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Wissenschaftsgeschichte Die Passion des Ludwik Fleck

07.06.2011 ·  Geboren im Habsburgerreich, nach dem Ersten Weltkrieg Pole, ins KZ geworfen von den Deutschen - sein Schicksal ließ dem Arzt und Forscher, der heute vor fünfzig Jahren starb, nicht viel Zeit zum Philosophieren. Er hat sie trotzdem genutzt.

Von Jörg Albrecht
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Wie rekonstruiert man ein Leben, von dem kaum Spuren blieben? Ein Leben, über das zwei Weltkriege, der Holocaust, eine Emigration und ganz zuletzt noch eine Geheimdienstaffäre hinweggegangen sind? Wer wissen will, was für ein Mensch Ludwik Fleck war, bekommt es mit einem Jahrhundert zu tun, das Millionen von Opfern verschlang. Für manche, die es überlebten, war das ein Wunder: Seinen Studenten soll sich Fleck Anfang der fünfziger Jahre mit den Worten "Ludwik Fleck, Jude und Mikrobiologe" vorgestellt haben; dass einer wie er davonkommen konnte, war eine Ausnahme.

Dokument 0-3/650 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem enthält die nüchternen Fakten. Geboren am 11. Juli 1896 im galizischen Lemberg, heute Lwiw (ukrainisch), vormals Lwow (polnisch), zwischenzeitlich sowjetisch und deutsch besetzt. Sein Vater Maurycy unterhielt einen Malerbetrieb. Aus der Ehe mit seiner Frau Sabina gingen außerdem zwei Töchter hervor. Der Sohn beendete 1914 das Gymnasium und schrieb sich zum Medizinstudium ein, das er nach Unterbrechungen durch den Heeresdienst mit der Promotion abschloss. Bis 1923 arbeitete Fleck als Assistent des Typhusspezialisten Rudolf Weigl, dann eröffnete er unter der Adresse Ochronek 8 ein privates Labor. Im selben Jahr heiratete er Ernestine Waldman, die den Sohn Richard zur Welt brachte.

Im Getto

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geriet Lwow zunächst unter sowjetische Herrschaft. Fleck wurde zum Dozenten und Leiter der Mikrobiologie ernannt. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurde er 1941 er von seinen Posten vertrieben und ins jüdische Getto gesperrt. Wie es dort zuging, schilderte er dem Publizisten Eugen Kogon später im Konzentrationslager Buchenwald: "Für jeden Juden rechnete man zwei Quadratmeter Wohnfläche. Geschäfte gab es nicht, nur geschmuggelte Esswaren. Die sanitären Verhältnisse waren entsetzlich. Etwa siebzig Prozent der Bevölkerung erkrankten an Fleckfieber." Hinzu kam das Schreckensregime der SS: Die deutschen Besatzer veranstalteten Menschenjagden mit Hunden, schleppten Schwerkranke mit offenen Wunden und gebrochenen Gliedern auf die Straße, trieben Alte und Kinder zusammen, die ins Lager Belzec abtransportiert und vergast wurden. Von 140 000 jüdischen Einwohnern Lembergs war ein Jahr später gerade noch ein Zehntel am Leben. Im März 1943 wurde das Lemberger Getto endgültig niedergebrannt.

Das von Fleck erwähnte "Fleckfieber" trägt nur zufällig seinen Namen. Hervorgerufen wird es durch das Bakterium Rickettsia prowazekii, das durch Läuse, Milben, Zecken oder Flöhe übertragen wird. Schon Napoleons Armee erlitt während des Russlandfeldzugs schwere Verluste durch Fleckfieber, weil die Kälte die Soldaten daran hinderte, ihre Kleidung zu waschen. Hitlers Invasion im Osten sollte auf dasselbe Problem stoßen.

Ein Impfstoff gegen Fleckfieber

Ludwik Fleck kannte sich mit Fleckfieber aus. Das rettete ihm das Leben. Noch im Getto begann der Arzt und Mikrobiologe unter primitivsten Bedingungen mit der Entwicklung eines Impfstoffs. Er gewann ihn aus dem Urin infizierter Patienten. Über die Ergebnisse berichtete Fleck unmittelbar nach dem Krieg in einer polnischen und einer amerikanischen Fachzeitschrift: "Mit dieser Vakzine impfte ich mich und meine nächsten Verwandten. Danach führten wir mit Genehmigung der deutschen Macht ungefähr fünfhundert Impfungen im städtischen Arbeitslager durch. Auch von den geimpften Personen erkrankte eine beträchtliche Zahl. Die Morbidität der Nichtgeimpften betrug damals fast hundert Prozent. Ich und mein Sohn steckten uns im Lager Auschwitz an, sieben Monate nach der Impfung. Unsere Erkrankung dauerte sieben Tage, der Ausschlag war deutlich. Ich konnte die ganze Zeit physisch arbeiten, mein Sohn lag kaum einige Tage, der Verlauf war also sehr gutartig."

