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Lärmforschung Und täglich dröhnt das Trommelfell

 ·  Wenn beim Fußball ein Tor fällt, kann der Jubel nicht laut genug sein. Aber wenn beim Nachbarn im Garten ein Frosch quakt, ziehen wir vor Gericht, und das Quietschen eines Nagels auf einer Schiefertafel geht uns durch Mark und Bein. Was unterscheidet guten von schlechtem Lärm? Und wie können wir uns schützen?

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Der Augenblick, der Bernie Krauses Leben veränderte, liegt ziemlich genau vierzig Jahre zurück. Er saß vor einem Haufen leerer Tonbandrollen und hatte nichts im Kopf außer dem Titel eines neuen Albums, das er für Warner Brothers produzieren sollte: "Wild Sanctuary". Das ursprünglichste Geräusch, das sich der Musiker in seinem Studio in San Francisco vorstellen konnte, war der Schrei einer Möwe. Also schnappte er sich Aufnahmegerät und Mikrofon und ging hinaus an den Ocean Beach. Er wollte einfach mal festhalten, wie Natur pur klingt. Das versucht er bis heute.

Denn schon damals wurde er kaum noch fündig. Fast so laut wie die Möwen am Strand waren die Flugzeuge hoch am Himmel, die Autos auf dem meilenweit entfernten Highway, kläffende Hunde und deren Besitzer, die nach ihnen riefen. Bernie Krause hat inzwischen praktisch den gesamten Erdball bereist und festgestellt, dass es immer schwieriger wird, Orte zu finden, an die kein menschlich erzeugtes Geräusch dringt. Das Orchester der Natur ist akustisch durchsetzt bis in die hintersten Ränge vom Klang der Zivilisation.

Das Wesen, das Lärm macht

Einen halben Tag kostete es Krause anfangs, um wenigstens eine Stunde unverfälschtes Tonmaterial zusammenzubekommen. Heute arbeitet er ein ganzes Jahr lang, bis er seinem Archiv einen neuen Fund hinzufügen kann. Ein Drittel aller akustischen Nischen, die er entdeckt hat, sind mittlerweile verschwunden. Seine "Biophonien" verkaufen sich umso besser. (www.wildsanctuary.com).

Die Welt ist voll von anthropogenem Lärm. Nach einer Umfrage des Bundesgesundheitsamtes klagen mehr als sechzig Prozent aller Deutschen über den Krach im Straßenverkehr, die Hälfte über Geräusche aus der Nachbarschaft und noch jeder Fünfte über Flug-, Industrie- oder Gewerbelärm. Der Wunsch nach mehr Ruhe beschäftigt Gerichte, Politiker und Behörden. Bürger protestieren nicht nur gegen Autobahnen und Flughäfen, sondern gegen Kirchenglocken, Straßenfeste, Windräder, Altglascontainer, Sportplätze, Kindergärten und notfalls auch noch gegen den quakenden Frosch im Gartenteich nebenan.

Lärmvermeidung und Lärmvergnügen

Und die Lärmwirkungsforschung gibt ihnen recht: Schon eine vergleichsweise geringe Dauerbeschallung führt zu unterschwelligem Stress, aggressivem Verhalten, Konzentrationsschwäche und steigendem Blutdruck. Bereits bei einem Schallpegel von mehr als 45 Dezibel, also der sogenannten Zimmerlautstärke, ist mit Schlafstörungen zu rechnen; bei einer Dauerbelastung oberhalb von 65 Dezibel, was in etwa dem Geräuschpegel einer Kantine entspricht, sogar schon mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko.

Allzu viel Ruhe scheint aber auch nicht erwünscht, denn sonst hätte der Mensch nicht so viel Spaß daran, alles niederzubrüllen. Oder sich freiwillig dem Höllenlärm von Diskotheken auszusetzen, der häufig über 100 Dezibel liegt; zehn Prozent aller Jugendlichen dürfen nach Schätzungen des Umweltbundesamtes angesichts ihrer Hörgewohnheiten mit dauerhaften Schäden rechnen. 129 Dezibel galten eine Zeitlang als Rekord bei einem Fußballspiel, aufgestellt bei der Begegnung Schalke gegen Stuttgart im März vergangenen Jahres. Das sei, schrieb anderntags die "Bild"-Zeitung, lauter als ein Düsenjet und fast so laut wie eine startende Rakete. Der Schallpegel ließ sich allerdings nicht restlos verifizieren, er beruhte auf indirekten Schätzungen, genauso wie die Behauptung der Fans von Fenerbahçe Istanbul, sie seien in Wahrheit noch lauter.

