer Befragung. Was die Risiken der Nanotechnik für die Gesundheit und die Umwelt betrifft, kommen Dietram Scheufele und seine Kollegen aber zu einem ganz anderen Resultat.

Die Forscher hatten von Mai bis Juni dieses Jahres 1015 Erwachsene – allesamt Laien – und 363 namhafte Nano-Wissenschaftler und -Ingenieure befragt, wie sie die Chancen und Risiken der Nanotechnik beurteilen. Dabei galt es zu bewerten, ob die Nanotechnik beispielsweise zu einer besseren Behandlung von Krankheiten, zur Verbesserung der nationalen Sicherheit, zu einer Revolution in der Computerindustrie und einem wirtschaftlichen Boom führen sowie zu einer Lösung der Energiefrage beitragen wird. Oder ob sie etwa eher den Verlust der Privatsphäre fördere, die Gefahr von Terrorismus und sich selbst replizierenden Robotern steigere sowie weitere Umweltverschmutzung und neue Gesundheitsgefahren bewirke. Wie zu erwarten, stuften die Experten die aufgeführten Chancen durchweg höher ein als die Laien. Ein ähnliches Bild ergab die Beurteilung der potentiellen Risiken. Diese wurden von den Laien deutlich höher bewertet – bis auf zwei Ausnahmen. Was die möglichen Gefahren für Gesundheit und Umwelt betraf, waren die befragten Experten deutlich besorgter, wie in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Nature Nanotechnologie“ (doi: 10.1038/nnano. 2007.392) berichtet wird.

Mehr Transprenz durch Initiativen

Den Hauptgrund für das auf den ersten Blick unerwartete Umfrageergebnis sehen Scheufele und seine Kollegen vor allem darin, dass in den wissenschaftlichen Zirkeln bereits seit einigen Jahren über die potentiellen Gefahren insbesondere von Nanopartikeln intensiv debattiert wird, in der breiten Öffentlichkeit dagegen selten. Zudem mangele es nach wie vor an brauchbaren Daten, die eine vernünftige Beurteilung der Gefährlichkeit von Nanomaterialien für den menschlichen Organismus und die Umwelt zuließen. Eine für viele höchst unbefriedigende Situation. Dass die Datenlage noch so dünn ist, liegt vor allem an den physikalischen und chemischen Eigenschaften der Nanopartikeln selbst, da sie mit der Teilchengröße erheblich varriieren können.

Mit vielen Initiativen will man in den Vereinigten Staaten und in Europa die Wissenslücke schließen. So fördert hierzulande das Forschungsministerium den Projektcluster „Nanocare“, bei dem Nanomaterialien systematisch auf ihre potentiellen Risiken untersucht und standardisierte Testverfahren entwickelt werden. Die Ergebnisse, die 2009 vorliegen sollen, will man frei zugänglich im Internet veröffentlichen. Das erklärte Ziel solcher Initiativen ist es, für mehr Transparenz zu sorgen und der breiten Bevölkerung die objektive Beurteilung von Risiken und Chancen zu ermöglichen.

Emotionale Diskussion verhindern

Schätzungen zufolge wissen derzeit nur zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung mit dem Begriff Nanotechnik etwas anzufangen. Die Mehrheit dürfte deshalb über Risiken und Gefahren von Nanomaterialien gar nicht oder nur schlecht informiert sein. Politiker und Wissenschaftler wissen aus Erfahrung, dass hier die Schreckensszenarien mancher Umweltaktivisten auf fruchtbaren Nährboden stoßen könnten. Damit der Nanotechnik nicht eine ähnlich emotional geführte Debatte droht wie etwa der Gentechnik, fordern Wissenschaftler und Politiker den breiten Dialog mit der Bevölkerung. Schließlich sollen diese die Nanoprodukte, von denen schon rund 700 auf dem Markt sind, eines Tages kaufen. Angesichts der Ergebnisse der amerikanischen Studie könnte die Nanotechnik zur ersten Technologie werden, in der die Fachleute die Bevölkerung vor den möglichen Gefahren ihrer Disziplin warnen müssen. Eine neue Rolle für die Experten, haben sie doch meist die Aufgabe, beruhigend auf die Öffentlichkeit einzuwirken.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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