Diese und andere Beobachtungen legten den Schluss nahe, dass Flecks Urinserum wenigstens einen gewissen Schutz bot. Das sprach sich auch unter den Deutschen herum. An der Ostfront begannen sich die Lazarette mit Fleckfieberpatienten zu füllen. Von Berlin aus wurde ein Programm zur Entwicklung eines Impfstoffs gestartet. Um kontinuierlich frische Erreger vorrätig zu haben, wurden im Lager Buchenwald von April 1943 an monatlich drei bis fünf Häftlinge mit Fleckfieberläusen infiziert, die vom neugegründeten IG-Behring-Institut Lemberg geliefert wurden. Zur Institutseröffnung reiste allerhand Prominenz an: Generalgouverneur Frank, dazu Reichsgesundheitsführer Kurt Blome und alle, die in irgendeiner Weise an den Versuchen beteiligt waren. "Deutsche Geistesarbeit schafft einen Wall gegen die Seuchengeißel" berichtete die Krakauer Zeitung kurz vor Weihnachten 1942.

Von Auschwitz nach Buchenwald

Fleck und seine Familie waren da bereits verhaftet und in die pharmazeutische Fabrik "Laokoon" überstellt worden, auch wenn die Frage im Raum stand, ob ein Impfstoff, hergestellt aus dem Urin von Juden, überhaupt für Angehörige der deutschen Rasse in Frage kam. Es blieb keine Zeit, das herauszufinden; im Februar 1943 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. Fleck wurde dem Block 10 zugeteilt, in dem das Hygiene-Institut der Waffen-SS untergebracht war. Er sollte serologische Untersuchungen zum Nachweis von Syphilis und Typhus durchführen, wurde jedoch schon im Dezember desselben Jahres nach Buchenwald abkommandiert, wo der Lagerarzt Erwin Ding-Schuler Menschenexperimente mit Gelbfieber-, Gasbrand- und Fleckfiebererregern durchführte.

Eugen Kogon, der als Ding-Schulers Sekretär eine Vertrauensstellung innehatte, schrieb später: "Der Block war eine wahre Exklave. Die dort arbeitenden Häftlinge hatten, obzwar sie in dauernder Lebensgefahr von Laboratoriumsinfektionen standen, bis zuletzt ein bevorzugtes Dasein: jeder ein Bett für sich, frische Bettwäsche, saubere Arbeitsräume, Gefährdetenzulage in Form von 80 Gramm Zucker, 64 Gramm Fett und 400 Gramm Brot wöchentlich und, wenn sie es nicht ablehnten, illegal das Fleisch der fleckfieberinfizierten Kaninchen."

Die Häftlinge hatten die Aufgabe, einen Impfstoff herzustellen. Doch niemand von ihnen hatte je mit dem Erreger gearbeitet. Ding-Schuler selbst war fachlich inkompetent, "ein Dummkopf", wie Fleck später aussagte, der gleichwohl darauf hoffen durfte, mit seiner Arbeit in Buchenwald habilitiert zu werden. Die 65 Häftlinge der Gruppe, darunter ein Biologiestudent, ein Doktor der Philosophie, ein Gummifabrik-Arbeiter und ein Zuckerbäcker, waren vor allem aus politischen Gründen interniert worden. Ihr bakteriologisches Wissen hatten sie sich aus Lehrbüchern und Fachartikeln angelesen.

Sehen, was man sehen möchte

Fleck, der genügend praktische Erfahrung mit der Anzucht von Rickettsien besaß, erkannte sofort, dass der Erreger in keiner der Proben vorhanden war. Dennoch meinte die Gruppe, in ihren sorgfältig angefertigten Präparaten alle Entwicklungsstadien des Keims entdeckt zu haben. Fleck war fasziniert. Ausgerechnet hier, umgeben von Vernichtung und Tod, fand er in Reinform das, was er in seinem Werk "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" beschrieben hatte: Ein Fachkollektiv, auf sich allein gestellt und abgeschnitten von der üblichen Kommunikation mit Kollegen, hatte einen eigenen Denkstil entwickelt und war zu Erkenntnissen gelangt, die in sich völlig stimmig wirkten. Fleck konnte später aus dem Gedächtnis sogar die Geburt der entscheidenden Entdeckung protokollieren:

Leiter (macht dem Biologen Vorwürfe, dass er noch nicht gelernt hat, die Rickettsien zu färben): "Wenn man gut gefärbt hätte, könnte man sie in den Präparaten beobachten, weil sie sich nach der Literatur dort bestimmt anfinden."

