20.05.2009 · „Open Access“ ist nur ein Anfang. Naturwissenschaftler basteln an sozialen Foren im Internet, die das Wesentliche schon vor einer Publikation ihrer Ergebnisse klären. Und von einer Gefährdung der Urheberrechte kann dabei keine Rede sein. Ganz im Gegenteil.
Von Joachim Müller-JungEs sieht so aus, als ziehe im Internet ein Sturm auf. Ein Gegenwind, der nicht unbedingt wie in der jüngsten Debatte um "Open Access" das Fundament des klassischen Publikationswesens aus den Angeln zu heben droht. Aber einer, der offensichtlich das Bedürfnis vor allem der Naturwissenschaftler nach mehr Transparenz und Schnelligkeit weiter forciert - und womöglich stark genug ist, völlig neue Strukturen zu schaffen. Von einem neuen "kollektiven Kurzzeitgedächtnis" spricht der australische Quantenphysiker Michael Nielsen in einem Essay für die Zeitschrift "Physics World".
Das klingt einigermaßen hochtrabend und ebenso kryptisch. Tatsächlich aber geht es um neue Modelle von "Pre-Publications", von Vorveröffentlichungen. Noch bevor das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes mitsamt seiner Interpretation den vollständigen und oft langwierigen Prozess des Peer-Reviews bis zur Publikation durchschritten hat, möge es auf Online-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht werden.
Vorgeschaltete Online-Systeme
Die Idee ist nicht grundsätzlich neu. "arXiv", ein von Teilchenphysikern seit Jahren erfolgreich betriebenes Preprint-Archiv, oder "GeneBank" als der Prototyp des frei zugänglichen molekularbiologischen Informationspools sind allein zu diesem Zweck eingerichtet worden - und längst im Forschungsbetrieb zitierfähig geworden. Sie sollen Forschern, die von bereits abgeschlossenen Studien profitieren und die Methoden und Daten für ihre eigenen Experimente nutzen wollen, möglichst lückenlose Fakten liefern. Dieses vorgeschaltete Online-System wird längst nicht mehr nur als Fortschrittsmotor gepriesen, es soll auch präventiv wirken. Als Fälschungsprophylaxe. Was wäre etwa, wenn der junge deutsche Physiker Hendrik Schön seine größtenteils völlig frei erfundenen Arbeiten über den vermeintlich revolutionären Ein-Molekül-Transistor zuvor in einem Online-Forum veröffentlicht hätte, und zwar nicht nur die Ergebnisse und Methoden, sondern auch sämtliche Rohdaten aus dem Labor? Wäre der Schwindel frühzeitig aufgeflogen?
Nicht wenige scheinen das zu glauben, und auch in der Zeitschrift "Physics World", die zusammen mit dem Essay von Nielsen eine ausführliche Analyse des fast beispiellosen Betrugsfalls Schön vor sieben Jahren präsentiert, scheint man dies zu insinuieren. Unter Bloggern jedenfalls wird Nielsens Plädoyer für die "extreme Offenheit" seitdem zustimmend mit dem Fälschungsfall geschmückt. Tatsächlich jedoch hat noch keine einzige Untersuchung bislang belegt, dass Transparenz effektiv vor Betrug zu schützen vermag.
Das Beispiel „Sci-Mate“
Die Lücke tut allerdings auch niemandem weh. Intuitiv glaubt offenbar ein großer Teil der Forscher, dass das Internet wenigstens den wissenschaftlichen Prozess zu verbessern vermag. Extreme Beispiele für extreme Offenheit bieten in dieser Hinsicht das "Journal of Visualized Experiments", eine Online-Plattform, in der die Experimente als Videos ins Netz gestellt werden, oder der Chemiker Jean-Claude Bradley Lisi mit seinem "Open Notebook Science", auf dessen Internetseiten praktisch jeder relevante Handschlag und jede Entscheidung noch vor der Publikation protokolliert werden. Dass diese gläsernen Modelle Pate stehen könnten für die neue Bewegung, deren höchstes Ziel Nielsen zufolge die "kreative Gemeinschaftsarbeit" im Internet sein soll, glaubt kaum jemand.
