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16 Nobelpreisträger reagieren : „Ohne Tierexperimente geht es nicht“

Maus im Labor: Ohne Versuchstiere geht es nicht Bild: AP

Am Montag wird in Brüssel über ein Ende der tierexperimentellen Forschung debattiert. In der F.A.Z. warnen Nobelpreisträger mit einem Offenen Brief vor dem Ausstieg.

          Nach der Mitteilung des weltweit angesehehen Tübinger Hirnforschers Nikos Logothetis, den Anfeindungen durch Tierversuchsgegener nachzugeben und Experimente an Rhesusaffen zu beenden, wird auch politisch immer härter um die Zulässigkeit und Notwendigkeit von Tierversuchen gerungen. Am Montag wird im Europäischen Parlament über eine EU-Bürgerinitiative „Stop Vivisection“ debattiert, deren Ziel der Ausstieg Europas aus jeder tierexperimentellen Forschung ist. Seit Mitte 2012 hat die Initiative etwa 1,2 Millionen Unterstützer mobilisiert.
          Im Gegenzug hat der Wellcome Trust in Großbitannien einen Offenen Brief an die EU-Parlamentarier mit Unterschriften von 16 Nobelpreisträgern veröffentlicht (siehe unten), die vor einem Ausstieg dringend warnen. Der Münchner Medizinpsychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel sieht den inzwischen deutlich verschärften Kampf gegen Tierversuche als „Heuchelei“ und „Bauernfängerei“. Pöppel ist Doktorvater von Logothetis. Dieser war im September ins öffentliche Visier geraten, nachdem ein als Tierpfleger getarnter Tieraktivist heimlich Videos der Rhesusaffen mit implantierten Hirnelektroden veröffentlichte. Danach war Logothetis, der wegen seiner bahnbrechenden Arbeiten zur Gedächtnis- und Bewusstseinsbildung als Nobelpreiskandidat gilt, unter massiven juristischen und psychischen Druck geraten.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine Evaluierung durch die Max-Planck-Gesellschaft entlastete zwar einige Wochen später die Tierhaltung am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik sowie den Forscher selbst, dennoch ließ die Tübinger Staatsanwaltschaft die Arbeitsräume durchsuchen und leitete Ermittlungen ein, die bis heute nicht abgeschlossen sind. Die Anfeindungen und Morddrohungen durch radikale Tieraktivisten lassen bis heute nicht nach. Auch die Familie des Forschers wurde immer wieder bedroht. Vor wenigen Tagen schließlich schickte Logothetis eine Stellungnahme an die Kollegen in zahlreichen Labors weltweit. Er informierte sie, dass er sich entschlossen habe, nach 18 Jahren Primatenforschung seine laufenden Projekte bald abzuschließen und künftig nur noch mit Nagetieren zu experimentieren.

          „Es ist eine Blamage für unser Land, dass einer der weltbesten Experimentatoren, seine ureigene Forschung aufgeben muss. Er ist seelisch gebrochen und physisch am Ende“, sagt Pöppel. Tatsächlich ist Logothetis wegen Herzproblemen inzwischen in Behandlung. In der Erklärung des Wissenschaftlers ist klar geworden, dass er nicht etwa Kognitionsforschung an nichtmenschlichen Primaten für ersetzbar hält, wie das Tieraktivisten anschließend kolportierten, sondern dass er sich außerstande sieht, dem psychischen Druck weiter standzuhalten.

          Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und Baden-Württembergs Ministerin Theresia Bauer haben sich zwei Tage nach der Bekanntgabe von Logothetis Entscheidung hinter den 64 Jahre alten Hirnforscher gestellt und für die Notwendigkeit von Tierversuchen plädiert. Hunderte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland haben sich inzwischen auf einer von dem Tübinger Kognitionsforscher Peter Thier vom Centrum für Integrative Neuroforschung (CIN) initiierten Unterschriftenliste solidarisch mit Logothetis erklärt. In den letzten Wochen hatte sich Logothtis immer wieder über mangelnde öffentliche und politische Unterstützung beklagt.

          Der Hirnforscher hat zuletzt konkrete Jobangebote von der Universität in Peking, aus Japan und den Vereinigten Staaten abgelehnt. „Aus familiären Gründen, und weil er an diesem Land hängt“, so Pöppel, habe er den Vertrag mit der Max-Planck-Gesellschaft verlängert.

          Der offene Brief der Nobelpreisträger

          Die Arbeit mit Versuchstieren zu Forschungszwecken hat in der modernen Medizin und der Gesundheit des Menschen wichtige Fortschritte erbracht. Das Verständnis der komplexen Prozesse im Gehirn, die Entschlüsselung der Krebsgenetik und die Entwicklung der neuen Impfstoffe, Medikamente und Behandlungsmethoden, die Leben retten und die Lebensqualität verbessern, wären ohne Tierversuche unmöglich.

          Es ist nicht unser Wunsch, den Einsatz von Tieren in der Forschung auf unbestimmte Zeit fortzusetzen, und die Forschungsgemeinschaft ist der Suche nach alternativen Modellen verpflichtet. Aber noch sind wir nicht so weit. Bei vielen Krankheiten müssen wir verstehen, wie verschiedene Organe eines Organismus interagieren, was die Forschung an ganzen Tieren weiterhin unerlässlich macht.

          Die sorgfältig erwogene europäische Richtlinie 2010/63/EU verbessert den Tierschutz europaweit, gewährleistet die Weiterentwicklung alternativer Ansätze und verpflichtet die Forscher, Tierversuche zu ersetzen, zu verringern und zu verfeinern, sobald dies wissenschaftlich möglich ist.

          Das Europäische Parlament und die Kommission müssen sich der jüngsten Forderung nach Aufhebung der Richtlinie widersetzen. Wir haben die Pflicht, die medizinische Forschung fortzuführen und sinnvolle Alternativen zu Tierversuchen zu finden. Die Aufhebung der Richtlinie würde sowohl für den Tierschutz in der EU als auch im Hinblick auf die führende Rolle Europas in der Förderung der Gesundheit von Mensch und Tier einen erheblichen Rückschritt darstellen.

          Dieser offene Brief stammt von den Nobelpreisträgern John O’Keefe, Sir John E Sulston, Sir John B Gurdon, Françoise Barré-Sinoussi, May-Britt Moser, Edvard I Moser, Sir Venkatraman Ramakrishnan, John E Walker, Erwin Neher, Bert Sakmann, Christiane Nüsslein-Volhard, Tom Südhof, Mario R. Capecchi, Torsten N. Wiesel, Edmond H. Fischer und Sir Martin Evans.

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