04.10.2003 · Forscher und Literaten, die einen Nobelpreis zuerkannt bekommen, dürfen sich über kurzen Ruhm freuen. Die Preise sind jedoch hoch dotiert. Was machen die Preisträger eigentlich mit dem vielen Geld?
Von Ulf von RauchhauptSeinen Nobelpreis hatte Robert Lucas vorausgesehen. Als Wirtschaftswissenschaftler und Verfechter der "Hypothese der rationalen Erwartungen" war für ihn selbst die hohe Ehrung etwas, auf das man vernunftgeleitet spekulieren kann. Allerdings rechnete er damit, daß es noch eine ganze Weile dauern würde. So bewegte er 1988 seine Frau, in die Scheidung einzuwilligen, indem er ihr die Hälfte des Preisgeldes zusicherte, falls er binnen sieben Jahren den Nobelpreis erhalte. Doch wenige Wochen bevor die Frist ablief, befand die Schwedische Akademie der Wissenschaften Lucas' Arbeiten über die monetäre Rationalität für preiswürdig - und machte damit auch seine Ex-Frau um eine halbe Million Dollar reicher.
Auf den Preis der Preise spekulieren viele Wissenschaftler und gewiß auch so mancher Literat. Nur wenige allerdings machen sich dabei Gedanken über den damit verbunden Geldsegen. Außer bei Lucas ist es noch bei Albert Einstein belegt, der ebenfalls eine Scheidung zu finanzieren hatte.
Denn es ist natürlich nicht das Geld, das den Nobelpreis zur mit Abstand prestigeträchtigsten aller Auszeichnungen macht. Jedenfalls nicht allein. Die Damen und Herren, die kommende Woche als diesjährige Träger der Preise für Physik, Chemie, Medizin, Ökonomie und Friedensstiftung verkündet werden (der neue Literaturpreisträger, John Coetzee, wurde bereits am Donnerstag vorgestellt), freuen sich natürlich vor allem über die Wertschätzung ihrer Leistungen und vielleicht über die Publicity. Doch auch das hat ja durchaus seine materielle Seite - viele frischgebackenen Laureaten können sich vor hochdotierten Offerten kaum retten.
1,11 Millionen Euro pro Fach
Was die Nobelstiftung an Barem verteilt, ist dabei nicht zu verachten: In jedem Fach werden es dieses Jahr etwa 1,11 Millionen Euro sein - gut das Zehnfache des Jahresgehalts eines deutschen C4-Professors. Diese Summe kann jeweils maximal auf drei Preisträger verteilt werden. Dazu gibt es noch eine 200 Gramm schwere Plakette mit dem Konterfei des Stifters in 18karätigem Gold mit einem aktuellen Materialwert von 1.563 Euro.
Was tut ein Forscher oder Dichter mit soviel Geld? Der Friedensnobelpreis kommt schon aufgrund seines Charakters häufig Gemeinnützigem zugute. Bei den anderen ist das Bild, vorsichtig ausgedrückt, differenzierter. Auch dort floß natürlich schon die eine oder andere Nobel-Million guten Zwecken zu: Max Delbrück, der Medizinpreisträger von 1969, spendete sein Preisgeld an Amnesty International, und der italienische Dramatiker Dario Fo gab es 1997 einer Behinderteneinrichtung. Auch die beiden deutschen Laureaten des Jahres 1999, Günter Grass (Literatur) und Günter Blobel (Medizin), taten Gutes. Grass bedachte seine drei Stiftungen, und Blobel fördert, wie in keiner Pressemeldung über ihn verschwiegen wird, den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Noble, wenngleich nicht immer besonders schwere Opfer. Immerhin könnte Grass allein von den Tantiemen aus seinem Roman "Die Blechtrommel" bequem leben, und auch Blobel ist bereits reich; seine Frau betreibt in Manhattan ein gutgehendes Edelrestaurant.
Gruppenzwang der Mildtätigkeit
Die meisten Preisträger dagegen können das Geld ganz gut selber brauchen. Dabei macht dem Geehrten die Tatsache, daß ihm der finanzielle Segen in aller Öffentlichkeit zuteil wird, es oft nicht einfach, sich dem Gruppenzwang zur Mildtätigkeit zu entziehen. So wurde auch Thomas Mann nach Erhalt des Literaturnobelpreises 1929 von Bettelbriefen genervt: "Der Akzent der Forderung", schrieb er in seinem "Lebensabriß", "hat etwas Bedrohliches und Gehässig-Dämonisches, das nicht zu beschreiben ist, und man sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder den ,vom Mammon Verhärteten' oder den Schwachkopf zu spielen, der eine zu anderen Zwecken bestimmte Summe ins Hoffnungslose verzettelt."