Viel näher dran an diesem Ideal dürfte Christopher Dyer sein, ein Immunologe aus Heidelberg, der lange am Deutschen Krebsforschungszentrum gearbeitet und dort - ohne finanzielle Unterstützung der Helmholtzgemeinschaft - die Grundlagen für ein neues Internetforum geschaffen hat: "Sci-Mate" (www.sci-mate.org) ist seit kurzem online. Eine Mischung aus kollektiver Präpublikation und Technologiebörse. Aufgebaut ist es aus Teilen des Web 2.0, aber es ist, wie Dyer betont, kein neues soziales Netzwerk, die derzeit speziell im akademischen Milieu wie Digitalpilze aus dem virtuellen Boden sprießen. Web 2.0, das bezieht sich auf die für das Online-Forum genutzte Software zur Netzwerkbildung.
Effizienterer Technologietransfer im Blick
Im Mittelpunkt steht ein "Wiki-Mate", ein Diskussionsort, an dem sich die Wissenschaftler treffen, ihre Experimente und Ergebnisse präsentieren und wahlweise zur Kommentierung, zur Korrektur oder zum Nachmachen präsentieren. Hier soll die Forschungsarbeit zur Publikation vor- und aufbereitet werden. Entscheidend ist: Nur registrierte Wissenschaftler haben vollen Zugriff, und das improvisierte "Peer Review" auf Sci-Mate raubt dem Verfasser auch nicht seine grundlegenden Rechte. Im Gegenteil. Zu den Vereinbarungen, die jeder Teilnehmer zu unterschreiben hat, gehört eine Urheberrechts-Vereinbarung, die sicherstellen soll, dass das geistige Eigentum vom ersten Zeitpunkt der Veröffentlichung an auf Sci-Mate mit dem Verfasser der Zeilen und Grafiken verknüpft ist. Dieses Copyright, das wesentlich länger zu beanspruchen ist als etwa das Patent, soll für neue Methoden, Materialien und Techniken gelten, die mit Hilfe einer Art Handelssoftware - "ein bisschen wie Ebay für Forscher", so Dyer - zugänglich gemacht werden sollen.
Dahinter stehen Erfahrungen, die Dyer und seine Kollegen mit den Technologie-Transferstellen in ihren Forschungsinstitutionen - keineswegs nur an deutschen Universitäten - immer wieder machen: Nur etwa die Hälfte aller Erfindungen und Entwicklungen werden von den Transferstellen zur Patentanmeldung gebracht, und von diesen wiederum wird nur ein Drittel über eine Lizenz vermarktet. Viel zu ineffizient, praxisuntauglich und vor allem undurchschaubar sei das System heute, klagt Dyer: "Mit den neuen Kommunikationstools im Internet bekommt der Forscher die seltene Gelegenheit, die volle Kontrolle über beides wiederzuerlangen, über die Publikation und den Technologietransfer."
Auf die Motivation wird es ankommen
Dass die traditionellen Medien ihm seinen virtuellen Umschlagplatz für Forschungsergebnisse und -produkte madig machen könnten, fürchtet Dyer nicht: Viele Arbeiten würden heute unter dem Publikationsdruck zu hastig veröffentlicht, seien unausgegoren und häppchenweise aufbereitet, viele seien nicht reproduzierbar und die Ergebnisse bald hinfällig. "Die offene Diskussion im Netz könnte die Durchschlagskraft der Aufsätze effektiv verbessern." Dazu bedarf es allerdings nicht nur der Möglichkeiten, sondern auch eines Denkwandels. Dass "Nature" vor drei Jahren kläglich scheiterte und kaum Beteiligung unter Forschern fand, als man eingereichte Arbeiten zur Kommentierung ins Netz stellte, führt Nielsen auf eine generelle Trägheit des Forschers im Internet zurück. Die Wissenschaftler wüssten einfach Wertvolleres mit ihrer kostbaren Zeit anzustellen. Ähnliches fürchtet wohl auch Dyer. Die größte Herausforderung sei ein kultureller Wandel: "Meine Erfahrung ist, dass die Forscher großes Interesse haben, aber eine geringe Motivation."
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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