20.05.2004 · Dicke Ausreißer aus Fischfarmen verdrängen die wilden Verwandten, die eigentlich fruchtbarer sind. Forscher sind besorgt.
Von Diemut KlärnerOb im Fischgeschäft oder im Supermarkt, frisch oder geräuchert - Lachs stammt gewöhnlich aus sogenannten Aquakulturen. Schließlich wachsen die Tiere in solchen Lachsfarmen bei guter Verpflegung viel schneller heran als in freier Wildbahn. So läßt sich die steigende Nachfrage mühelos decken. Daß die begehrten Fische eifrig gezüchtet werden, gibt ihren wilden Verwandten jedoch keine besseren Überlebenschancen. Im Gegenteil, diese Massenproduktion - derzeit rund 700 000 Tonnen pro Jahr - läßt Biologen um die Zukunft der Wildlachse bangen. Neue Untersuchungsergebnisse irischer Forscher belegen, daß die Bedenken berechtigt sind.
Aus den meist in stillen Meeresbuchten angelegten Gehegen können immer wieder Fische entwischen. Die alljährliche Zahl der Ausreißer wird auf zwei Millionen geschätzt, und etliche finden sich zur Laichzeit zusammen mit den Wildlachsen im Süßwasser ein. Vielerorts liegt ihr Anteil bei etwa einem Drittel. In Norwegen und an der Ostküste Amerikas sind sie mitunter sogar schon in der Überzahl. In manchen Flüssen sind die aus menschlicher Obhut entwichenen Lachse etwa zehnmal so zahlreich wie die in Freiheit aufgewachsenen.
Wildlachs überlegen
Selbst wenn sich die wilden Lachse in der direkten Konkurrenz um Nahrung und Laichplätze behaupten können - langfristig wird ihre genetische Ausstattung von den Zöglingen der Lachsfarmen geprägt. Daß damit die Überlebenschancen der lokalen Populationen drastisch sinken, zeigten unlängst die Wissenschaftler um Philip McGinnity vom irischen Marine Institute in Newport und Andy Ferguson von der Queen's University in Belfast.
Die Forscher haben mehrere Jahre lang an der irischen Westküste die Kreuzungen zwischen Wildlachsen und Fischen aus Lachsfarmen studiert. Demnach sind die Ausreißer der heimischen Wildform des europäischen Lachses (Salmo salar) weit unterlegen. Aus ihren Eiern schlüpft nur halb soviel Nachwuchs, und von den 12 000 markierten Jungfischen kamen nur 34 zur Laichzeit zurück in den Fluß ("Proceedings of the Royal Society of London", Teil B, Bd. 270, S. 2443).
Wildlachse hatten mehr als zwanzigmal so gute Aussichten, zu geschlechtsreifen Tieren heranzuwachsen. Den gezüchteten Lachsen wird wohl ihr ungezügelter Appetit zum Verhängnis. In einer Fischfarm durchaus erwünscht, ist blinde Freßgier in freier Natur nicht ratsam, wenn ringsum hungrige Räuber lauern.
Verdrängung der Wildlachse
Mischlinge kommen in freier Wildbahn weitaus besser zurecht als reinrassige Tiere aus einer Aquakultur. Welcher Elternteil aus der Zuchtlinie der Lachsfarmen stammt, ist dabei keineswegs gleichgültig. Das genetische Rüstzeug für ein Leben in Freiheit wird anscheinend eher von der Mutter geerbt als vom Vater. Als ähnlich lebenstüchtig erweisen sich die Sprößlinge von Mischlingen. Während der Embryonalentwicklung bleiben sie allerdings häufig auf der Strecke, vermutlich weil in der zweiten Generation oft vorteilhafte Genkombinationen auseinanderfallen.
Daß Mischlinge und ihre Nachkommen wieder von der Wildform rasch verdrängt werden, ist nicht zu erwarten. Zum einen liefern die Lachsfarmen ständig Nachschub. Zum anderen wachsen die jungen Mischlinge schneller. Sie sind stärker und angriffslustiger. Daher können sie die reinrassige Wildform aus ihrem Lebensraum vertreiben. Auf lange Sicht schlechter für den Überlebenskampf gerüstet, liefern sie jedoch nur halb soviel Nachwuchs wie unverfälschte Wildlachse.
Deshalb ist zu befürchten, daß sich die verbliebenen Lachspopulationen nicht nur genetisch verändern, sondern auch stetig schrumpfen. Die irischen Forscher warnen eindringlich davor, in Lachsgewässern absichtlich gezüchtete Jungfische auszusetzen. Der Niedergang der Wildlachse würde dadurch noch beschleunigt.