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Aktualisiert: 10.10.2016, 13:06 Uhr

Vertragstheoretiker Wirtschaftsnobelpreis geht an Oliver Hart und Bengt Holmström

Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht an den Briten Oliver Hart und den Finnen Bengt Holmström. Ihre Arbeit untersucht die Funktion von Verträgen auf den verschiedensten Feldern.

© AFP Die Preisträger 2016: Oliver Hart und Bengt Holmström

Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wird an Oliver Hart und Bengt Holmström verliehen. Das teilte die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie am Montag in Stockholm mit.

Der an der amerikanischen Harvard-Universität lehrende Brite Hart und sein finnischer Kollege Holmström vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge erhalten die Auszeichnung für ihre Verdienste auf dem Forschungsfeld der Vertragstheorie.

Die neuen theoretischen Instrumente von Hart und Holmström seien äußerst wertvoll, um die Funktionsweise von Verträgen und Institutionen zu verstehen, sowie deren potentielle Fallstricke, hieß es in der Begründung der Akademie. Die beiden Wissenschaftler hätten ein umfassendes Rahmenwerk entwickelt.

Holmström zeigte sich „sehr überrascht“ von der Auszeichnung. „Ich habe das überhaupt nicht erwartet“, sagte der Ökonom am Montag während der Pressekonferenz nach der Verkündung in Stockholm, der er per Telefon zugeschaltet war. Er sei „sehr glücklich und dankbar“ über die Auszeichnung, sagte der gebürtige Finne. Hart sagte, er sei um 4:40 Uhr aufgewacht und habe sich gewundert, ob es schon zu spät sei für dieses Jahr, doch dann habe ja glücklicherweise das Telefon geklingelt.

Analysen zum Vertragsdesign ausgezeichnet

Oliver Hart, geboren im Jahr 1948 in London, promovierte 1974 an der Universität Princeton. Seit 1993 ist er VWL-Professor in Harvard. Bengt Holmström, geboren ein Jahr später in Helsinki, ist eigentlich studierter Mathematiker und theoretischer Physiker. 1978 promovierte er an der Universität Stanford. Seit 1994 hat er am renommierten Massachusetts Institute of Technology einen Lehrstuhl inne.

Beide haben sich auf dem Gebiet der Vertragstheorie einen Namen gemacht. Das Komitee zeichnet sie insbesondere für ihre Analysen zum Vertragsdesign aus. Dabei geht es beispielsweise um Themen wie leistungsbasierte Bezahlung für Mitarbeiter in Führungspositionen und die Privatisierung von Organisationen aus dem öffentlichen Sektor.

© AFP, reuters Nobelpreis für Wirtschaft geht an Experten für Vertragstheorie

Grundlagenforschung zur Prinzipal-Agenten-Theorie

Bengt Holmström lieferte bereits in den 1970er Jahren Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Vertragstheorie und entwickelte die Prinzipal-Agenten-Theorie mit, die heute in jedem Lehrbuch steht. Im Kern geht es darum, dass ein Prinzipal mit einem Agenten einen Vertrag schließt. Ein Prinzipal kann beispielsweise ein Shareholder, ein Agent die Geschäftsführerin eines Unternehmens sein.

In dieser Situation wird der Agent stets besser informiert sein als der Prinzipal. Außerdem können seine Handlungen nicht vollständig vom Prinzipal überblickt werden. In der Ökonomik spricht man von „asymmetrischer Informationsverteilung“. Da die beiden mitunter unterschiedliche Ziele verfolgen, kann es zu Konflikten kommen.

Holmström hat im Rahmen dieser Theorie gezeigt, wie ein optimaler Vertrag zwischen Prinzipal und Agent aussehen kann und wie in diesem Risiken und Anreize sinnvoll verteilt werden können. In späteren Jahren verallgemeinerte er diese Resultate und bezog sie auf Situationen, die in der täglichen Arbeitswelt von Bedeutung sind:

Wer darf in welcher Situation Entscheidungen treffen?

Welche Anreize spielen bei Arbeitnehmern – neben der klassischen Entlohnung per Gehalt – eine Rolle? Und wie geht man damit um, wenn Mitglieder eines Teams sogenanntes „Freeriding“ betreiben, also nur von den Anstrengungen ihrer Kolleginnen und Kollegen profitieren?

Oliver Hart forscht auch auf dem Gebiet der Vertragstheorie und ist vom Komitee vor allem für seine Arbeiten zu unvollständigen Verträgen ausgezeichnet worden: Kein Vertrag kann zu einhundert Prozent alle Situationen regeln, die theoretisch entstehen könnten. Deshalb stellt sich die Frage: Wer darf in welcher Situation die Entscheidungen treffen? Mit unvollständigen Verträgen beschäftigen sich heute nicht nur die Wirtschaftswissenschaften, sondern auch angrenzende Disziplinen wie Politik- und Rechtswissenschaft.

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Die mit acht Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotierte Auszeichnung geht anders als die klassischen Nobelpreise nicht auf das Testament des schwedischen Erfinders Alfred Nobel zurück. Die schwedische Reichsbank stiftete den Preis 1968 nachträglich, um bedeutende Ökonomen zu würdigen.

Erst ein Deutscher unter den Preisträgern

Offiziell heißt er deshalb „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel“. Verliehen wird die Auszeichnung aber gemeinsam mit den anderen Nobelpreisen am 10. Dezember, dem Todestag Nobels.

Nobelpreisträger von 1901 bis heute Nobelpreisträger von 1901 bis heute © F.A.Z. Interaktiv 

Während die Stockholmer Jury seit der ersten Preisvergabe 1969 vor allem US-Ökonomen mit der Auszeichnung bedacht hat, kommen die Preisträger der vergangenen beiden Jahre aus Europa. 2014 bekam der Franzose Jean Tirole den Preis für seine Forschung über Marktmacht und Regulierung. Im vergangenen Jahr erhielt der Schotten Angus Deaton die Auszeichnung, der aber wie viele andere Preisträger in Amerika lehrt.

Nach Deutschland ging der Preis in den vergangenen Jahren erst einmal. 1994 ehrte das Nobelkomitee den Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten. Zudem wurde die Ehre bislang nur einer Frau zuteil: 2009 bekam die amerikanische Umwelt-Ökonomin Elinor Ostrom die Auszeichnung.

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