Home
http://www.faz.net/-gwz-77loh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Neandertaler-Studie Körpermasse ließ kaum Hirnkapazität für Soziales

Neue Theorie zum Aussterben der Neandertaler: Das Gehirn dieser Urmenschen war stark mit der Kontrolle der wuchtigen Körper beschäftigt. Damit blieb dem Denkorgan weniger Kapazität für höhere Prozesse wie etwa soziale Intelligenz.

© dpa Vergrößern Ein wuchtiger Körper will koordiniert werden: Skelett eines Neandertalers und eines modernen Menschen im Vergleich

Den Neandertalern könnten ihre wuchtigen Körper zum Verhängnis geworden sein: Britsche Forscher vermuten, dass das Gehirn der Urmenschen besonders stark darauf ausgelegt war, besser sehen zu können und den massigen Körper zu kontrollieren. Dadurch sei weniger Kapazität für komplexe Denkprozesse verfügbar gewesen, berichten die Anthropologen in den „Proceedings B“ der britischen Royal Society. Dies habe es den Neandertalern - im Gegensatz zum modernen Menschen - erschwert, große soziale Gruppen zu bilden.

Die Forscher der Universität Oxford und des Natural History Museum in London vermaßen die Schädel von 21 Neandertalern und 38 modernen Menschen, die vor mehr als 27 000 Jahren lebten. Dabei stellten sie fest, dass Neandertaler erheblich größere Augenhöhlen als moderne Menschen aufwiesen. Damit hatten sie - so folgern die Forscher - auch eine größere Netzhaut und letztendlich ein größeres Hirnareal zum Sehen.

In früheren Studien - so die britischen Autoren - hatten Wissenschaftler meist die Hirnmasse von Neandertalern und modernen Menschen aus der Schädelform abgeleitet. Aufgrund der etwa gleich großen Gehirne beider Menschenarten seien sie daher davon ausgegangen, dass auch die Gehirnstruktur und die Größe der verschiedenen Hirnareale ähnlich waren.

Mehr zum Thema

Die britischen Anthropologen vermuten allerdings, dass die Gehirne der Menschenarten verschieden organisiert waren. Die Neandertaler benötigten demnach neben dem größeren Sehzentrum auch größere Hirnareale, um ihre massigeren Körper zu kontrollieren.

Bereits in vorherigen Studien hatten dieselben Wissenschaftler festgestellt, dass moderne Menschen umso größere Sehareale im Gehirn ausbildeten, je weiter sie vom Äquator entfernt lebten - möglicherweise, um den geringeren Lichteinfall zu kompensieren.

„Da Neandertaler in höheren Breitengraden lebten und auch größere Körper als moderne Menschen hatten, mussten sie dem Sehen und der Körperbeherrschung mehr Hirnkapazität widmen“, erklärt Erstautor Eiluned Pearce. „Somit blieb weniger Gehirn übrig, um komplexere Aufgaben wie etwa Sozialverhalten zu bewältigen.“

Das hatte für die Urmenschen weitreichende Folgen: „Das Zusammenleben in eher kleinen Gruppen machte es für die Neandertaler schwieriger, den harschen Umweltbedingungen in Europa zu trotzen“, sagt Pearce. Die unterschiedlichen Gehirnaufteilungen bei Neandertalern und modernen Menschen könnten ein Grund sein, weshalb Neandertaler ausstarben, während die modernen Menschen kulturell weiterentwickelt waren und überlebten, meint Pearce.

Quelle: FAZ.NET/dpa

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zeitmangel und Stress Alarm im Hamsterrad

Im Stress vergleichen wir uns schnell mit dem Hamster im Hamsterrad. Doch wie fühlen sich die Tiere wirklich? Von Nagern ist zu lernen, mit Belastungen umzugehen. Mehr Von Christina Hucklenbroich

21.05.2015, 13:00 Uhr | Beruf-Chance
Studie über Smartphone-User Smartphone-Gebrauch verändert das Gehirn

Das Smartphone verändert unser Leben auf ganz unterschiedliche Weise. Und wie jetzt Forscher vermuten, verändert es auch unser Gehirn. Mehr

26.03.2015, 12:59 Uhr | Wissen
Psychologische Studie Rot wie die Hiebe

Männer finden Frauen in roter Kleidung besonders attraktiv. Andere Männer in Rot hingegen, das haben Forscher nun herausgefunden, nehmen sie als dominant und aggressiv wahr. Und auch Frauen lassen sich eher vom eigenen Geschlecht verunsichern. Mehr

13.05.2015, 15:15 Uhr | Stil
Medizin Ratten erschnüffeln Tuberkulose

Trotz großer Fortschritte im Kampf gegen die Tuberkulose sterben jedes Jahr hunderttausende Menschen an der Infektionskrankheit. Im südostafrikanischen Mosambik trainieren Forscher der belgischen Organisation Apopo Ratten, die Krankheit zu erschnüffeln. Die Methode soll schneller und günstiger sein als herkömmliche Tests. Mehr

24.03.2015, 16:32 Uhr | Wissen
Paläoanthropologie Steineklopfende Flachgesichter

In Kenia haben Forscher Steinwerkzeuge entdeckt, deren Alter sie auf 3,3 Millionen Jahren bestimmen, 700 000 Jahre älter als die frühesten bisher bekannten. Damit können sie kaum von Menschen angefertigt worden sein - wenn denn die Datierung stimmt. Mehr Von Ulf von Rauchhaupt

20.05.2015, 19:00 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.03.2013, 00:02 Uhr