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Forschung Mit Russen unter einem Dach

10.02.2005 ·  Helmholtz in Moskau: Wie die Forschung ihr Glück im Osten zu finden scheint. Für 40 Millionen Euro will die Bundesregierung versuchen, die „strategische Partnerschaft“ mit Rußland zu vertiefen.

Von Joachim Müller-Jung, Moskau
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Rußlands wissenschaftliche Größe und Identität, aber auch Rußlands Katastrophe verbergen sich hinter internationalen Kürzeln wie dieser: IHED. „Institute for High Energy Densities“, eine der weltweit ersten Adressen, wenn es um Material-, Energie- und Plasmaforschung geht. Eine gigantische Forschungsburg.

Eine der fünf größten Forschungsstätten innerhalb der Russischen Akademie der Wissenschaften, 1400 Mitarbeiter, ein Grundstück so groß wie ein Stadtteil. Und geleitet wird es von keinem geringeren als Wladimir E. Fortow, dem charismatischen und sprachmächtigen Forschungsmanager, der in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre Präsident Jelzins stellvertretender Premierminister und russischer Wissenschaftsminister war und seit neun Jahren mit an der Spitze der Wissenschaftsakademie steht.

Keine chromblitzende Hochtechnologie

Ein Institut also, so sollte man, meinen, das in voller Blüte steht. Doch diesen blühenden Wissenschaftsbetrieb gibt es nur in den Köpfen der russischen Wissenschaftler. Wer ihn sucht hinter den vergilbten Fassaden der Institutsgebäude, muß sich in menschenleeren, heruntergekommenen Fluren zu den Laboren vortasten, wo Apparaturen einer anderen historischen Epoche auf originell zusammengschraubten Regalen stehen und die rostigen Schilder die ausgeprägte Gabe der Akteure zur Tüftelei bezeugen. Chromblitzende Hochtechnologie sucht man hier ebenso vergebens wie junge Wissenschaftler.

„Wir verlieren die junge Generation.“ Es sind Sätze wie diese, geäußert von einem gestandenen Forscher wie Fortow, der wie kaum ein anderer in Rußland für politische Autorität und wissenschaftliche Kapazität zugleich steht, die das russische Dilemma dokumentieren. Umgerechnet hundert bis zweihundert Euro verdient ein junger russischer Grundlagenforscher - bei Lebenshaltungskosten, die zumindest in Moskau nicht unter mitteleuropäischem Niveau liegen. Das Durchschnittsalter in der Russischen Akademie liegt mittlerweile bei zweiundsiebzig Jahren.

Denkwürdige Begegnung

Und das russische Forschungsbudget, klagt Fortov, sei seit Beginn der Perestroika auf ein Zwanzigstel geschrumpft. „Unsere Ausgaben für die Wissenschaft liegen heute so hoch wie in der Tschechischen Republik.“ Eine Bankrotterklärung - eine fiskalische und politische gewiß, aber auch eine intellektuelle? Für Walter Kröll, dem Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, der auf Einladung Fortows das Institut am Rande Moskaus besuchen konnte, trifft genau das nicht zu: „Die Köpfe sind das russische Kapital. Sie waren es immer und sind es auch in diesen Zeiten.“

Für den deutschen Gast war die Stippvisite am IHED wenn nicht der Höhepunkt einer mehrtägigen Moskaureise, so doch eine denkwürdige Begegnung mit einer Forschungskultur, von der sich nur wenige seiner etwa 24.000 Mitarbeiter in den fünfzehn nationalen Helmholtz-Zentren ein wirkliches Bild machen. Kröll machte einer wissenschaftlichen Großmacht seine Aufwartung, der das Wasser längst bis zum Halse steht. Und er hofierte sie mit Bedacht.

„Strategische Partnerschaft“ vertiefen

Zusammen mit Bundesforschungsministerin Bulmahn suchte er in den vergangenen Tagen in Moskau die höchsten Repräsentanten des russischen Wissenschaftssystems auf, immer mit dem Ziel, die „strategische Partnerschaft“, wie eine neue Regierungsinitiative inzwischen heißt, zwischen den Forschern der beiden Länder zu vertiefen. Im Kern geht es um die Institutionalisierung einer Zusammenarbeit, die auf wissenschaftlichem Gebiet zwischen Rußland und Deutschland fast schon als traditionell bezeichnet werden könnte.

