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Meeresbiologie Wehrhafte Kieselalgen

15.06.2004 ·  Kieselalgen oder Diatomeen setzen „chemische Waffen“ mit Spätfolgen gegen ihre Freßfeinde ein. Bei einer Verletzung geben sie eine Säure ab, die die folgende Generation ihrer Feinde stark beeinträchtigt.

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Kieselalgen oder Diatomeen, bekannt für ihre dekorativen Gehäuse aus Kieselsäure, können erstaunlich wehrhaft sein. Sie verfügen über ein wirksames chemisches Abwehrsystem. Mit ihm dezimieren sie die Nachkommenschaft ihrer Freßfeinde und sichern sich dadurch einen Überlebensvorteil im Folgejahr. Das hat jetzt eine internationale Forschergruppe um Adrianna Ianora von der Zoologischen Station "Anton Dohrn" in Neapel herausgefunden.

Schon lange rätseln Meeresbiologen darüber, wie es zu den jahreszeitlich wiederkehrenden Massenvermehrungen von Diatomeen in nährstoffreichen Gewässern kommen kann. Besonders im Frühjahr läßt sich mancherorts eine solche "Planktonblüte" beobachten. Diatomeen werden üblicherweise von Ruderfußkrebsen gefressen, die ihrerseits wieder anderen Organismen wie Fischen als Nahrung dienen. Offenbar ist aber die Zahl der Ruderfußkrebse gewöhnlich zu klein, als daß der Planktonblüte begegnet werden könnte. Die Diatomeen sinken dann nach dem Absterben "ungenutzt" auf den Meeresgrund.

Keimschädigend

Daß die Population der Ruderfußkrebse ihren Höchststand erst nach dem Abklingen der Planktonblüte erreicht, hat man bisher mit einem langsamen Wachstum der überwinternden Organismen zu erklären versucht. Schließlich durchlaufen Ruderfußkrebse elf Larvenstadien, was Wochen bis Monate dauert. Die neuen Untersuchungen, an denen auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena und vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven mitgewirkt haben, führten zu einer anderen Erklärung ("Nature", Bd. 429, S. 403).

Demnach geben die Diatomeen, wenn ihre Schale verletzt wird, innerhalb von Sekunden eine Aldehyd-Verbindung ab. Diese entsteht enzymatisch aus Fettsäuren. Der Aldehyd führt bei den Ruderfußkrebsen nicht zu einer akuten Vergiftung. Vielmehr wirkt er keimschädigend, beeinträchtigt also die folgende Generation. Der Nachwuchs der Krebse kann sich häufig überhaupt nicht entwickeln oder weist Mißbildungen auf. Somit steht der massenhaften Vermehrung der Kieselalgen im nächsten Frühjahr nichts mehr im Weg.

Quelle: R.W., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2004, Nr. 137 / Seite N2
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