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Materialwissenschaft Nichts macht so schön grün wie ein paar Jahrtausende

29.05.2005 ·  Lag ein Stück Metall lange im Boden, sieht es selten aus wie neu. Aber etwas Korrosion ist für die Archäologen ein Glück. Denn kaum etwas ist so schwer zu fälschen wie Patina.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Christian Wunderlich kann kaum verbergen, daß ihm die Sache langsam zum Hals heraushängt. Schon wieder wird der Restaurator vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle vor Gericht aussagen müssen. Wieder geht es um die Himmelsscheibe, jenen Jahrhundertfund aus der frühen Bronzezeit. Im Sommer 1999 hatten zwei Raubgräber sie nahe Nebra in Sachsen-Anhalt entdeckt und weiterverkauft. Eine Autorin von Vorzeit-Schmonzetten und ein pensionierter Lehrer, denen man das Stück schließlich abnahm, sind nun wegen Hehlerei angeklagt. Aber ihr Anwalt hatte eine Idee: Vielleicht ist die Scheibe ja eine Fälschung? Dann wäre sie kein Kulturgut und seine Mandanten folglich keine Hehler.

Die Archäologen und Materialwissenschaftler, die den goldverzierten Bronzediskus bisher untersucht haben, würden über diese Advokatenstrategie nur mitleidig lächeln, würde sie ihnen nicht so viel Zeit rauben. Vieles ist an der Scheibe ungewiß, jedoch nicht, daß sie spätestens um 1600 vor Christus zusammen mit anderem Bronzegerät auf jenem Hügel bei Nebra vergraben wurde. Etliche voneinander gänzlich unabhängige Befunde sprechen dafür. Sicherer kann man sich in der Wissenschaft nicht sein.

Unterschiedlicher Silberanteil

So konnte man etwa nachweisen, daß das Goldblech der Gestirne, das der seitlichen Rundbögen und das des dritten, als Sonnenbarke gedeuteten Bogens einen jeweils unterschiedlichen Silberanteil aufweisen. Wahrscheinlich spiegelt das verschiedene Phasen des Gebrauchs der Scheibe wider. Warum aber hätte sich ein Fälscher diese Mühe machen sollen? Auch verrät die Abwesenheit von radioaktivem Blei-210, daß die Bronze der Scheibe spätestens vor einigen Jahrhunderten verhüttet worden sein muß. Zwar ist theoretisch denkbar, daß hier jemand einen weniger wertvollen antiken Bronzegegenstand eingeschmolzen hat. Doch den Aufwand hätte er wohl nur getrieben, wenn er von der Blei-210-Methode gewußt hätte. Die war aber zu dem Zeitpunkt, als die Scheibe auftauchte, noch gar nicht publiziert.

Trotzdem soll morgen nun noch einmal ausgerechnet der Punkt zur Sprache kommen, bei dem sich die Forscher mit am sichersten sind. "Es geht wieder um Korrosion", sagt Wunderlich und meint damit jenes glänzende Tiefgrün, das die Scheibe überzieht. Die Schicht besteht aus Malachit, basischem Kupfercarbonat, das sich aus dem Kupfer der Bronze durch Einwirkung von Sauerstoff und Kohlendioxyd gebildet hat. So große, kompakte Kristallmassen, wie sie das Mikroskop auf der Himmelsscheibe von Nebra sichtbar macht, bildet Malachit nur dann, wenn die Kupferkorrosion sehr langsam geht.

Kunstpatina nur chemisch identisch

Zwar kann ein Fälscher eine Bronzeoberfläche auch künstlich mit Malachit überziehen. Doch wenn das schneller gehen soll als ein paar Jahrhunderte, bilden sich immer nur kleine Kristallitbüschel. Die Kunstpatina wäre mit einer echten zwar chemisch identisch, doch sähe sie völlig anders aus: Die vielen verschieden orientierten Kristalloberflächen würden einen weit höheren Anteil des auftreffenden Lichtes reflektieren, und nur wenig Licht würde durch die Kristalle dringen und dabei durch Absorption nichtgrüner Wellenlängen grün eingefärbt. Einer solchen Kunstpatina fehlt es dadurch nicht nur an Glanz, sie ist auch wesentlich heller, ihr Farbton eher ein Schwimmbadgrün.

Geschlossene, glänzende Kristallschichten aus Malachit lassen sich in kurzer Zeit nicht erzeugen und folglich nicht fälschen. "Man kann natürlich nicht ausschließen, daß das irgendwann mal jemand zustande bringt", sagt Gerhard Eggert, Elektrochemiker und Patina-Spezialist an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, "aber ich kenne keine Methode, mit der das heute möglich ist."

Keine Spur von Grünspan

Eine äußerlich echt, also satt und glänzend wirkende Patina ließe sich nur aus anderen Kupferverbindungen, etwa Acetaten ("Grünspan"), Chloriden oder Nitraten aufbauen. "Aber davon haben wir bei unseren Untersuchungen der Himmelsscheibe nichts gefunden", sagt Wunderlich. Ebensowenig gab es dort Spuren von Harzen oder ähnlichen Materialien, mit denen ein Fälscher hätte versuchen können, die rauhe Oberfläche des künstlichen Malachits zu glätten und ihm somit Glanz und Farbtiefe zu verleihen.

So läßt sich mit der Kombination aus Rastertunnelmikroskopie zur Untersuchung der Kristallstruktur und einer chemischen Spurenanalyse heute praktisch jede künstliche Korrosionsschicht entlarven. Das gilt nicht nur für Bronze. "Gold enthält oft etwas Kupfer, das dann selektiv herauskorrodiert", sagt Eggert. "Und bei Silber ändert sich mit der Zeit oft das Gefüge der Metallkristalle an der Oberfläche. Das ist sehr schwer zu fälschen." Nur beim unedelsten der in der Antike verbreiteten Metalle hätten Fälscher eine Chance. "Die Korrosion von Eisen geht sehr unstrukturiert vonstatten", sagt Eggert, "da könnte ich mir eine täuschend echte Fälschung noch am ehesten vorstellen."

Fiktive Fundgeschichte

Ein geschickter Betrüger wird also gerade nicht versuchen, ein Objekt durch chemische Mittel auf alt zu trimmen. Viel eher wird er es unkorrodiert lassen und sich eine fiktive Fundgeschichte, eine sogenannte Legende, ausdenken, die erklärt, warum die Patina fehlt. Er könnte etwa sagen, das Stück sei im Moor gefunden worden, wo der fehlende Sauerstoff die Bildung einer Mineralkruste verhinderte. "Eine andere beliebte Legende ist die, daß die Korrosionsschichten aus ,konservatorischen Gründen' entfernt worden sind", sagt Christian Wunderlich. Tatsächlich glaubten früher selbst Museumsrestauratoren an die sogenannte Bronzepest, bei der eingelagertes Chlorit, ähnlich wie beim Verrosten von Eisen, zur fortschreitenden Zerstörung des Objektes führt - ein Irrtum. "Aber deswegen hat man die Patina früher oft bis aufs Metall abgefräst", sagt Wunderlich. "Wenn ich die Himmelsscheibe hätte fälschen wollen, dann hätte ich mir irgend so eine Geschichte ausgedacht - aber nie und nimmer hätte ich mich an die Korrosion herangewagt."

So gesehen, spricht allein die Tatsache, daß die Scheibe von Nebra überhaupt Patina trägt, schon für ihre Echtheit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.05.2005, Nr. 21 / Seite 55
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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