Lärmforschung ist Hörforschung

Was ein menschliches Trommelfell aushält, lässt sich immerhin definieren: Bei 120 Dezibel liegt die Schmerzschwelle, oberhalb davon besteht akute Verletzungsgefahr. Wie Krachorgien subjektiv empfunden werden, steht auf einem anderen Blatt: Für die einen stiften sie Gemeinschaftsgefühle, bei den anderen lösen sie Aggressionen aus. Es gibt guten und schlechten Lärm, je nachdem, wie er wahrgenommen wird. Auch ein Formel-1-Liebhaber wird vom Heulen der Motoren um den Schlaf gebracht, wenn er neben der Autobahn wohnt.

Die Forschung, die dieses Feld beackert, nennt sich Psychoakustik. Sie definiert neben der reinen Lautstärke oder Höhe eines Tons zusätzlich Messgrößen wie Schärfe, Rauigkeit, Schwankungsstärke oder Impulshaltigkeit. Doch so exakt diese Begriffe auch scheinen - bis heute lässt sich nicht voraussagen, welche Töne angenehm klingen und welche widerwärtig. So wird das Summen einer Mücke genauso bedrohlich empfunden wie das Dröhnen eines Presslufthammers. Insbesondere Kratzgeräusche stehen im Verdacht, eine Gänsehaut hervorzurufen. Als Maximum des Schreckens wird dabei gern das Schaben eines Fingernagels auf einer Schiefertafel genannt.

Höllische Geräusche

Den experimentellen Beweis dafür wollten die Psychologen Lynn Halpern, Randy Blake und Jim Hillenbrand bereits vor zwanzig Jahren liefern. Sie spielten Versuchsteilnehmern eine ganze Palette verdächtiger Laute vor: Schlüsselgeklimper war darunter, das Heulen eines Mixers oder das Quietschen, das entsteht, wenn zwei Styroporstücke aneinandergerieben werden. Den stärksten Foltereffekt erzielten sie tatsächlich mit Nagel und Tafel. Und sie konnten auch den entscheidenden Frequenzanteil herausfiltern. Das Tonprofil, schrieben die Autoren seinerzeit, ähnele auffallend den Schreien, mit denen Affen sich gegenseitig vor Gefahren warnen.

Die These vom gemeinsamen stammesgeschichtlichen Ursprung des akustischen Instinkts ließ sich allerdings nicht halten: Affen lässt das Fingernagelkratzen auf der Schiefertafel in Wahrheit genauso kalt wie der Unterschied zwischen Dur und Moll. Und in der Hitliste der ekligsten Geräusche ist der Klassiker inzwischen auch deutlich abgerutscht: Als der britische Akustikforscher Trevor Cox ihn vor einiger Zeit ins Internet stellte, verwiesen ihn mehr als eine Million Besucher nur noch auf Platz 17, deutlich hinter die Missklänge, die ein kotzender Schauspieler oder ein Furzkissen produzieren (www.sound101.org).

Leben im kollektiven Sound

Den kollektiven Sound, unter dem die Menschheit heute lebt, hat der kanadische Komponist Murry Schafer einmal als "Schizophonie" bezeichnet: Kaum ein Ton hat demnach noch seine ursprüngliche Bedeutung, in ihrer schieren Masse heben sich alle individuellen Lautäußerungen gegenseitig auf und verkommen zu einem akustischen Brei. Dem Einzelnen bleibt da nur die Alternative, mitzuschreien oder seine Ohren zu verschließen - was immerhin erklären würde, warum akustische Isolationshilfen in Form von Schallschutzwänden oder Ohropax genauso verbreitet sind wie menschliches Getöse aller Art.

Wenn es also keine Hoffnung gibt, dass jemals wieder Frieden einkehrt - lässt sich dann eines Tages wenigstens Krach mit Krach bekämpfen? Schall mit Gegenschall zu überlagern und ihn auf diese Weise auszulöschen ist tatsächlich möglich - auf diesem physikalischen Prinzip beruhen inzwischen zahlreiche Versuche, beispielsweise das dumpfe Brummen von Motoren zu dämpfen. Allerdings funktioniert das nur bei gleicher Wellenlänge, entsprechend konstruierte Kopfhörer filtern bloß einzelne Frequenzen heraus.

Eine akustische Tarnkappe?

Das ganze Spektrum der täglichen Geräuschkulisse ließe sich erst ausschalten, wenn es gelänge, eine akustische Tarnkappe zu konstruieren. Wie weit die Wissenschaft von diesem Ziel noch entfernt ist, wurde vergangene Woche wieder deutlich: Physiker der Technischen Universität Valencia seien der Lösung einen entscheidenden Schritt näher gekommen, hieß es in den Nachrichten. Ein Blick auf die Veröffentlichung im New Journal of Physics zeigte schnell die Grenzen des Machbaren: Es war darin von einer vagen Möglichkeit die Rede, vorläufig beschränkt auf einen zweidimensionalen Raum. Mit anderen Worten: Vollkommene Ruhe herrscht bis auf weiteres nur auf dem Papier.

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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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