05.10.2004 · In die seit fast einem Jahr festgefahrenen Verhandlungen über den Standort des internationalen Forschungsreaktors Iter kommt Bewegung. Europa will die auf 4,5 Milliarden Euro geschätzte Anlage notfalls alleine bauen.
Von Manfred LindingerIn die seit fast einem Jahr festgefahrenen Verhandlungen über den Standort des internationalen Forschungsreaktors Iter kommt Bewegung. Europa will die auf 4,5 Milliarden Euro geschätzte Anlage, mit der man zu demonstrieren versucht, daß die Energieerzeugung durch Fusion technisch machbar ist, notfalls ohne die Vereinigten Staaten, Japan und Südkorea in Cadarache bei Marseille bauen. Frankreich wäre in einem reduzierten Konsortium aus Europa, Rußland und China bereit, seinen finanziellen Beitrag auf rund 900 Millionen zu verdoppeln, ließ der französische Forschungsminister François d'Aubert kürzlich verlauten und drängte seine Amtskollegen, sich möglichst rasch für den Standort Cadarache zu entscheiden.
Lösungssuche bis November
Dem Schreiben d'Auberts vorausgegangen war ein Brief des ausscheidenden Forschungskommissars Philippe Busquin an den niederländischen EU-Ratspräsidenten, in dem er erklärte, man könne den Forschungsreaktor in Cadarache finanzieren, ohne den EU-Haushalt zusätzlich zu belasten. Nun hat der Rat für Wettbewerbsfähigkeit reagiert und durchblicken lassen, daß der Bau von Iter auch ohne die Unterstützung sämtlicher Iter-Partner durchaus eine Option ist. Die Kommission wurde gebeten, bis Ende November alle möglichen Iter-Szenarien zu prüfen, inklusive einer europäischen Lösung.
Das Ziel dieser Initiativen ist es offenkundig, nicht nur die starre Pattsituation aufzubrechen, sondern die Mehrheit der sechs Iter-Partner auf die eigene Seite zu ziehen. "Würde Iter nicht in Cadarache gebaut, könnte Europa seine Führungsrolle verlieren", bescheinigte kürzlich der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuß in einer Stellungnahme und sprach damit vielen Politikern in Brüssel aus der Seele. Besonders Busquin, der während seiner Amtszeit gerne "die Akte Iter" geschlossen hätte, hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder für den europäischen Standort stark gemacht. Janez Potocnik, der künftige Forschungskommissar, will der Linie seines Vorgängers treu bleiben und hält Caradache "auch im internationalen Vergleich für den besten Standort".
Neben Cadarache wetteifert das Kernenergiezentrum Rakkasho-Mura im Norden Japans seit einem Jahr um den Standort für den Reaktor. Es wird von Japan, den Vereinigten Staaten und auf Druck Amerikas auch von Südkorea favorisiert. Die japanische Regierung hat kürzlich angekündigt, rund 740 Millionen Euro an zusätzlichen Finanzmitteln bereitzustellen, wenn ihr Land den Zuschlag für Iter erhält. Japan würde dann für mehr als fünfzig Prozent der Kosten von Iter alleine aufkommen können. Die EU und ihre beiden Partner erreichten - rein rechnerisch - sogar rund sechzig Prozent, wenn man die in Aussicht gestellten französischen Millionen berücksichtigt. Vergessen scheint die frühere Vereinbarung, daß das Land, in dem der Reaktor errichtet würde, nur für etwa 40 Prozent der finanziellen Lasten aufzukommen hätte. Die restlichen Kosten sollten sich ursprünglich die übrigen fünf Partner teilen.
Kompensation für Japaner
Doch fehlen Brüssel immer noch zwanzig Prozent der Mittel, um Iter in Cadarache errichten zu können. Die EU wird die Vereinigten Staaten unter George W. Bush kaum für sich gewinnen können. Und ob sich die Haltung unter einer möglichen Regierung John Kerry ändert, ist unklar. Nun denkt man offenbar auch daran, den Japanern einen Kompensationspakt anzubieten, wenn diese auf ihren Standort verzichteten. Rakkasho könnte dann der Ort sein, wo wichtige Teilgebiete der Fusionsforschung angesiedelt werden, etwa die der Materialforschung, wie vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München zu erfahren ist.
Die EU-Kommission wird in den kommenden Wochen mit den Iter-Partnern weiterverhandeln. Dabei muß sie den Spagat wagen, so für den europäischen Standort zu werben, daß die internationale Zusammenarbeit nicht gefährdet wird. Der Ministerrat wird Ende November über den möglichen Alleingang der EU entscheiden. "Ich würde es sehr bedauern, wenn Iter ohne die Vereinigten Staaten, Japan oder Südkorea realisiert werden müßte", sagt Alexander Bradshaw, wissenschaftlicher Direktor des MPI in Garching. Gleichwohl ist er froh, daß nun endlich Bewegung in die stockenden Verhandlungen gekommen ist.
Seit drei Jahren liegen die Pläne für Iter fertig in der Schublade, so daß man bei einer Entscheidung mit dem Bau sofort beginnen könnte. Die Inbetriebnahme wäre dann in zehn Jahren möglich. Dann könnten in dem 30 Meter hohen Tokamak die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium bei Temperaturen von hundert Millionen Grad in extrem starken Magnetfeldern zu Helium verschmelzen. Für mehrere Minuten soll das Fusionsfeuer aufrechterhalten und das Zehnfache der aufgewendeten Heizleistung - etwa fünfzig Megawatt - erzeugt werden. Lange hat es am nötigen politischen Rückhalt gemangelt, das Projekt Iter zu verwirklichen. Nun könnte der Fusionsreaktor nach der internationalen Raumstation "ISS" das wichtigste Forschungsprojekt aller Zeiten werden.