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55. Nobelpreisträgertreffen Insel der internationalen Talente

30.06.2005 ·  Das neue alte Nobelpreisträgertreffen in Lindau ist seinem Ziel, der wichtigste Treffpunkt der Spitzentalente der Wissenschaft zu werden, ein großes Stück näher gekommen. Das hat es vor allem Stiftungsvorstand Wolfgang Schürer zu verdanken.

Von Joachim Müller-Jung
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Es war immer so: Das jährliche Nobelpreisträgertreffen in Lindau am Bodensee war schlicht das Nobelpreisträgertreffen. Nicht mehr und nicht weniger. Kein semantischer Schmuck, keine vermarktungsträchtigen Titel oder Mottos, kein Zeitgeist irgendwo.

Die Sache sprach für sich, auch wenn der Glanz von Stockholm und die Bestimmung der Institution zuletzt nur noch schattenhaft hinter der Patina von mehr als einem halben Jahrhundert hervorschien. Die bestand ursprünglich darin, die deutsche Wissenschaft während der Nachkriegszeit in die internationale Forschungsgemeinde zu reintegrieren.

Eine große Sehnsucht

Ein Anliegen, das heute, da die Wissenschaft als der globalisierte Kulturbetrieb schlechthin gilt, spürbar antiquierte Züge bekommen hat. Davon galt es sich also zu verabschieden. Und wie es aussieht, hat die Veranstaltung nicht nur diese Kurve gekriegt. Plötzlich erscheint das Familientreffen der Laureaten mit der wissenschaftlichen Jugend wie ein ehrgeiziges und ziemlich einmaliges Zukunftsprojekt - auch wenn der Namenszug in diesem Jahr keinen Bruch erkennen läßt und mit dem Titel „55. Nobelpreisträgertreffen“ die gewohnte numerische Etikettierung konsequent fortgesetzt wurde.

Ein heimliches Motto zog sich trotz alledem durch die Veranstaltung in dieser Woche: Nachhaltigkeit ist das Ziel. Der aus der Agrarforschung entliehene und schließlich die Ökologiebewegung prägende Begriff mag nicht der schönste, klarste und neueste aus dem Wissenschaftsbetrieb sein, und eigentlich wurde er von den Teilnehmern auch ganz sparsam verwendet, aber er schwebte wie eine große Sehnsucht über der Lindauer Inselhalle.

Auffälligstes Symptom des Wandels

Die 44 preisgekrönten Physiker, Biologen, Chemiker und Mediziner befaßten sich in ihren Themenbeiträgen damit, der Nachwuchs im Plenum sprach davon, und am intensivsten vielleicht beschäftigte sich der Veranstalter damit. Es ging also um die Zukunftsfähigkeit - diejenige des Universums, des Klimas, des Menschen, der Genomforschung - und eben auch der Veranstaltung selbst. Denn daß da mit der Gründung einer Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen vor fünf Jahren etwas in Gang gekommen war, das nun endgültig das Gesicht und die Inhalte des Traditionstreffens grundlegend verändert, war unübersehbar geworden.

Das Internetcafe mit freiem drahtlosen Netzwerkzugang, dessen Architektur von dem amerikanischen Nobelpreisträger Arno Penzias entworfen und von Hewlett-Packard kostenfrei ins Werk gesetzt wurde, mag dabei das auffälligste Symptom des Wandels gewesen sein. Ein Signal ähnlich wie jüngst die Überarbeitung des Internetauftritts. Etwas subtiler, aber nicht weniger auffällig die bunte Mischung der Teilnehmer: Junge Leute aus 54 Ländern, insgesamt mehr als siebenhundert, suchten den Kontakt zu ihren Idolen. Vor fünf Jahren, als zum Jubiläum das erste interdisziplinäre Treffen dieser Art veranstaltet wurde, kamen die Studenten aus lediglich acht Ländern, die übergroße Mehrzahl aus Deutschland.

Qualität der Studenten heben

Wer wissen wollte, was es mit dem neuen kosmopolitischen Anstrich auf sich hat, dem wurde bei der Durchsicht eines schwergewichtigen Kompendiums mit den Biographien aller teilnehmenden Nachwuchsforscher rasch klar: Hier ist nicht nur die Jugend zu Gast, hier tummeln sich echte Talente. Genau darum, um die Qualität des Nachwuchses, geht es dem Mann, der mittlerweile wichtige Fäden in der Hand hält: Wolfgang Schürer, Ökonomieprofessor an der Hochschule St. Gallen und Gründer des legendären Internationalen Management-Symposions sowie Gründer der Akademie der Jugend in Den Haag.

