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Veröffentlicht: 09.10.2012, 09:11 Uhr

Digitale Vernetzung Die Masse macht’s

Ohne es zu wissen, arbeiten Millionen von Internetnutzern an der Lösung von Problemen mit. „Crowdsourcing“ nennt sich diese wenig bekannte Art der digitalen Ausbeutung.

© Carnegie Mellon Press Office Der Informatiker Luis von Ahn erfand das „Captcha“, um Menschen von Computern zu unterscheiden.

Alles begann mit einem schlechten Gewissen. Es plagte den Informatiker Luis von Ahn. Im Jahr 2000 hatte er „Captcha“ erfunden, eine Methode, Menschen im Internet von Computern zu unterscheiden. Jeder, der im Internet etwas kauft, kommentiert oder ein E-Mail-Konto anlegt, kennt das: Er muss zuvor eine dieser gestauchten und gedehnten Buchstabenfolgen abtippen. Computer scheitern daran, sie zu entziffern. Wer sie korrekt wiedergibt, beweist dadurch, dass er ein Mensch ist. Internetdienste schützen sich so vor automatischen Hamsterkäufen oder Systemen, die massenhaft Werbung versenden.

Jedoch verschwenden Captchas Zeit. Viel Zeit, wie van Ahn feststellte: Bei 200 Millionen Captchas, die pro Tag eingetippt werden, gehen der Menschheit rund 500 000 Stunden verloren. Von Ahn entwickelte ein Konzept, das diese Zeit produktiv nutzt. Es war einer von vielen Schritten, ein riesiges Potential zu entfesseln: Die Arbeitskraft der mehr als einer Milliarde Internetnutzer. Seitdem leistet jeder Captcha-Schreiber einen kleinen Beitrag für die Allgemeinheit - meistens, ohne es zu wissen.

Computer- und Internetnutzung beruflich und privat stark gestiegen © ZB Vergrößern Human Computation: Menschen und Computer lösen gemeinsam Probleme, die sie alleine nicht bewältigen können.

Bei von Ahns neuem System, genannt „Recaptcha“, sollen Internetnutzer zwei Wörter abtippen. Bei einem der Wörter kennt das System die Lösung und überprüft, ob ein Mensch am Werk ist. Das andere stammt aus einem abfotografierten Buch. Tippt der Nutzer das Wort ein, digitalisiert er es. Das heißt, er wandelt das Foto eines Textes in Text um. So kann das Buch später über das Internet durchsucht werden. Eigentlich könnten Computer die Digitalisierung übernehmen, doch sie sind nicht perfekt. Gerade bei alten Büchern erkennen sie viele Wörter nicht: Diese landen als Recaptcha bei den Internetnutzern. Finden viele Nutzer die gleiche Lösung für ein Wort, wird sie als richtig anerkannt und übernommen. Von Ahn sagt, sein System digitalisiere etwa 100 Millionen Wörter, und das jeden Tag.

Den Ansatz nennt er „Human Computation“. Menschen und Computer lösen gemeinsam Probleme, die sie alleine nicht bewältigen können. Die Stärke von Computern liege darin, viele Daten fehlerfrei zu verarbeiten, sagt von Ahn. Menschen hingegen seien besser in der visuellen Verarbeitung und im Umgang mit Sprache: „Meine Aufgabe ist es, diese Fähigkeiten zu kombinieren.“ Lagert ein Computer Aufgaben an besonders viele Menschen aus, sprich man vom „Crowdsourcing“. Dabei spielt das Internet die Rolle eines virtuellen Fließbandes, das zeitaufwendige Prozeduren in winzigen Portionen an eine Schar von Menschen verteilt. Jeder arbeitet nur an einem kleinen Teil, doch am Ende macht es die Summe.

Die Idee kam beim Kreuzworträtsel

Der 1979 in Guatemala geborene von Ahn gilt als Pionier dieser Disziplin. Mittlerweile lehrt er als Professor für Informatik an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. Das Magazin Discover zählt ihn zu den zwanzig besten jungen Forschern. Auf die Idee des Crowdsourcing kam von Ahn vor elf Jahren, als er im Flugzeug Menschen beobachtete, die Kreuzworträtsel lösten. Es müsse doch möglich sein, dieses menschliche Können für etwas Produktives zu nutzen, dachte er. Er sah erst das Potential und suchte dann ein Problem, das er damit lösen konnte.

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