Welche "anderen Zwecke" der Dichter da gemeint haben mag? Vielleicht die Ermöglichung sorgenfreien Schaffens. Auf die Wissenschaft übertragen, wäre die Nobelpreissumme demnach für die Forschung oder Forschungsförderung zu verwenden, was in der Tat hin und wieder geschieht. So stiftete im Jahre 1901 der erste Physiknobelpreisträger, Wilhelm Conrad Röntgen, sein Preisgeld (rund 780000 Euro nach heutiger Kaufkraft) der Universität Würzburg. Die Kapitalerträge daraus sollten dem Physikernachwuchs zugute kommen, doch Inflation und Währungsreform schmolzen den Röntgen-Fonds so arg zusammen, daß es heute nur noch für Buchpreise an die jahrgangsbesten Studenten reicht.
Geld in die eigene Forschung
In der Regel lassen Laureaten mit wissenschaftsfördernden Ambitionen ihr Nobelgeld aber lieber der eigenen Forschung zukommen. Jüngstes Beispiel hierfür ist der Schweizer Biochemiker Kurth Wüthrich, der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Chemie bekam. 500000 Dollar seines Preises steckt er in ein Labor, das er demnächst am Scripps Institute in San Diego beziehen wird, wenn er das Pensionsalter erreicht und ihm die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich den Stuhl vor die Tür stellt.
Andererseits: So häufig, wie man es vielleicht erwartet, werden Nobelpreisgelder heute nicht mehr für Forschungszwecke ausgegeben. Eine Umfrage unter einem Dutzend Physik-Nobelpreisträgern förderte jedenfalls keinen einzigen Fall zutage. Das ist angesichts dessen, was gerade physikalische Forschung heute kostet, allerdings kein Wunder. "Nach Abzug der Steuern blieben von meinem Preis etwa 200 000 Dollar", sagt etwa Douglas Osheroff von der Stanford University, der 1996 ausgezeichnet wurde, "das ist deutlich weniger als das, was meine Forschung jährlich kostet."
Investition ins Hobby
Da mag man es dem Forscher nicht verübeln, daß er sich für sein Nobelgeld lieber etwas gönnt. "Mein Hobby ist das Fotografieren", sagt Osheroff, "daher habe ich mir für ein Zehntel des Geldes eine sehr edle schwedische Kamera gekauft, eine Hasselblad 205." Auch sein im vergangenen Jahr geehrter Fachkollege Wolfgang Ketterle am Massachusetts Institute of Technology hat das Geld nicht für die Wissenschaft, sondern für seine Familie ausgegeben. "Wenn der Preis durch drei geteilt wird und etwa 50 Prozent Steuern gezahlt werden, bleibt weniger, als allgemein angenommen wird", sagt der gebürtige Heidelberger. Wäre Ketterle in Deutschland geblieben, hätte er seinen Preis nicht versteuern müssen. Allerdings dürfte der Nachteil der erst 1986 unter Reagan eingeführten Besteuerung von Preisgeldern angesichts der Spitzengehälter an den amerikanischen Elitehochschulen langfristig auch materiell bedeutungslos sein.
So verhalten sich auch Nobelpreisträger in den meisten Fällen nicht anders als andere Menschen, die auf einmal zu etwas Geld gekommen sind: Sie bereinigen damit private Kalamitäten wie Robert Lucas oder Albert Einstein - oder auch Thomas Mann, der davon die Schulden seiner Kinder Klaus und Erika beglich. Oder sie leisten sich eben etwas Schönes. Bei Mann reichte es dann immerhin noch für ein "Grammophon mit reichsortierter Plattensammlung, zwei starke Automobile und ein Landhaus von sehr bescheidenem Format", wie sich Klaus Mann erinnert. Häuser scheinen überhaupt eine beliebte Anlageform von Nobelpreisgeld zu sein, so auch für den Physiker Brian Josephson, der sich, seit er 1973 zu Nobel-Würden kam, vor allem mit Parapsychologie befaßt.
Wirklichkeit hält sich nicht immer an nobilitierte Theorie
Und zuweilen zerrinnt auch Nobelpreisträgern das Geld in den Fingern - wenn auch selten so spektakulär wie bei Robert Merton und Myron Scholes, die 1997 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für ihre Arbeiten zur Bewertung neuartiger Investmentformen bekamen. Damit gründeten die beiden flugs einen hochspekulativen Investmentfonds, der nach ihrer preisgekrönten Theorie funktionieren sollte und nicht zuletzt deswegen im Nu gewaltige Kapitalmengen anzog. Doch dann ging es ihnen wie ein paar Jahre später Robert Lucas, als dessen "Hypothese der rationalen Erwartungen" im Debakel des Neuen Marktes unterging. Die Wirklichkeit hielt sich nicht an die nobilitierte Theorie. Der Fonds von Merton und Scholes platzte mit lautem Knall, und kaum ein Jahr nach der Preisverleihung hatten die beiden schlauen Nobelpreisträger eines der größten Einzeldesaster in der Geschichte der Kapitalmärkte zu verantworten.
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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