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Kalte Fusion Ein italienisches Energiemärchen

Die Idee von der kalten Fusion ist ein Dauerbrenner: Italienische Forscher wollen jetzt Nickelkerne und Wasserstoffkerne bei geringen Temperaturen zu Kupfer verschmolzen haben. Es soll jede Menge Energie entstanden sein, aber kein radioaktiver Abfall. Geht das überhaupt? Skepsis ist mehr als angesagt.

© Giuseppe Levi Vergrößern Andrea Rossi (links): „Das Geheimnis steckt in der blauen Box!”

Aus Italien ist man in jüngster Zeit ja vor allem Neuigkeiten gewohnt, die Anlass zur Sorge geben. Das Land ist zum neuen Problemkind der europäischen Schuldenkrise avanciert, während sein Staatschef unverändert mit Skandalen und Rechtsstreitigkeiten auf sich aufmerksam macht. Umso mehr mag die im Internet nachhaltig kursierende Meldung erstaunen, dass sich zurzeit möglicherweise von Italien ausgehend die Lösung der globalen Energie- und Klimafrage in Vorbereitung befindet.

Der zauberhafte Kernprozess

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Angeblicher Heilsbringer ist der sogenannte "Energie-Katalysator", entwickelt vom italienischen Ingenieur Andrea Rossi zusammen mit seinem wissenschaftlichen Mentor und Berater, dem emeritierten Physikprofessor Sergio Focardi von der Universität Bologna. Beide behaupten, eine Maschine entwickelt zu haben, die auf der Grundlage eines Kernfusionsprozesses zwischen Nickel und Wasserstoff große Mengen von Energie bei geringen Temperaturen erzeugen kann. Dabei soll durch Protoneneinfang des Nickelkerns Kupfer erzeugt werden. Einen wünschenswerteren Prozess zur Energieerzeugung könnte es kaum geben. Die Eingangsmaterialien sind preiswert und in großen Mengen vorhanden, und der Prozess selbst erzeugt weder Abgase noch radioaktive Abfallprodukte. Die frohe Botschaft hat jedoch einen Haken: Auf der Grundlage der etablierten Physik sollte es einen niederenergetischen Kernprozess in der behaupteten Form gar nicht geben. Der Klärung des Mysteriums ist dabei nicht gerade förderlich, dass der innere Aufbau der Reaktorkammer streng geheim gehalten wird. Solange das Funktionsprinzip nicht patentiert ist, behandelt Rossi die Details des Reaktorgefäßes als industrielles Geheimnis, um eine kommerzielle Nutzung des Reaktors zu ermöglichen.

Rossi-Reaktor1 © Vergrößern Der Rossi-Reaktor

Dubioser Brennstoffcontainer

Immerhin gab es Anfang des Jahres in der Universität Bologna eine Reihe öffentlicher Vorführungen des Reaktors, organisiert durch den Kernphysiker Giuseppe Levi, der zwar wie Focardi der Universität Bologna angehört, aber an der Entwicklung des Experiments selbst nicht beteiligt war. Innerhalb dieser Demonstrationen war es interessierten Kollegen der Universität Bologna möglich, den Aufbau mit Ausnahme der Reaktorkammer zu untersuchen. Vermittelt durch die schwedische Zeitschrift "Ny Teknik", wurden schließlich weitere Tests durch die beiden schwedischen Physiker Hanno Essen vom KTH Royal Institute of Technology in Stockholm und Sven Kullander, emeritierter Professor der Universität Uppsala, vorgenommen. Gefunden wurden bisher weder Beweise für einen Betrug noch Hinweise auf eine überzeugende physikalische Erklärung. In "Ny Teknik" wird beschrieben, dass der Reaktor mit Nickelpulver, Wasserstoffgas und unbekannten Katalysatoren gefüllt, zunächst anhand von Wärmezufuhr "gezündet" wird und daraufhin reproduzierbar zur Erhitzung von Wasser genutzt werden kann.

Kalte Fusion mehr als nur kalter Kafffee?

Sowohl Levi als auch seine schwedischen Kollegen sind sich darin einig, dass die Funktionsweise nicht anhand chemischer Reaktionen erklärt werden kann, sondern auf stattfindende Kernreaktionen hinweist, sofern die Energieerzeugung tatsächlich ausschließlich in der Reaktorkammer stattfindet. Essen und Kullander schrieben in ihrem Bericht über den Test im März: "Da wir keinen Zugriff auf den zentralen Brennstoffcontainer sowie keine Informationen bezüglich der externen Bleiummantelung und des Kühlwassersystems haben, können wir lediglich sehr allgemeine Aussagen treffen. (. . .) Jeder chemische Prozess kann für die Produktion von 25 Kilowattstunden aus beliebigem Brennstoff in einem 50 Kubikzentimeter großen Behälter ausgeschlossen werden." Gegen das Ablaufen einer Kernfusion spricht allerdings, dass durch den Reaktor keine Gammastrahlung erzeugt wird, die bei Kernreaktionen zu erwarten wäre.

Die Diskussion einer Energieerzeugung mit kalter Kernfusion ist nicht unbedingt dazu geeignet, sich unter Physikern viele Freunde zu machen. Seitdem sich die 1989 von Stanley Pons und Martin Fleischmann behauptete Fusion auf der Grundlage einer Reaktion zwischen Palladium und Wasserstoff als nicht reproduzierbar herausstellte, wird innerhalb der Physik eine Energiegewinnung durch kalte Fusion weitestgehend für unmöglich gehalten. Sofern die Fachwelt Rossi überhaupt zur Kenntnis nimmt, überwiegt eine ausgeprägte Skepsis.

Der Megawatt Reaktor

Die industrielle Nutzung des Rossi-Mechanismus scheint, unabhängig von seiner wissenschaftlichen Rezeption, aber bereits auf den Weg gebracht. Das in Griechenland ansässige Konsortium Defkalion Green Technologies soll die Rossi-Technologie herstellen und vermarkten. Eine Entscheidung in der Frage, ob das Gebiet der Kernfusion mit einem neuen Skandal oder vielleicht doch mit einer Sensation aufwarten kann, sollte noch in diesem Jahr möglich werden, da Defkalion bereits im vierten Quartal 2011 plant, einen ein Megawatt produzierenden Reaktor auf der Grundlage eines Arrays von Rossischen Energie-Katalysatoren einzuweihen. Diese Entwicklung entspricht genau dem, was Andrea Rossi in seinem Webforum im Januar zur Zukunft seiner Erfindung vorschwebte: "Unser Richter ist der Markt."

Quelle: F.A.Z.

 
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