An die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Präsidenten des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission und des Rates der Europäischen Union
Oft heißt es, dass jede Krise auch eine Möglichkeit eröffnet. Die gegenwärtige Krise zwingt uns jedoch zu Entscheidungen. Eine dieser Entscheidungen betrifft die Wissenschaft und ihre Förderung. Im Jahr 2000 haben Sie und Ihre Vorgänger sich das Ziel gesetzt, Europa zur „wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt bis zum Jahr 2010“ zu machen. Das Ziel ist ehrgeizig und lobenswert, doch haben wir es noch nicht erreicht.
Wissenschaft kann uns helfen, viele der drängenden, sich uns heute stellenden Fragen, zu beantworten: Neue Wege, um Energie nutzbar zu machen; neue Formen der Produktion und neue Produkte zu finden; ein besseres Verständnis des Funktionierens unserer Gesellschaften zu erlangen, und wie wir sie besser ordnen können. Und wir stehen erst am Anfang eines revolutionären neuen Verständnisses unseres Körpers, das die Gesundheit und Lebensdauer aller in noch nicht abschätzbarer, vielfältiger Weise positiv beeinflussen wird.
Europa steht in vielen Bereichen der Wissenschaft an der Spitze. Um in der heutigen globalen, dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben und um dauerhaften Wohlstand sicherzustellen, muss dieses Wissen in innovative neue Produkte, Dienstleistungen und Industriezweige umgewandelt werden.
Wissen kennt keine Grenzen. Der globale Markt für ausgezeichnete Talente ist heiß umkämpft. Europa kann es sich nicht leisten, seine besten Forscher und Lehrer zu verlieren; umgekehrt gewinnt es viel, wenn es Talente von anderswo anzieht. Wenn die Mittel für exzellente Forschung reduziert werden, geht auch die Zahl der am besten ausgebildeten Forscher zurück. Im Falle einer drastischen Kürzung des EU-Budgets für Forschung und Innovation riskiert Europa, eine ganze Generation talentierter Wissenschaftler zu verlieren – just zu dem Zeitpunkt, in dem sie am dringendsten gebraucht werden.
Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat in bemerkenswert kurzer Zeit globale Anerkennung erfahren. Er finanziert die besten Forscher in ganz Europa unabhängig von ihrer Nationalität: exzellente Forscher, exzellente Projekte. Somit bietet er eine unschätzbar wertvolle Ergänzung zu den nationalen Förderstrukturen für die Grundlagenforschung an.
Forschungsförderung auf europäischer Ebene ist ein Katalysator für die effizientere Verwendung unserer Ressourcen und verstärkt nationale Budgets in effektiver Weise. Diese EU-Mittel sind daher besonders wertvoll. Ihr Einsatz hat bewiesen, dass damit wesentliche Vorteile für die europäische Wissenschaft erzielt werden, deren Erträge in zunehmendem Maße der Gesellschaft zugute kommen. Darüber hinaus steigern sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas.
Es ist entscheidend, dass wir auf gesamteuropäischer Ebene das Forschungs- und Innovationspotential in all seinem außerordentlichen Reichtum in ganz Europa unterstützen und, noch wichtiger, ermutigen. Wir sind überzeugt, dass auch die Generation der Nachwuchswissenschaftler ihre Stimme erheben wird – und Sie sollten hinhören, was diese zu sagen hat.
Unsere Frage an Sie, die Staats- und Regierungschefs, die sich am 22. und 23. November in Brüssel treffen werden, um das EU-Budget für 2014 bis 2020 zu beschließen, ist eine einfache: Wenn die Zahlen des zukünftigen Budgets für Europa bekanntgegeben werden, welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?
Die Unterzeichner
Nobelpreisträger:
Sidney Altman, Chemie 1989
Werner Arber, Medizin 1978
Robert J. Aumann, Wirtschaft 2005
Francoise Barré-Sinoussi, Medizin 2008
Günter Blobel, Medizin 1999
Mario Capecchi, Medizin 2007
Aaron Ciechanover, Chemie 2004
Claude Cohen-Tannoudji, Physik 1997
Johann Deisenhofer, Chemie 1988
Richard R. Ernst, Chemie 1991
Gerhart Ertl, Chemie 2007
Sir Martin Evans, Medizin 2007
Albert Fert, Physik 2007
Andre Geim, Physik 2010
Serge Haroche, Physik 2012
Avram Hershko, Chemie 2004
Jules A. Hoffmann, Medizin 2011
Roald Hoffmann, Chemie 1981
Robert Huber, Chemie 1988
Sir Tim Hunt, Medizin 2001
Eric R. Kandel, Medizin 2000
Klaus von Klitzing, Physik 1985
Sir Harold Kroto, Chemie 1996
Finn Kydland, Wirtschaft 2004
Jean-Marie Lehn, Chemie 1987
Eric S. Maskin, Wirtschaft 2007
Dale T. Mortensen, Wirtschaft 2010
Erwin Neher, Medizin 1991
Konstantin Novoselov, Physik 2010
Sir Paul Nurse, Medizin 2001
Christiane Nüsslein-Volhard, Medizin 1995
Venkatraman Ramakrishnan, Chemie 2009
Sir Richard J. Roberts, Medizin 1993
Heinrich Rohrer, Physik 1986
Bert Sakmann, Medizin 1991
Bengt I. Samuelsson, Medizin 1982
John E. Sulston, Medizin 2002
Jack W. Szostak, Medizin 2009
John E. Walker, Chemie 1997
Ada E. Yonath, Chemie 2009
Rolf Zinkernagel, Medizin 1996
Harald zur Hausen, Medizin 2008
Träger der Fields-Medaille:
Pierre Deligne, 1978
Timothy Gowers, 1988
Maxim Kontsevich, 1998
Stanislav Smirnov, 2010
Cedric Villani, 2010