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Veröffentlicht: 28.08.2015, 22:05 Uhr

Waschbären Der Mythos vom Nazi-Raccoon

Die Wahrheit darüber, wie die Waschbären in Deutschland heimisch wurden.

von Georg Rüschemeyer
© F.A.Z. Nordhessen ist das deutsche Waschbärenzentrum. Aber mittlerweile gibt es sie fast überall.

„Armee von Nazi-Waschbären zwingt Deutsche zur Kapitulation“, hieß es kürzlich in der britischen Boulevardzeitung Metro. Und in der Sun war von „Nazi-Raccoons auf dem Kriegspfad“ zu lesen. Dahinter steckt die weitverbreitete Ansicht, Hermann Göring persönlich habe 1934 die Auswilderung der bis dahin nur in Nordamerika heimischen Tieres am Edersee nahe Kassel befohlen.

Weniger Aufmerksamkeit bekam 2009 ein Artikel von Eberhard Leicht in der Allgemeinen Forstzeitschrift, in dem der Leiter des Forstamts von Vöhl am Edersee den genauen Hergang der ersten erfolgreichen Waschbär-Aussiedlung anhand von Originaldokumenten minutiös rekonstruierte. Demnach erhielt sein Amtsvorgänger Wilhelm Sittich Freiherr von Berlepsch Anfang Februar 1934 einen Brief von Rolf Haag, einem Geflügel- und Pelztierzüchter aus dem nahen Ippinghausen, in dem dieser ihm kostenlos „zwei Paar Waschbären zum Aussetzen am Edersee“ anbot. Dort hätten die Tiere mit Gewässern und einem alten Baumbestand, der viele Schlaf- und Nistplätze biete, ideale Bedingungen, so Haag, und schwärmt von der „reinen Freude, unsere Fauna bereichern zu können“.

Göring war nicht mit Kleinbären befasst

Bei von Berlepsch stieß das Ansinnen auf offene Ohren. Schaden sei aufgrund der insektenfressenden Lebensweise der Tiere „höchst unwahrscheinlich“, zudem bitte er „um möglichste Beschleunigung, weil die Bärin kurz vor dem Werfen stehe und das Aussetzen vorher erfolgen müsste“, schrieb von Berlepsch in seinem Antrag auf eine Genehmigung zum Aussetzen der vier Tiere, den er am 26. März 1934 an den Landesjägermeister in Berlin schickte.

Dieser Behörde unterstand tatsächlich Hermann Göring, der neben seinen zahlreichen anderen Ämtern auch das des Reichsjägermeisters bekleidete. Allerdings fand Leicht keinerlei Indizien dafür, dass der große Göring je persönlich mit den Kleinbären befasst war. Die gut einen Monat später erteilte Genehmigung trägt jedenfalls nicht die Unterschrift des gewichtigen Nazis, sondern nur die eines Mitarbeiters von Oberlandforstmeister Walter von Keudell.

Von wegen blitzkriegsartige Ausbreitung

Doch da hatte von Berlepsch mit seiner hochträchtigen Kleinbärin schon lange gehandelt: Bereits am Vormittag des 12. April brachte er die vier Tiere zusammen mit Revierförster Dreusicke und drei Waldarbeitern an die Südseite des Edersees und öffnete ihre Transportkisten. Ob er dabei eigenmächtig handelte oder sich telefonischen Segen aus Berlin eingeholt hatte, konnte auch Eberhard Leicht nicht mehr rekonstruieren.

Von einer blitzkriegsartigen Ausbreitung über Deutschland, über die britische Medien gerne berichten, konnte aber zunächst keine Rede sein. Die vier Tiere weigerten sich über Stunden hinweg, ihre Transportkisten zu verlassen. Erst als die Forstleute am nächsten Tag zurückkamen, waren sie verschwunden. Von gelegentlichen Sichtungen abgesehen, tauchten die Tiere und ihre Nachkommen dann für die nächsten Jahre erst einmal weitgehend unter.

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1945 entwichen dann rund 25 weitere Exemplare aus einer Pelztierfarm nahe Berlin - ob durch einen Bombentreffer oder einen Tierfreund, der die Bären in den letzten Kriegstagen vor dem Verhungern retten wollte, ist ungewiss. Sie gründeten das östliche Standbein der deutschen Gesamtpopulation, die spätestens mit dem Fall der Grenzanlagen 1990 zusammenwuchs, bis heute aber zwei deutliche Schwerpunkte erkennen lässt.

Offenbar hat der deutsche Waschbär aber doch eine breitere Basis, wie Forscher um die Biogeographin Mari Fischer von der Universität Trier im Mai dieses Jahres in PLoS One zeigen: Die genetische Analyse von 407 Gewebeproben aus ganz Deutschland zeigt, dass die heutige Population auf mindestens vier größere Gründertrupps plus einzelner, vermutlich aus Haltungen entwichener Individuen zurückgeht. Sie ist deshalb auch genetisch durchaus nicht so verarmt, wie es Biologen erwartet hatten - eine inzuchtbedingte Schwächung der Bestände dürfte also unwahrscheinlich sein.

Erst nach der Wiedervereinigung kam der Boom

Dafür gibt es auch keinerlei Anzeichen. Wie sich die deutsche Waschbärpopulation seit ihren Anfängen entwickelte, lässt sich wegen der geheimen Lebensweise von Procyon lotor schwer sagen. Den besten Anhaltspunkt liefern die Jagdstrecken, also die Zahl erlegter Waschbären, seit die Tierart 1954 zur Jagd freigegeben wurde. Fast 40 Jahre dümpelte die gesamtdeutsche Statistik um einige hundert erlegte Tiere pro Jahr. Doch ab Mitte der Neunziger kommt es zu einem immer schnelleren Anstieg: 2004 werden rund 20 000 Tiere geschossen oder in Fallen gefangen, 2009 sind es bereits mehr als 50 000, und 2013 wird erstmals die Marke von 100 000 überschritten.

Welchen Beitrag zu diesem beinahe exponentiellen Anstieg die zunehmende Dichte und welchen die räumliche Ausbreitung der Bestände hat, lässt sich kaum auseinanderklamüsern. Auch eine Aussage über die real existierende Bärenzahl ist mit extremer Unsicherheit verbunden, Experten tippen auf das Zehn- bis Zwanzigfache der jährlichen Strecke.

Big in Japan - dank Manga

Deutschland ist nicht die einzige neue Heimat des Waschbären. 1966 entwischen amerikanischen Soldaten einige als Maskottchen gehaltene Tiere nahe der nordfranzösischen Stadt Laon, auch in Spanien, Österreich, Tschechien und im Kaukasus gibt es lokale, teils große Vorkommen unklarer Herkunft. Zum Problem wurden die Tiere in Japan, wo sie an den uralten Holztempeln Kyotos knabbern. Die Waschbärinvasion begann dort 1977 mit der erfolgreichen Manga-Zeichentrickserie „Rascal, der Waschbär“, in deren Folge junge Waschbären als Hausgenossen populär wurden. Leider eignen sich die Tiere nicht wirklich dafür, und so taten es viele Halter so wie Filmheld Robbie mit seinem Findelkind Rascal: Als er erkennt, dass er ihn in nicht für immer behalten kann, entlässt er ihn die Freiheit, auf dass er im Wald ein unbeschwertes Leben führen könne.

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