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„Nichts als die Wahrheit“ : Google-Suchmaschine setzt auf Fakten

Die Suchmaschine Google Bild: dpa

Runter mit Verschwörungen und Pseudowissen: Wer künftig bei Google sucht, soll vertrauenswürdige Seiten zuerst finden. 119 Millionen Adressen haben schon bestanden, viele populäre Seiten fallen durch.

          Wer Unsinn im Netz verzapft, und sei es nur, um einen Twittersturm zu erzeugen oder Klickzahlen zu generieren, der darf bald nicht mehr auf die Mithilfe von Google hoffen. In Suchanfragen soll Pseudowissen grundsätzlich nicht mehr auf den vorderen Seiten landen. Denn Google ändert in seinem Suchalgorithmus entscheidende Qualitätskriterien. Das haben Software-Ingenieure des Konzerns in einem wissenschaftlichen Aufsatz mitgeteilt. Vertrauenswürdigkeit soll der Maßstab sein, wie es heißt, „wissensbasierte Vertrauenswürdigkeit“. Fakten statt Klicks. Die  Pole-Position im Suchergebnis soll die Wahrheit bekommen, weniger der Populismus. Oder, im Google-Sprech: „Nichts als die Wahrheit“. 

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Anspruch kommt nicht ganz plötzlich. Schon im vergangenen Jahr hatten Google-Forscher angekündigt, mit „Knowledge Vault“ die weltgrößte Datenbank aufzubauen, in der gesicherte Fakten über die Welt gespeichert sind. Wer etwas über die Welt wissen möchte und bei Google eine Suchanfrage eintippt, soll an erster Stelle eine möglichst richtige Antwort erhalten. Zwischen den Zeilen der Veröffentlichung war schon damals die Furcht zu lesen, zum Handlanger von Verschwörungstheoretikern und zur unseriösen Plattform für wilde Gerüchte zu werden. Texte, in denen Falsches steht – etwa, dass Barack Obama gar kein amerikanischer Staatsbürger sei –  will man in der Ergebnisliste weit hinten sehen;  auch wenn solche Texte millionenfach gelesen und per Link weiter verbreitet werden.

          Im Kern geht es darum, vom rein populistischen auf einen  wissenschaftlichen, enzyklopädischen Ansatz zu wechseln. Innerhalb eines halben Jahres hat Google die KV-Datenbank um mehr als 75 Prozent erweitert, mittlerweile sind zwei Milliarden Webseiten gelistet, die mit einem automatisierten Verfahren auf ihre „Vertrauenswürdigkeit“ – trustworthiness – geprüft wurden. Wie aber stellt Google fest, welche Informationen vertrauenswürdig sind? „Eine Quelle, die wenige falsche Fakten enthält, wird als vertrauenswürdig eingestuft”, heißt es dazu in der Veröffentlichung.

          Die Google-Suche: Bürger können auch verlangen, dass Links aus den Ergebnislisten gelöscht werden.
          Die Google-Suche: Bürger können auch verlangen, dass Links aus den Ergebnislisten gelöscht werden. : Bild: Reuters

          Nun ist Faktenwissen freilich nicht immer klar als falsch oder richtig einzustufen. Auch die Wissenschaft muss andauernd neu differenzieren. Häufig kommt es darauf an, wie man fragt oder was man wie und wann betrachtet. Die Frage etwa, ob das Foto eines ziemlich billigen Kleides, das in den  vergangenen Tagen unter Schlagworten wie #dressgate oder #TheDress weltweit berühmt wurde, nun als blau und schwarz oder weiß und gold wahrgenommen wird, ließe sich mit der KV-Google-Datenbank nicht beantworten. Am schnellsten hätte man noch erfahren, dass die Besitzerin des Kleides und Urheberin des Hype-Fotos eindeutig ein schwarz-blaues Kleid gekauft hatte. Warum viele, die Besitzerin eingeschlossen, dennoch auf dem Schnappschuss ein weiß-goldenes Kleid sehen, würde sich kaum klären lassen. Noch ließe sich das Gegenteil der eigenen Wahrnehmung empirisch beweisen. Nicht jede optische Illusionen lässt sich schlüssig und endgültig klären, wenn man nicht den individuelle Kontext der Wahrnehmung berücksichtigt – sprich: Jede Person ist anders.

          Welche Wahrheit ist wahrscheinlicher?

          Das ultimative Wissen der Welt gibt es also gar nicht, was inzwischen  philosophisch mit dem „neuen Realismus“ – auch eine Art Hype – mal wieder verstärkt diskutiert wird. Um absolute Wahrheiten soll es im modifizierten Google-Ranking aber auch offenbar gar nicht gehen. Viel eher um das, was wir als Plausibilität kennen, als Ausdruck empirisch gesicherter Informationen. Der neue Algorithmus, „Knowledge-based Trust“ (KBT) rechnet deshalb mit Wahrscheinlichkeiten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Daten stimmen, dass die Werte richtig sind oder das behauptete Faktum stimmt.

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