http://www.faz.net/-gwz-8m0qj

Medizin-Nobelpreis : Innerlich verfressen

Der Forscher Yoshinori Oshumi produzierte eine Reihe genetischer Mutanten, die ein Autophagie-Gen nach dem anderen zutage förderten. Bild: Reuters

Der Medizin-Nobelpreis geht diesmal an den Biorecycling-Forscher Yoshinori Oshumi. Sein Thema: Selbstzerfleischung als Lebensprinzip. Und ein wenig hat der Japaner uns damit auch klargemacht, warum Dosenpfand kein Selbstzweck ist.

          Fast alle Nobelpreis würdigen Entdeckungen sind groß, wegweisend und inspirierend, zumal die Einzelpreise; viele sind auch überraschend und umstritten. Aber nur wenige haben wie die in diesem Jahr vom Nobelpreis-Komitee ausgewählte „Autophagie“ auch eine sehr weltliche ironische Pointe. Ja, man ist fast geneigt, den deutschen Bundestag dafür zu loben, dass er just zu jener Zeit, als an der Universität von Tokio der japanische Zellforscher Yoshinori Oshumi die akribische Recyclingwirtschaft im Reich der Organismen aufgedeckt hat, den Deutschen ihr Kreislaufwirtschaftsgesetz geschenkt hat.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Geregeltes Recycling als Zukunftskonzept, davon wussten weder Darwin, Mendel noch der große Universalgelehrte Helmholtz etwas. Nur die Grünen, das muss man an dieser Stelle anmerken dürfen, hatten wohl früh eine Vorahnung, dass es im Leben ohne das rechte Maß und eine ressourcensparende Einstellung keine rechte Balance und – wie man heute sagt – Nachhaltigkeit – geben könnte. Das Müllrecycling jedenfalls eroberte in den Neunzigern schnell und kulturübergreifend den Zeitgeist.

          Die Mediziner hätten das natürlich auch ahnen können. Denn „Selbstzerstörung“, die simple Übersetzung des wörtlich nur schwer zu übersetzenden Phänomens Autophagie, hat durchaus eine prominente Vorgeschichte. Nicht weniger als zwei Nobelpreise, einer aus dem Jahre 1974 für die Entdeckung der Lysosomen-Bläschen als die ultimativen Entsorgungseinheiten innerhalb lebender Zellen durch Christian de Duve und an drei Proteinforscher im Jahr 2004 für das Spezial-Recycling von nutzlosen Proteinen in sogenannten Proteasomen, waren ein klarer Fingerzeig für die biomedizinisch ausgerichtete Medizin: Ohne geregelte Entsorgung und Wiedergewinnung ist vielzelliges Leben und damit auch ein langes und gesundes menschliches Leben undenkbar.

          Japan : Yoshinori Ohsumi bekommt Nobelpreis für Medizin

          Oshumis Idee: Recycling in Zellen einfrieren

          Nur wie sollte das genau ablaufen im Körper, wer steuert die offensichtlich hochkomplexen fluiden Prozesse, die sich schon beim drögen Dosenrecycling in der Kommune als schwer durchschaubar – und vor allem kontrollierbar – erwiesen? Oshumi, der in Fukuoka geborene und seit 2009 am Tokio Institute of Technology tätige Mediziner, der nur drei Jahre seines akademischen Lebens außerhalb Japans (an der Rockefeller-University) verbracht hat, ging der komplexen Sache mit einfachen Hefepilzen in der Petrischale auf den Grund. Seine Idee: Das Recycling in den Zellen einfrieren, Momentaufnahmen erzeugen.

          Oshumi produzierte eine Reihe genetischer Mutanten, die ein Autophagie-Gen nach dem anderen zutage förderten. Immer wenn eines dieser Gene mutationsbedingt seinen Dienst versagte, hakte es in der Recyclingkette. Oshumi konnte so in den neunziger Jahren und danach viele Einzelstadien und die entsprechenden molekularen Werkzeuge des Entsorgungsnetzes identifzieren. Sehr schnell merkte Oshumi, dass es schon genügt, die Zellen einem äußeren Stress auszusetzen, Hitze, Strahlen oder Nährstoffknappheit, damit die zelleigene Wiederverwertungsmaschinerie angestoßen wird und die Zellen überleben.

          Selbstzerfleischung als Überlebensrezept – innerhalb weniger Jahre hat sich diese Erkenntnis über einen grundlegenden Prozess in Zellen zu einem visionären Arbeitsgebiet für Forscher, Ärzte und Techniker entwickelt. Beim Menschen sind heute 14000 Proteine katalogisiert, davon drei Dutzend Kerneiweiße der Autophagie und 113 Regulatoren, die an der Selbstkannibalisierung der Lebensbausteine beteiligt sind. Ein zu viel oder ein zu wenig an Autophagie kann fatale Folgen haben.

          Bei manchen Erbleiden, vielen Infektionen, womöglich auch bei Parkinson, Alzheimer, Diabetes und Krebs scheint das zelluläre Recycling mitunter massiv gestört. Und wie fast nicht anders zu erwarten, regelt es auch unseren Appetit. Wenn wir hungern, beginnen bestimmte Hirnzellen im Hypothalamus mit der molekularen Selbstzerfleischung und setzen damit Signalstoffe frei, die uns zur Kalorienaufnahme drängen. Womit bewiesen wäre: Recycling ist kein Selbstzweck, auch wenn das vom Dosenpfand immer wieder behauptet wurde.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ein Impfstoff gegen Ebola Video-Seite öffnen

          Hoffnung aus Deutschland : Ein Impfstoff gegen Ebola

          In der Rekordzeit von vier Jahren gelang es Forschern einen Impfstoff gegen das Ebola-Virus zu entwickeln. Die Massenproduktion des Impfstoffes soll in Deutschland starten. F.A.Z.-Wirtschaftskorrespondent Andreas Mihm war in Burgwedel vor Ort.

          Wer weiß, wen wir wählen? Video-Seite öffnen

          Livestream „Die Debatte“ : Wer weiß, wen wir wählen?

          Zuletzt wurde das Wahlverhalten großer Menschenmengen oft falsch eingeschätzt. Was ist der Grund dafür? Auf einer Podiumsdiskussion diskutieren Forscher über die Unberechenbarkeit des Wählers. Verfolgen Sie die Debatte im Livestream.

          Topmeldungen

          Wahlkampfabschluss der AfD : Revolte von rechts

          Am Abend vor der Wahl trifft sich der Landesverband der AfD Sachsen zur Kundgebung in Görlitz. Ohne Frauke Petry. Die hatte zuvor abgesagt – wegen „innerparteilichen Querelen“. Dafür tritt einer ihrer Feinde auf.
          Versuchen fast alles, um Merkel zu stürzen: Die AfD-Spitzenkandidaten Weidel und Gauland.

          Neue Internetseite der AfD : Teuflisch genial

          Im Online-Wahlkampf holte sich die AfD Unterstützung von einer Werbeagentur, die bereits für Donald Trump arbeitete. Jetzt hat die Partei eine neue Website veröffentlicht – und startet damit eine Schmutzkampagne gegen die Kanzlerin.

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.