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Nobelpreis für Bob Dylan : How do we feel?

Wenn der Literaturnobelpreis seine Aufgabe in der Würdigung anspruchsvollen Schreibens sieht, hat er mit der Vergabe an Bob Dylan eine konsequente Entscheidung getroffen. Bild: dpa

Wie Homer: Bob Dylan betreibt Gesang und Verskunst – und hat den Nobelpreis verdient.

          Was bedeutet es, dass der Literaturnobelpreis in diesem Jahr an einen Sänger gegangen ist, an Bob Dylan? Und was, dass er im vergangenen Jahr an eine Sachbuchautorin ging, an Swetlana Alexijewitsch? Gibt es keine Dichter mehr, die des höchstangesehenen Literaturpreises würdig wären? Oder stellt sich der Literaturnobelpreis neu auf, weil die ihn vergebende Schwedische Akademie erkannt hat, dass es erfolgversprechendere Erzählformen gibt als das, was gemeinhin unter Literatur verstanden wird? Unkenrufe waren sofort zu vernehmen: Mircea Cartarescu, selbst vielfach dekorierter Schriftsteller aus Rumänien und schon lange unter den ständigen Favoriten für den Literaturnobelpreis, hat nach Bekanntgabe der Vergabe an Dylan mitgeteilt, dass ihm die „wahren Schriftsteller“ leid täten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das können einem Haruki Murakami, Don DeLillo oder Ngugi wa Thiong’o auch tun, denn sie hätten jeweils den Preis verdient. Aber hat ihn Dylan nicht auch verdient? Die Frage, die zunächst einmal gestellt werden muss, lautet: Ist das, was Bob Dylans Kunst ausmacht – oder die von Swetlana Alexijewitsch –, Dichtung? Erst mit ihrer Beantwortung kann man die Entscheidungen des Literaturnobelpreiskomitees bewerten: als Missverständnis, wenn es sich nicht um Dichtung handelte, oder als etwaiges Fehlurteil.

          Die Ausweitung des Literaturbegriffs

          Missverständnisse sind die jüngsten beiden Verleihungen nicht: Niemand bestreitet die literarische wie dramatische Kunstfertigkeit von Swetlana Alexijewitsch, die mit ihren Gesprächsporträts ein Genre perfektioniert hat, das dadurch literarischen Rang erwarb. Diese Texte lesen sich dichterisch, sie sind mitreißend und ästhetisch herausfordernd. Warum sollte sich ein Nobelpreis für Literatur beim Vorliegen solcher Qualitäten auf fiktive Prosa und Dichtung beschränken? Zumal schon 1953 ein Autor ausgezeichnet wurde, bei dem der Preis neben dem biographisch-historischen Werk (Sachbuch!) ausdrücklich auch die Reden mitgeehrt sehen wollte: Winston Churchill. Oder gar 1902, im zweiten Jahr des Nobelpreises, an Thedor Mommsen als „gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst“. Die Ausweitung des Literaturbegriffs durch die Jury ist also so alt wie die Auszeichnung.

          Seit vielen Jahren steht Bob Dylan bei Wetten um den Literaturnobelpreis ganz oben. Nun hat sich die Jury endlich durchringen können. Bilderstrecke
          Bob Dylan : Ein globales Phänomen

          Im Englischen trägt die musikalische Sparte, der der fünfundsiebzigjährige und immer noch rastlos aktive Dylan angehört, die Bezeichnung „Singer/Songwriter“. Schreiben ist also konstitutiv für die Zuordnung zu einer Künstlerexistenz, für die das Deutsche nur den unschön mechanisch klingenden Begriff „Liedermacher“ hat. Ihre Wurzel hat sie in Musik und Dichtung gleichermaßen. Mehr als in allen anderen Formen moderner Lyrik hat sich in Liedtexten allerdings der Reim gehalten; Vertreter eines traditionalistischen Verständnisses von Dichtkunst sollten sich damit anfreunden können. Avanciertere Lyrikfreunde wiederum können sich am sprachschöpferischen Potential von Popmusiktexten erfreuen. Man denke nur an das, was etwa Herbert Grönemeyer mit der deutschen Sprache angestellt hat und wofür Dichter wie Michael Lentz ihn bewundern.

          Der Nobelpreis erweitert sein Terrain

          Bob Dylan ist nun nicht für Neologismen oder Versexperimente bekannt, sondern für eine poetische Sprache und die daraus resultierende Sublimierung seiner Erzählstoffe. Manche haben ihn deshalb der Verrätselung geziehen, und der eigenwillige Vortrag des Sängers auf der Bühne trägt ein Übriges dazu bei, dass Dylan für viele als unverständlich gilt. Doch es ist kein Zufall, dass seine Liedtexte schon in den frühen siebziger Jahren gesammelt als Bücher erschienen sind (und das in vielen Sprachen). Das war keine Mitsinghilfe für verzweifelte Konzertbesucher, sondern Material für die Textexegese begeisterter Zuhörer, die darüber zu begeisterteren Lesern wurden. Und im besten Fall ihr Gefühl für Lyrik entwickelten oder schärften, denn auch wenn Dylans Dichtung nicht den Erwartungen modernster Poetologien entsprechen mag, ist sie doch in den Metaphern ebenso einfallsreich wie in der Form höchst sorgsam gebaut. Dass sie ihre Zuhörer bewegt, ist evident. Was will Dichtung mehr?

          Genügt das aber in Konkurrenz zu einem Lyriker wie Adonis, der vor der Preisvergabe auch favorisiert worden war? Knüpft es an die Dichtung von Seamus Heaney, Wisława Szymborska und Tomas Tranströmer an, die Dylans letzte Vorgänger als nobelpreisgekrönte Lyriker waren? Wenn der Literaturnobelpreis seine Aufgabe in der Würdigung anspruchsvollen Schreibens sieht und dessen weltweite Verbreitung fördern will, hat er mit der Vergabe an Bob Dylan eine konsequente Entscheidung getroffen. Und die Betonung der Jury, sie zeichne einen Autor aus, der sich ständig neu erfunden habe und das noch immer tue, ist ein Hinweis, weshalb er den Vorzug vor manchen hochgehandelten Schriftstellern, gerade auch aus seiner amerikanischen Heimat, bekommen hat.

          Schweden : Bob Dylan erhält Literaturnobelpreis 2016

          Der Nobelpreis erweitert sein Terrain, und das kann allen, die Literatur nicht als streng eingehegtes Feld begreifen, nur recht sein. Die Sekretärin der Schwedischen Akademie verwies darauf, dass Dylan seine Dichtung so unter die Leute bringe wie früher einmal Homer. Das ist gewagt, aber der Vergleich trägt zur Verständnisklärung bei: Homer betrieb auch Gesang, Verskunst und Sachschilderung. In einem Wort: Literatur.

          Quelle: F.A.Z.

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