Home
http://www.faz.net/-gwz-77kza
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Interview zur Energiewende Der Umbau des Systems ist machbar

Die Energiewende droht ins Stocken geraten. Bürger gehen gegen geplante Stromtrassen und Pumpwasserspeicher auf die Barrikaden. Die Bundesregierung scheint sich über steigende Kosten und Industrie-Rabatte mehr Gedanken zu machen, als über die sichere Energieversorgung. Die Herausforderung der Energiewende ist offenkundig unterschätzt worden. Ein Gespräch mit dem Chemiker und Energieexperten Ferdi Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim/Ruhr.

© dpa Unternehmen und andere große Stromverbraucher müssen seit 2011 die Gebühren zur Finanzierung der Stromnetze nicht zahlen

Herr Schüth, hat sich die Einstellung der Wissenschaft zur Energiewende gewandelt?

Ich kann nicht für alle Kollegen sprechen, aber ich glaube, es gibt eine große Übereinstimmung, dass das Vorhaben in Deutschland technologisch und wissenschaftlich grundsätzlich machbar ist. Wir können zwar noch nicht alle technischen Probleme lösen, die der Umbau des Energiesystems erfordert. Wir können aber viele Antworten geben. Die großen Hürden liegen an anderer Stelle, etwa an der Umsetzung, den Kosten und an den Mechanismen des Marktes. Das Regelungsgeflecht unseres Energiesystems ist so komplex dass man es nicht mehr durchschaut. Aber ich bleibe dabei, die Ziele, die ja bereits im Jahr 2010 formuliert wurden, sind technologisch erreichbar.
 

Allerdings könnte man  den Eindruck gewinnen, dass wissenschaftliche Fragestellungen in der öffentlichen Diskussion keine große Rolle spielen.

Die Wissenschaft wird von der Polititk durchaus gehört, wenn es häufig auch nicht so sichtbar wird. Erst in der vergangenen Woche haben die deutschen Akademien und Forschungsministerin Johanna Wanka das Projekt „Energiesysteme der Zukunft“ vorgestellt, in dem die Energiewende wissenschaftlich begleitet werden soll.

Mehr zum Thema

In welchem Zeitfenster ist die Energiewende zu erreichen?

Die „kleine“ Energiewende mit der Abschaltung aller Kernkraftwerke bis 2022 ist vergleichsweise einfach zu verwirklichen. Was zu tun ist, steht eigentlich seit dem ursprünglichen Atomausstiegsbeschluss von 2002 auf der Agenda: entschiedener Ausbau der Stromnetze, Ausbau der erneuerbaren Energien und der Neubau von fossilen Kraftwerken, insbesondere von Gaskraftwerken. Letzteres ist allerdings für die Energieversorger unter der derzeitigen Prämisse, dass der grüne Strom Priorität genießt, nicht rentabel, da die jährlichen Betriebszeiten für solche Kraftwerke zu kurz sind. Deshalb tut man sich mit dem Bau neuer Anlagen sehr schwer. Die großen Herausforderungen stellen sich mit der „großen“ Energiewende bis zum Jahr 2050, wenn bis dahin 80 Prozent der Stromversorgung von den erneuerbaren Energiequellen kommen sollen und man den CO2-Ausstoß gegenüber 2010 um 80 Prozent reduzieren will.

Ferdi Schüth © MPI für Kohlenforschung Mühlheim, Ruhr Vergrößern Chemiker und Energieexperte: Ferdi Schüth

Dazu braucht es Verfahren, um den Strom, den Wind und Sonne liefern, zu speichern. Welche Technologien sind hierfür notwendig?

Wir haben vier Möglichkeiten, auf fluktuierende Einspeisung und fluktuierenden Verbrauch zu reagieren. 1. Man kann Reservekapazitäten schaffen. 2. Man muss die Stromnetze so weit ausbauen, so dass sich Fluktuationen regional ausgleichen können. 3. Es gibt die Möglichkeit des sogenannten Demand-Side-Managements. Man kann die Nachfrage nach Energie bei den Abnehmern gezielt steuern, so dass kein zusätzlicher Strom erzeugt werden muss. Und die vierte Möglichkeit ist die Speicherung von elektrischer Energie auf chemischem Weg oder über mechanische Verfahren, wie Pumpwasserspeicher. Am Ende wird es wahrscheinlich eine Mischung von allen Elementen geben. Man sollte die Kombination favorisieren, die am günstigsten ist.

Pumpspeicherkraftwerke können nur für wenige Stunden Strom liefern. Welche Optionen bieten sich für die Energiespeicherung im großen Maßstab für größere Zeiträume?

Dazu braucht man chemische Energiespeicher. Grundsätzlich sind Kohlenwasserstoffe dafür die besten Stoffe, da sie die größten Energiedichten aufweisen.

... die man bislang aus Erdöl gewinnt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gespräch zur Klarnamenpflicht Gute Gründe, auf Facebook anonym zu posten

Facebook ändert eigenmächtig die Pseudonyme seiner Nutzer. Johannes Caspar, Hamburgs Datenschutzbeauftragter will die Klarnamenpflicht per Verwaltungsanordnung kippen. Könnte das klappen? Mehr Von Ursula Scheer

30.07.2015, 15:46 Uhr | Feuilleton
Energiewende Wieviel kostet sie wirklich?

Um den Strom aus den neuen Offshore-Windparks von Nord nach Süd zu transportieren, sind gewaltige Investitionen nötig – bis zu 4500 Kilometer Stromnetze müssen gebaut werden, geschätzte Kosten: rund 28 Milliarden Euro. Mehr

05.03.2015, 10:03 Uhr | Wirtschaft
Al-Wazir zur Energiewende Ohne neue Netze wird es nicht funktionieren

Neue Netze, neue Lampen, neue Studie: Mit 15 Millionen Euro will Wirtschaftsminister Al-Wazir die Energiewende innerhalb von vier Jahren beschleunigen. Was Al-Wazir mit dem Geld genau vorhat. Mehr Von Ewald Hetrodt, Wiesbaden

29.07.2015, 06:19 Uhr | Rhein-Main
Zukunft gehört dem Nachwuchs Wie die Jungen die Energiewende voranbringen

Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie stellt Energie-Konzerne wie RWE vor riesige Herausforderungen – gerade deshalb braucht das Essener Unternehmen den besten Nachwuchs. Junge Ingenieure kommen immer häufiger direkt nebenan von der Uni Duisburg-Essen. Der neue Studiengang Energy Science an der Uni existiert erst seit vier Jahren, hat aber inzwischen schon mehr Bewerber als Plätze. Dabei wollten noch vor wenigen Jahren nicht viele in Duisburg oder Essen studieren. Mehr

12.04.2015, 12:47 Uhr | Wirtschaft
Wirtschaftsförderung Das regionale Standortmarketing ist über den Berg

Den Wirtschaftsstandort Frankfurt und Rhein-Main vermarkten - das ist die Aufgabe der Frankfurt Rhein-Main GmbH. Geschäftsführer Eric Menges spricht über Erfolge und Schwierigkeiten in diesem Job. Mehr

31.07.2015, 16:01 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 16.03.2013, 15:00 Uhr

Zurück in die Heißzeit

Von Andreas Frey

Gerade war es noch zu kalt, schon ist es wieder viel zu heiß - es ist ein Rätsel, warum sich der moderne Mensch immer noch vom Wetter überraschen lässt. Mehr 6