Biologe (zu seinem Helfer, um die Aufmerksamkeit des Leiters abzulenken): "Heute sehen die Präparate irgendwie anders als gewöhnlich aus ..."

Helfer: "Ich habe sie länger in Xylol gehalten."

Biologe: "Was sind das für glänzende rosa Körper? Bisher haben wir sie nicht zu sehen bekommen."

Helfer: "Ich habe sie auch bemerkt. Vielleicht sind das jene Corps homogenes rouges nach Giroud?"

Biologe: "Genau das dachte ich."

Leiter (schaut ins Mikroskop): "Ja, das können sie sein."

Biologe: "Also haben wir sie endlich."

Leiter: "Höchste Zeit. Endlich etwas Positives."

Das dürstende Kollektiv

Fleck wusste, dass es sich in Wahrheit um Körnchen von rotem Farbstoff aus dem Blut der Kaninchen handelte: "Doch im dürstenden Kollektiv verbreitete sich die Kunde: Man hatte endlich Rickettsien gefunden. In dieser frohen Stimmung unterlag die Sicherheit des Ergebnisses bereits keinem Zweifel mehr: Das Kollektiv vertraute seinem Leiter, der Leiter stützte sich auf die Meinung seiner Fachleute. Diese Fachleute hatten anfangs vielleicht gefühlt, dass sie irgendwie gegen ihren Willen herausgeplatzt waren, aber die Zustimmung der Allgemeinheit verstreute bald alle Zweifel. Der Zuckerbäcker und der Gummiarbeiter, die den gesunden Menschenverstand vertraten, popularisierten die Entdeckung, ernsthaft, mit Beifall. Kurz: Die sozialen Kräfte, die in der Gemeinschaft wirkten, waren mit den normalerweise angetroffenen identisch."

Eineinhalb Jahre lang funktionierte diese kollektive Selbsttäuschung, "in einem System, das nicht mehr logische Lücken als ein durchschnittlicher wissenschaftlicher Ertrag besaß", schrieb Fleck. Nach einer "Epoche der Entdeckungen" kam die "Epoche der Routine". Protokolle gingen aus dem Lager nach draußen, wurden von anerkannten Wissenschaftlern begutachtet und gelobt. Erwin Ding-Schuler erhielt eine Auszeichnung. "So groß ist die Überzeugungskraft eines harmonischen Systems - so begrenzt ist der verifizierende Wert der Untersuchung innerhalb der Harmonie des Systems", fasste Fleck seine Beobachtung zusammen.

Im Übrigen hatte auch dieser Irrtum Folgen. Man produzierte an die 600 Liter angeblichen Impfstoff, eine farblose Flüssigkeit, mit der anschließend rund 30 000 Angehörige der SS geimpft wurden. Unter der Hand soll es Fleck damals gelungen sein, sechs Liter trübe, aber wirksame Vakzine herzustellen, die an Mithäftlinge abgegeben wurde. Eugen Kogon hat diesen Sabotageakt in sei-nem Buch "Der SS-Staat" geschildert. Vorwürfe, Fleck habe wissentlich auch Daten für weitere Menschenversuche geliefert, wurden später erhoben, aber nicht bewiesen.

Eine vernichtete Hinterlassenschaft

Am 11. April 1945 wurden Ludwik Fleck und sein Sohn von der amerikanischen Armee befreit. Seine Frau war von Auschwitz über Birkenau nach Ravensbrück verschleppt worden und hatte ebenfalls überlebt. Fleck habilitierte sich und wurde zum Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1956 erlitt er einen Herzinfarkt, ein Jahr später wurde Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Fleck entschloss sich, mit seiner Frau nach Israel überzusiedeln, wo ihr Sohn seit dem Kriegsende lebte.

Fleck fand eine Anstellung am Israel Institute for Biological Research in Nes Zijona. Dort wird unter anderem Militärforschung betrieben, vermutlich auch an Bio- und Chemiewaffen. Flecks Vorgesetzter und Freund wurde der Epidemiologe Marcus Klingberg, der nach Flecks Tod am 5. Juni 1961 dessen schriftlichen Nachlass übernahm. 1983 wurde Klingberg wegen Spionage für den sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Er kam für zwanzig Jahre hinter Gitter. In seiner Autobiographie ("Der letzte Spion") berichtet er, sämtliche Unterlagen seines Büros seien von den Behörden vernichtet worden. Darunter auch alle Dokumente, die Ludwik Fleck hinterlassen hat.

Literatur: Thomas Schnelle: „Ludwik Fleck - Leben und Denken“, Dissertation, Hochschulverlag Freiburg, 1982. Die von ihm gefundenen Quellen lagern heute im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Den wissenschaftlichen Nachlass verwaltet das Ludwig Fleck Zentrum am Collegium Helveticum (www.ludwikfleck.ethz.ch).

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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