Er war vor fünf Jahren an die Spitze der Stiftung berufen worden, um dem Kuratorium mit dem inzwischen verstorbenen Grafen Lennart Bernadotte und der heutigen Kuratoriumspräsidentin Gräfin Sonja Bernadotte zur Seite zu stehen. Es ging um die Erschließung neuer finanzieller Ressourcen, nicht zuletzt aber auch um eine inhaltliche Neuorientierung. „Eines der größten Anliegen der Nobelpreisträger war es, die Qualität der teilnehmenden Studenten zu heben“, sagt Schürer.

Neue Anfragen

Exzellenz sollte zum Kriterium nicht nur für die Darsteller, sondern auch für die Zuhörer werden. Ein Auswahlverfahren wurde entwickelt - „Talent Scouting“ in den Worten Schürers -, das zwar noch längst nicht ausgereift ist. Tatsächlich aber sind die ersten Ergebnisse und Zahlen dieser - von den Organisatoren ehrenamtlich vorgenommenen - Spitzenselektion schon beeindruckend genug: Hunderte von Universitäten, Schools und Stiftungen wurden weltweit angeschrieben und um Vorschläge gebeten. Mehr als 9500 Vorbewerbungen wurden gesichtet, 1600 Studenten, Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter hat man in die engere Wahl genommen und schließlich die 720 vielversprechendsten Talente eingeladen - höchstens drei Auserwählte von jeder Institution.

Auch das ein Novum, das zu manchen Enttäuschungen führte, das jedoch die Organisatoren dem Ziel, „der wichtigste Treffpunkt der Spitzentalente der Wissenschaft“ zu werden, schon in kurzer Zeit ein großes Stück nähergebracht hat. Zum erstenmal seien Anfragen und Delegationen von bisher wenig engagierten Nationalen Akademien, etwa jener der australischen oder der neuseeländischen, eingetroffen, freut sich Schürer. Der Mann schürt den olympischen Geist der Jungwissenschaftler: In Lindau dabeisein, das muß das Ziel sein.

Stiftungskapital gestiegen

Daß man da freilich noch nicht angekommen ist, daß nicht zuletzt eine Professionalisierung der Talentauswahl fehlt, liegt weniger an den eigenen Ansprüchen als an Altlasten: Die Kosten des Unternehmens Nobelpreisträgertreffen hatten zusehends die Kassen belastet. Auch hier scheint der Schweizer Kaufmann ein glückliches Händchen zu haben. Nach Schürers Angaben jedenfalls hat sich die mit hunderttausend Euro und mit den wohlmeinenden Worten des Altbundespräsidenten Roman Herzog gestartete Stiftung finanziell erstaunlich entwickelt.

Auf fünf Millionen Euro beläuft sich das Stiftungskapital heute, und am Ende des Jahres sollen es siebeneinhalb Millionen sein. Nicht mehr lange, so Schürer, dann könne man aus den Kapitalerträgen die wichtigsten Kosten eines professionalisierten Unternehmens Nobelpreisträgerstiftung bestreiten. Und möglicherweise auch weitere Ideen verwirklichen.

Neuer Wind

Dazu gehört etwa das „virtuelle Nobelpreisträgertreffen“ - eine Internetplattform, die jenen jungen Wissenschaftseliten aus aller Welt, die die olympische Begegnung mit den Laureaten nicht hautnah miterleben können, zumindest einen indirekten Zugang am Computer verschaffen soll. Nebenbei wäre das selbstverständlich auch Werbung in eigener Sache. Und siehe da, plötzlich weht auch der Zeitgeist kräftig durch die Lindauer Inselhalle.

Leider allerdings nicht kräftig genug, um die fehlende Klimaanlage im Kongreßhaus an Tagen wie den zurückliegenden zu kompensieren. Doch selbst in dieser Sache hat man schnell die Ärmel hochgekrempelt: Nach ein paar brütend heißen Tagen wurde eine Unterschriftenliste der Nobelpreisträger und Nachwuchskräfte initiiert - auf daß auch der Bürgermeister Lindaus mit einer entsprechenden Investition neuen Wind in die Veranstaltung bringen möge.

Quelle: F.A.Z., 01.07.2005, Nr. 150 / Seite 34
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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