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Tranströmer erhält Literatur-Nobelpreis : Nah der Realität, doch nicht von dieser Welt

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Er selbst nannte sich einmal „ein T in der unendlichen Textmasse“: Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer (80) erhält den Literatur-Nobelpreis.

          Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer (80). Das teilte die Schwedische Akademie soeben in Stockholm mit. Tranströmer ermögliche den Lesern durch seine „dichten, klaren Bilder einen neuen Zugang zur Wirklichkeit“, hieß es zur Begründung.

          Man nennt Tranströmer den schwedischen Neuerfinder der Metapher. Der stille Revolutionär befreite sie vom Preziösen und öffnete sie für die Geheimnisse der alltäglichen Realität. In seiner Lyrik gibt es so frappierende Bilder wie „Die Zeitung, großer schmutziger Schmetterling“ oder „Schweden ist ein an Land gezogenes, abgetakeltes Schiff“. Peter Szondi glaubte in solch kühnen Verbindungen zweier Elemente ein Drittes zu erkennen, „für das es kein Wort gibt“.

          So schuf der Dichter eine poetische Welt, die nah an der Realität bleibt und doch nicht von dieser Welt ist. Seine Poesie ist ein imaginärer Raum, aus dem ein kühles, aber intensives Licht auf Dinge und Menschen fällt. Lars Gustafsson, der Freund und Kollege, sah darin eine Sphäre, in der die Wahrnehmungen sinnvoller als gewöhnlich erscheinen.

          „Mein Name kommt wie ein Engel“

          Tranströmer debütierte 1954, als Dreindzwanzigjähriger, mit „17 dikter“, siebzehn Gedichten. Sein Werk, das in über fünfzig Jahren wuchs, passt in einen Band von nicht einmal dreihundert Seiten. Kein Vielschreiber also. Dazu ein Einzelgänger, der seiner Verantwortung vor der Sprache lebt. Ein Artist von Graden, der uns mit einer Welt neuer Bilder beschenkt. „Das Entscheidende ist die Vision“, sagte er und ist dieser Vision bis heute gefolgt. Vor ihrer Ausbeutung schützte ihn die Praxis des Alltags: etwa die Tätigkeit als Psychologe in einer Anstalt für kriminelle Jugendliche. Tranströmers Poesie profitierte davon durch genaue Momentaufnahmen: „Zwei Jungen treten Ball in der Dämmerung. / Ein Schwarm schwacher Echos. - Plötzlich sternenklar.“

          Tranströmer unterläuft den blanken Gegensatz von reiner Kunst und Engagement. Damit kann sein Gedicht auch die Last von Zeit und Geschichte tragen. So in „Trauergondel“ aus den neunziger Jahren. Es ist ein wunderbares Venedig-Gedicht, dazu ein großartiges Zeitgedicht. Es spielt auf Wagner und Liszt an und sondiert den historischen Grund ebenso wie die Albträume zeitgenössischer Realität: „25. März. Unruhe für Litauen. / Träumte, ich besuchte ein großes Krankenhaus. Kein Personal. Alle waren Patienten.“

          Tranströmer rechnet sich durchaus zu ihnen. Er sieht den Dichter mit dem selbst gewählten Auftrag, „dort zu sein, wo man ist“. Wie im Hades die Schatten zu Odysseus, so kommt die Menge zu ihm, um Sprache und Individualität zu gewinnen. In einem Prosagedicht von 1970 gibt es den Autofahrer, der ermüdet unter die Bäume am Straßenrand gefahren ist, um auszuruhen. Als er erwacht, hat er vergessen, wer er ist: „Ich bin etwas, das auf dem Rücksitz erwacht, in Panik umhertobt wie eine Katze im Sack. Wer? - Endlich kehrt mein Leben wieder. Mein Name kommt wie ein Engel.“

          Tranströmer zeigt, dass man sich verloren haben muss, um sagen zu können: „Mein Name kommt wie ein Engel.“ Der Dichter nimmt den Kampf um den Namen auf, und allein das Gedicht kann ihn gewinnen. Er selbst sieht sich lediglich als „ein T in der unendlichen Textmasse“: T wie Tomas? T wie Tranströmer?

          Vor mehr als zwei Jahrzehnten, 1990, erlitt Tranströmer einen schweren Schlaganfall, der um sein Leben fürchten ließ. Umso erstaunlicher, wie weit der Dichter sich in den folgenden Jahren erholte. Er reiste wieder. Beim Münsteraner Lyrikertreffen 2009 und auch in Berlin konnte man ihm begegnen. Er war sogar in China. Er spielt wieder Klavier, wenn auch nur mit der Linken, die er noch bewegen kann. Er schrieb weiter an Gedichten, wenn auch den knappsten denkbaren. Sie standen 2005 in dem Band „Das große Rätsel“. Darin ist November, Windstille, Spätzeit. Das Eingangsgedicht wirft einen Blick vom „Adlerfelsen“: „In der Tiefe des Bodens gleitet meine Seele / schweigend wie ein Komet.“ Das ist eines der großen Bilder, darin er Meister ist.

          Tranströmer ist der achte schwedische Gewinner in der mehr als hundertjährigen Geschichte des wichtigsten Literaturpreises der Welt.

          Im vergangenen Jahr bekam der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa den wichtigsten Literaturpreis der Welt. Die Auszeichnung ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

          Der Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember in Stockholm überreicht - dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

          Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

          2010 Mario Vargas Llosa (geboren 1936, Peru/Spanien)

          2009 Herta Müller (geboren 1953, Deutschland)

          2008 Jean-Marie Gustave Le Clézio (geboren 1940, Frankreich/Mauritius)

          2007 Doris Lessing (geboren 1919, Großbritannien)

          2006 Orhan Pamuk (geboren 1952, Türkei)

          2005 Harold Pinter (1930–2008, Großbritannien)

          2004 Elfriede Jelinek (geboren 1946, Österreich)

          2003 J. M. Coetzee (geboren 1940, Südafrika)

          2002 Imre Kertész (geboren 1929, Ungarn)

          2001 V. S. Naipaul (geboren 1932, Großbritannien)

          Quelle: F.A.Z./Harald Hartung

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