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Organvergabe in Deutschland Eine Frage des Überlebens

Bei der Organvergabe liegt in Deutschland einiges im Argen. Das ganze System lädt zum Schummeln ein. Schnöde Bestechlichkeit ist nur eines der möglichen Motive.

© Eilmes, Wolfgang Je kränker der Patient, desto geringer die Erfolgsaussichten: Operationsbesteck bei einer Lebertransplantation

Bis zur Jahreswende war die Welt am Leipziger Universitätsklinikum noch in Ordnung. Stolz konnte man 2012 in einer Hochglanzbroschüre verkünden, das dortige Transplantationszentrum weise eine „herausragende Erfolgsbilanz“ auf. Man sei mit 97 Lebertransplantationen pro Jahr in der „kleinen Spitzengruppe der deutschen Universitätsmedizin“ angekommen und stehe hinter der Universitätsklinik Essen nun bundesweit an zweiter Stelle.

Kurz nach Neujahr war es damit vorbei. Wie zuvor in Göttingen, Regensburg und München hat der Transplantationsskandal nun auch den Osten der Republik heimgesucht. Offenbar hatten die Leipziger ihren Spitzenplatz mit Hilfe von Datenmanipulationen erreicht. Man habe drei Ärzte beurlaubt, darunter den Direktor des Transplantationenzentrums, teilte die Universitätsleitung mit.

Den Medizinern wird vorgeworfen, in den Jahren 2010 und 2011 Daten von bis zu 38 Patienten auf der Warteliste für postmortale Leberspenden von Hirntoten gefälscht zu haben. Man stellte beispielsweise Patienten kränker dar, als sie faktisch waren. Tatsächlich konnte man bis vor kurzem am Computer einfach eine Blutwäsche angeben, auch wenn diese nicht durchgeführt wurde, und so gegenüber der Organverteilerstelle Eurotransplant in Leiden eine höhere Dringlichkeit auf der Warteliste simulieren. Aufgefallen war das vor den ersten Überprüfungen scheinbar niemandem, man sei von einem „regelkonformen Verhalten“ ausgegangen, hieß es vergangene Woche auf einer Pressekonferenz. In einer Stellungnahme von Eurotransplant zu den Leipziger Vorgängen heißt es nun diplomatisch, aber deutlich, die Vorwürfe seien „schwerwiegend“.

Die Beschuldigten schweigen

Während Staatsanwälte und die Prüfkommissionen der Bundesärztekammer ermitteln, hüllen sich die Beschuldigten in Leipzig und anderswo in Schweigen. Aus juristischer Sicht ist das nachzuvollziehen: Erst vor Gericht wird wohl entschieden werden, ob es sich bei den angeblichen Manipulationen im rechtlichen Sinne nicht auch um versuchten Totschlag an Patienten handeln könnte, die ebenfalls, aber vergeblich, auf eine Leber gewartet hatten. Das wäre kein Kavaliersdelikt mehr.

Verschlungene Wege zum rettenden Organ Interaktiv: Verschlungene Wege zum rettenden Organ © F.A.Z. Interaktiv 

Bislang wurde vor allem das Vorgehen bei Lebertransplantationen beanstandet. Im Einzelnen geht es um gefälschte Dialyseprotokolle, um manipulierte oder vertauschte Blutproben sowie verzögerte Meldungen von Spenderorganen an Eurotransplant. Letztere sollten dazu dienen, eine lokale Zuteilung aus dem knapper werdenden Spenderpool wahrscheinlicher zu machen.

Warum nahmen die Transplantationsmediziner das auf sich? Schließlich handelt es sich bei ihnen um einen Berufszweig, der nicht nur unter Kollegen, sondern auch in der Öffentlichkeit hohes Ansehen genießt. Der Vorwurf der Bestechlichkeit steht schnell im Raum, angeprangert werden außerdem die hohen Bonuszahlungen, die bei Organverpflanzungen winken.

Zeit für eine ehrliche Diskussion

Allerdings hat es in dieser Hinsicht bislang nur einen echten Skandal gegeben: Das Essener Landgericht verurteilte 2010 den Klinischen Direktor Christoph Broelsch zu einer dreijährigen Haftstrafe ohne Bewährung. Broelsch war immerhin eine Berühmtheit, Pionier der Leberchirurgie, ehemaliger Leibarzt von Johannes Rau und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes; zu Fall brachten ihn seine, gelinde gesagt, unorthodoxen Methoden der Mitteleinwerbung.

22692728 © privat Vergrößern Gerhard Opelz: Das System lädt geradezu zum Mogeln ein

Doch schnöde Bestechlichkeit ist nur eines der möglichen Motive. Im harten Wettbewerb der Transplanteure um knappe Organe lauern noch ganz andere Versuchungen. Bei Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen können Kliniken insbesondere dann punkten, wenn möglichst viele, als hoch dringlich angesehene Patienten auf der Warteliste geführt und transplantiert werden. Wenn das Kriterium der Dringlichkeit allerdings weit über das Kriterium der Erfolgsaussichten einer Organverpflanzung gestellt wird, hat das Folgen. Die Anzahl der Leberpatienten, die bereits innerhalb eines Jahres nach einer Transplantation sterben, liegt längst nicht mehr in allen deutschen Zentren unterhalb der bisher akzeptierten Zehn-Prozent-Marke. Die Rede ist in manchen Fällen von zwanzig oder sogar dreißig Prozent der Empfänger, die den Eingriff nur kurzfristig überleben.

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Ein Mitglied und langjähriger Kenner der Szene, der diese Entwicklung mit Sorge beobachtet, ist Gerhard Opelz, Ärztlicher Direktor der Abteilung Transplantations-Immunologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Er gab der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Interview, in dem er feststellt, dass Deutschland im europäischen Vergleich nur noch „unteres Mittelmaß“ sei bei den Erfolgsaussichten von Organtransplantationen. Es sei an der Zeit für eine ehrliche Diskussion darüber, wie eine vernünftige Balance der Kriterien bei der Organzuteilung erreicht werden könne. So wie es heute ist, lade das System geradezu zum Mogeln ein, glaubt Opelz.

Quelle: F.A.S.

 
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