Schon vor dreißig Jahren haben Institute wie die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt oder das Deutsche Elektronen-Synchrotron (Desy) in Hamburg Kooperationen mit russischen Physikern aufgebaut. Heute arbeiten am Desy schon knapp 120 russische Forscher, an anderen physikalischen Helmholtz-Zentren ist der Austausch nicht geringer und auch an medizinisch orientierten Instituten wie dem Berliner Max-Delbrück-Zentrum oder dem Deutschen Krebsforschungszentrum ist der Anteil an russischen Forschern auf zwei oder mehr Dutzend gestiegen. Alles in allem kommt jeder fünfte ausländische Wissenschaftler in einem der fünfzehn Helmholz-Zentren aus Rußland.

Forschungsstrategischer Reformprozeß

Damit spiegelt die russisch-deutsche Kooperationsbereitschaft in dem ehemaligen Großforschungsnetz, das in den vergangenen drei Jahren selbst einen forschungsstrategischen Reformprozeß erlebt hat, die Situation auf gesamtdeutscher Ebene. Mit offenkundigem Stolz verkündete Forschungsministerin Bulmahn in Moskau die Entwicklung der vergangenen Jahre, die dazu geführt hat, daß Rußland mit mittlerweile mehr als 550 Hochschulpartnerschaften und rund 6300 akademischen Austauschen im Jahr die Spitze der ausländischen Forschungskooperationen eingenommen hat.

Auch institutionell schlägt sich das nieder: Im deutschen Haus in Moskau hat die Helmholtz-Gemeinschaft jetzt - nach Brüssel und Peking - ihre dritte Auslandsrepräsentanz eröffnet, verbal begleitet und unterstützt von den Ankündigungen jenes neuen deutsch-russischen Paktes, den Bulmahn zusammen mit ihrem russischen Amtskollegen Andrej Fursenko in Moskau präsentiert hat (siehe F.A.Z. vom 8. Februar).

„Deutsch-russisches virtuelles Labor“

Die neue Helmholtz-Repräsentanz ist nicht das erste Zeugnis dieser Verbindung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterhält in Moskau bereits seit einiger Zeit eine eigene Auslandsvertretung, und die Max-Planck-Gesellschaft, die sich solche ausländischen Ableger generell nicht leistet, meldete im Jahr 2003 bereits 105 Kooperationsprojekte, von denen einige schon wegen der Größe und Intensität beinahe Institutscharakter haben.

Ein solches Projekt - ein „Deutsch-russisches virtuelles Labor“ - ist jetzt auch anläßlich des Besuchs von Bulmahn zwischen dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching und dem AdW-Institut für Hochenergieteilchenphysik in Moskau besiegelt worden. Das alles freilich, so sehen es zumindest die Pläne aus dem Bundesforschungsministerium vor, soll erst der Anfang einer Verbindung sein, die möglichst schnell einen Namen und Statut bekommt: „Deutsch-Russische Forschungsgesellschaft“ könnte das Kind der gemeinsamen Beziehung heißen oder „Bilaterale Forschungsgemeinschaft“ oder einfach „Akademie“, wie es in einem entsprechenden sechsundvierzigseitigen Dokument heißt.

Finanzierung noch offen

Die Gründung des gemeinsamen Otto-Schmidt-Labors in Petersburg vor fünf Jahren, die deutsche und russische Polar- und Meeresforscher ins Werk gesetzt handen und die Basis für Dutzende gemeinsamer Arktisexpeditionen geworden ist, soll nur der Auftakt einer Reihe weiterer deutsch-russischer Forschungsinstitutionen werden. Ein gemeinsames Laserforschungszentrum wird schon in diesem Jahr in Moskau eröffnet. Und in dem deutschen Vorschlag für den Forschungspakt steht ein konkretes „virtuelles Institut der Helmholtz-Gemeinschaft für Grundlagenforschung zur Struktur der Materie“ ebenso wie ein „virtuelles Institut für Meeres- und Polarforschung Arctic-Portal.Info“.

Wie das alles zu finanzieren ist angesichts der desolaten Situation in Rußland, soll in den kommenden Monaten ausgehandelt werden. Vierzig Millionen Euro hat Bulmahn fürs erste in Aussicht gestellt. Was die andere Seite angeht, konnte sie ihrem Amtskollegen Fursenko mehr als das Versprechen, „ein gleichberechtigter Partner“ werden und bei seinem Präsidenten für die Kooperation werben zu wollen, bisher nicht abringen. Träger scheint das gemeinsame Dach genügend zu haben. Mal sehen, ob die Dachpfannen am Ende ausreichen.

Quelle: F.A.Z., 11.02.2005, Nr. 35 / Seite 34
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