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Philosophie & Biologie : Zeit für neue Farben

Bild: Cassius V.Stefani/Neukirchen Collection

Sehen wir alle das Gleiche, wenn wir Farben wahrnehmen? Der kulturelle Streit darüber geht weiter, gleichzeitig ruft eine Avantgarde die neue Ära der Farbwissenschaft aus und die Technik erfindet das Bunte neu. Ein Gegenstand, zwei Perspektiven.

          Die Welt präsentiert sich den Normalsichtigen unter uns überaus farbenfroh. Und damit sind nicht nur all die farblichen Reize gemeint, mit denen wir Menschen uns heute selbst unsere Umgebung verschönern – auch die Natur geizt nicht mit Farbe und lässt uns ins Grübeln darüber kommen, woher im Tier- und Pflanzenreich all das Bunte kommt und welchem Zweck es dienen könnte. Doch damit sind die Fragen im Anschluss an den Farbenreichtum unserer Welt nicht erschöpft. Die philosophischen Fragen fangen hier erst an.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Grund ist, dass die Farben einen ganz eigenartigen Status als vermeintliche Eigenschaften von Objekten besitzen, indem sie, anders als Objekteigenschaften wie die Länge oder die Form, eine Abhängigkeit von der Physiologie des Wahrnehmenden aufweisen. Es stellt sich daher die Frage: Ist die Welt auch dann bunt, wenn es niemanden gibt, der sie als solche sieht? Die philosophische Kontroverse, ob Farben eher auf der Seite des Subjektes oder vielmehr auf der Seite der Objekte anzusiedeln sind, wird seit Jahrhunderten bis heute geführt.

          Die natürlich leuchtenden Pilzfruchtkörper strahlen grünes Licht ab. Der Techniker aus dem Pilzlabor der Universität São Paulo hat schon mal neue Farbvarianten entwickelt.

          Die Wissenschaft hat diesem Streit unterdessen ein immer detaillierteres Wissensfundament bereitgestellt. Auch wenn der Einfluss des wahrnehmenden Subjektes die Wissenschaft von den Farben historisch in den einen oder anderen Methodenstreit gestürzt hat, können wir heute physikalisch einiges darüber sagen, wie Licht mit Objektoberflächen interagiert und sie für uns erscheinen lässt. Die innere Logik der Farben erklärt sich durch Physiologie unserer Farbwahrnehmung, die verschiedenen Rezeptortypen, deren Erregungsmuster in komplexer Art und Weise in der Netzhaut und schließlich dem Gehirn verarbeitet werden. Dieses universelle Verständnis menschlicher Farbwahrnehmung wirft allerdings gleich die nächste philosophische Frage auf: Sehen alle Menschen die Welt in gleicher Weise bunt?

          Farben sind ein ideales Beispiel für das Studium der Wechselwirkung zwischen Sprache und Wahrnehmung. Hier stehen sich Universalisten und Relativisten gegenüber, die einerseits den für alle Menschen biologisch vorgegebenen Rahmen oder andererseits die weltformierende Kraft unserer jeweiligen Kultur und Sprache in den Vordergrund stellen. Sehen wir alle das Gleiche und benennen es nur verschieden? Oder benennen wir es unterschiedlich und sehen es deshalb auch anders? Der amerikanische Anthropologe Brent Berlin veröffentlichte zu diesen Fragen 1969 zusammen mit dem Linguisten Paul Kay eine wegweisende Studie. Darin untersuchten sie die Farbausdrücke verschiedener Kulturen und stellten auf dieser Grundlage eine allgemeine Regel für die Existenz von grundlegenden Farbbegriffen auf: Jede Kultur besitzt demnach Begriffe für Schwarz und Weiß. Wenn es dann einen weiteren Farbbegriff gibt, dann ist es immer rot, danach Grün und Gelb, dann Blau, Braun und dann erst andere.

           Die Vielfalt der Falter der Gattung Heliconius.

          Dieses empirisch gefundene Muster gab den Universalisten Aufwind: Das allgemeine Schema schien kulturelle Unterschiede zu überspannen. Die Resultate blieben allerdings nicht unumstritten. Der geäußerte Vorwurf war, dass die Studie nicht vorurteilsfrei durchgeführt worden sei und dass die angewandte Methode die gefundenen Ergebnisse beeinflusst habe. Die Forscher hatten ein Set von Farbplättchen nach dem sogenannten Munsell-Farbsystem zur Befragung der Testpersonen benutzt, das, so die Kritiker, bereits eine westliche Farbvorstellung impliziere. Den jeweiligen kulturellen Umgang könne man nicht verstehen, wenn man ihn wie in den Experimenten nur als geglückte Zuordnungsaufgabe von Farbwörtern zu Farbplättchen verstehe, denn der gesamte Verwendungskontext könnte in anderen Sprachen völlig anders sein – ein Aspekt, für den die Experimente blind seien. Von dieser Kritik weitgehend unbeeindruckt, wurden von verschiedenen Forschern in den nachfolgenden Jahrzehnten weitere 110 Sprachen in Hinsicht auf ihre Farbbezeichnungen empirisch studiert und die Ergebnisse in Anschluss an Berlin und Kay im „World Color Survey“ gesammelt und 2009 veröffentlicht.

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