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Veröffentlicht: 20.01.2013, 10:20 Uhr

Welt der Insekten Die Antennen stets im Blick

Springspinnen zeigen beim Raubzug eine große Liebe zum Detail. Sie können an den Riechorganen sofort erkennen, ob sie ein Stechmückenmännchen oder -weibchen vor sich haben. Letzteres ist ein begehrter Leckerbissen.

von Diemut Klärner
© http://tinyurl.com/7bfl6mx Springspinne der Art Evarcha culicivora

Springspinnen sind bemerkenswert scharfsichtig. Eine in Ostafrika heimische Art namens Evarcha culicivora erkennt sogar die zierlichen Antennen am Kopf einer Stechmücke. Wie zwei Biologen von der University of Canterbury in Christchurch entdeckt haben, unterscheidet sie anhand dieses Merkmals männliche Beutetiere von weiblichen. Mit einem halben Zentimeter Körperlänge ist Evarcha culicivora noch etwas kleiner als Arten derselben Gattung, die hierzulande Waldränder und Wiesen bevölkern. An Insekten passender Größe herrscht in ihrer Heimat kein Mangel. Doch die kleine Spinne erweist sich als ausgesprochen wählerisch. Sie fängt mit besonderer Vorliebe Stechmückenweibchen, die gerade Blut gesaugt haben. Dass sie sich beim der Auswählen der Beute ganz auf ihre Augen verlässt, ist bekannt. Unklar war bislang, auf welche Details sie ihr Augenmerk richtet.

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Verlockender Hinterleib, gefüllt mit Blut

Um ihr Forschungsobjekt auf die Probe zu stellen, fingen Ximena J. Nelson und Robert R. Jackson Stechmücken, die häufig auf dem Speiseplan der ostafrikanischen Spinne stehen. Aus den abgetöteten Insekten bastelten sie dann ein Sortiment von seltsamen Beutetieren und kombinierten zum Beispiel den Vorderleib einer männlichen Mücke mit dem Hinterleib einer weiblichen. Erwartungsgemäß bevorzugten die Spinnen stets Mücken, deren Hinterleib prall mit Blut gefüllt war. Wenn dieses Merkmal fehlte, wählten die Springspinnen mit Vorliebe ein Angebot mit weiblichem Vorderleib (“The Journal of Experimental Biology“, Bd. 215, S. 2255).

Verführerische Duftquellen

Wer eine Stechmücke genauer unter die Lupe nimmt, kann ihr Geschlecht mühelos anhand der Antennen erkennen. Bei den Weibchen sind diese Riechorgane fadenförmig, bei den Männchen gleichen sie winzigen Daunenfedern. Die große Oberfläche bietet reichlich Platz für Sinneszellen, die auf die Duftsignale einer möglichen Partnerin reagieren. Weibliche Mücken brauchen keinen so empfindlichen Geruchssinn. Wenn sie nach Spendern für eine Blutmahlzeit suchen, steuern sie recht intensive Duftquellen an.

Stechmücke © ddp Vergrößern Eine saugende Stechmücke sitzt auf dem Finger eines Menschen.

Der Trick mit dem Zeichentrickfilm

Wie lässt sich zeigen, dass auch Springspinnen die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Mückenantennen wahrnehmen? Da es bei so fragilen Strukturen schwierig ist, männliche Stechmücken mit weiblichen Accessoires auszustatten und umgekehrt, produzierten die Forscher einen Zeichentrickfilm. Die dargestellten Mücken waren jeweils mit fotografisch exakten Antennen ausgestattet, entweder in der männlichen Version oder in der weiblichen. Wenn beide gleichzeitig vorgeführt wurden, attackierte die überwiegende Mehrzahl der Springspinnen die Projektion mit den weiblichen Antennen. Was bestätigt, dass sie bei ihren Raubzügen tatsächlich dieses Merkmal im Blick haben. Dass sie die filigranen Mückenantennen überhaupt sehen können, verdanken sie ihren Frontalaugen.

Frontaugen mit Räuberblick

Wie die meisten Spinnen besitzen die Springspinnen acht Augen. Sechs davon sind in einem Halbkreis um den Vorderkörper verteilt und liefern ein Panorama von fast 360 Grad. So haben die Spinnen alles im Blick, was sich in ihrem Umfeld bewegt. Zwei weitere Augen, viel größer und ganz anders konstruiert als die übrigen, sind nach vorne gerichtet. Diese Frontalaugen haben zwar nur ein recht kleines Gesichtsfeld, können die Umgebung aber regelrecht abscannen. Dicht an der lichtempfindlichen Netzhaut sitzen nämlich sechs winzige Muskeln. Sie erlauben der Springspinne, die Blickrichtung zu ändern, ohne den Kopf zu drehen. So kann sich das Tier ein genaues Bild verschaffen, obwohl die Netzhaut eines Frontalauges kaum mehr als tausend Sinneszellen enthält. Jugendlichen Exemplaren von Evarcha culicivora genügen sogar etwa dreihundert Sinneszellen, um männliche Stechmücken von weiblichen zu unterscheiden.

Nahrhafte Blutmahlzeit

Wenn ein Stechmückenweibchen Blut gesaugt hat, liefert es der Spinne zusätzliche Nährstoffe, die wertvoll bei der Partnersuche sind. Spinnenweibchen, die gerade eine mit Blut angefüllte Stechmücke verspeist haben, verströmen einen Duft, der sie für männliche Artgenossen unwiderstehlich macht. Dass Mücken eine Blutration mitbringen, lässt sich oft an ihrem angeschwollenen Hinterleib erkennen, aber nicht immer. Zum einen kann sich der Hinterleib männlicher Mücken mit Nektar füllen. Zum anderen beeilen sich weibliche Mücken nach einer Blutmahlzeit, überschüssiges Wasser und Salze rasch auszuscheiden. So reduzieren sie ihre Körperfülle, lange bevor sie die nahrhaften Bestandteile des Blutes verdaut haben. Wenn der Hinterleib einer Mücke keinen Anhaltspunkt bietet, zeigen ihre Antennen, wo vielleicht eine Extraration zu holen ist.

Doch nicht in jeder Lebenslage achten Spinnen darauf. Wenn sie mehrere Tage fasten mussten, stürzen sie sich unterschiedslos auf die erstbeste Mücke. Wohlgenährte Spinnen sind dagegen nicht nur beim Geschlecht ihrer Beute ausgesprochen wählerisch. Sie verspeisen lieber Fiebermücken der Gattung Anopheles als andere Stechmücken. Besonders beliebt sind Fiebermücken bei jungen Springspinnen. Vermutlich, weil sie sich mit ihrem typischerweise schräg aufgestellten Körper leichter anspringen und erbeuten lassen als andere. Mit ihrem winzigen Gehirn und Augen, kleiner als ein Stecknadelkopf, demonstrieren die ostafrikanischen Springspinnen auch hier einen erstaunlichen Sinn fürs Detail.

Quelle: F.A.Z.

 

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