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Walfang Harpunieren geht über studieren

29.06.2010 ·  Ende einer Konferenz: Obwohl der Rest der Welt protestiert, fängt Japans Flotte weiter Wale. Angeblich der Wissenschaft zuliebe. Aber was bringt diese Forschung wirklich?

Von Richard Friebe
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Vielleicht hätte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor dem heutigen Englandspiel einen kleinen Ausflug nach Hermanus oder Cap Agulhas machen sollen. Denn in Südafrika beginnt gerade die Whale-Watching-Saison. Wer dort vor der Küste einmal Buckel- der Glattwale aus nächster Nähe beobachtet hat, wird das Erlebnis nie wieder vergessen.

Hätten die meisten Walfang-Nationen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Jagd auf die Meeressäuger nicht reduziert und schließlich gestoppt, wären solche Begegnungen heute kaum noch möglich. Seit 1986 gilt das Moratorium, das die kommerzielle Jagd verbietet, mit wenigen limitierten Ausnahmen für Inuit und andere Volksgruppen. Und seither halten sich ein paar Staaten - Island, Norwegen und Japan - nicht daran. Das wird sich auch erst einmal nicht ändern, denn ein jahrelang vorbereiteter Kompromiss, der kleine offizielle Fangquoten bei Walen aus erholten Populationen ermöglicht hätte, scheiterte diese Woche auf der Jahrestagung der Internationalen Walfang-Kommission in Agadir.

Offiziell und ohne Quote

Während die Nordeuropäer aus dem Abkommen ausgestiegen sind und ganz offen kommerziellen Walfang betreiben, ist das Land, das die meisten Tiere harpuniert, nach wie vor am Verhandlungstisch. Trotzdem werden von japanischen Schiffen aus die Tiere offiziell und ohne Quote im Rahmen einer Ausnahmeregelung offiziell zu wissenschaftlichen Zwecken gefangen. Mit mehr als 1000 Exemplaren tötet Japan pro Jahr halb so viele Wale, wie im gesamten halben Jahrhundert zuvor für wissenschaftliche Zwecke sterben mussten. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder der WWF kritisieren diese Praxis als getarnten kommerziellen Walfang und versuchen immer wieder, die Fangschiffe bei der Arbeit zu behindern.

Video: Japanische Walfänger hoffen auf Lockerung des Jagdverbotes

Aber bringt das Forschungsprogramm der Japaner, das es ja tatsächlich gibt, nicht vielleicht doch wichtige Ergebnisse? Schließlich sterben auch für die medizinische Forschung jährlich Millionen Säugetiere.

Spricht man allerdings mit Walexperten, sind die meisten nicht bereit, das Thema überhaupt zu diskutieren. Es ist, als würde man Jane Goodall fragen, ob es nicht sinnvoll sein könnte, 100 wilde Schimpansen zu erschießen, um an ihre Mageninhalte und somit endlich gute Daten über ihre Ernährungsweise zu kommen.

Karl-Herrmann Kock vom Institut für Seefischerei in Hamburg, gerade erst zurück aus Agadir, spricht für die große Mehrheit der Walforscher, wenn er sagt, „letale Methoden zu erwägen“ käme ihm nicht im Entferntesten in den Sinn. „Ich bin ja nicht so verbohrt, dass ich handfeste Argumente, die für solche Forschung sprechen würden, nicht gelten lassen würde - nur fällt mir spontan keine einzige herausragende wissenschaftliche Publikation ein, die aus den japanischen Programmen hervorgegangen ist“, sagt Kock. So hätten etwa die Magenuntersuchungen bei Zwergwalen im Nordpazifik und nahe der Antarktis kaum neue Erkenntnisse über deren Ernährungsverhalten gebracht.

Für die am japanischen Institute for Cetacean Research (ICR) angestellten Wissenschaftler waren solche Analysen und Erbgut-Untersuchungen an den Kadavern bisher wichtige Argumente. Im internationalen Vergleich sind die zählbaren Forschungsergebnisse allerdings dürftig. Selbst in einem Jahr mit überdurchschnittlichem Output wie 2006 stammten weniger als ein Prozent der wissenschaftlichen Publikationen über Wale aus dem japanischen Programm. Doch nicht nur der magere Neuigkeitswert ihrer Publikationen wird ihnen inzwischen vorgehalten, sondern auch die Tatsache, dass neue Methoden solche Arbeit inzwischen auch fast völlig unblutig ermöglichen.

Die Ergebnisse sind dürftig

Rosalind Rolland vom New England Aquarium in Boston etwa trainiert Hunde darauf, das große Geschäft von Walen zu erschnüffeln, um dann aus dem Seewasser Proben nehmen zu können. Die Informationen über das Ernährungsverhalten, an die man mit solchen Methoden herankommt, sind laut Simon Jarman von der Australian Antarctic Division wahrscheinlich sogar besser als diejenigen, die man aus toten Walen gewinnen kann. Die wenigen Publikationen der Japaner in angesehenen Journalen, sagt Heather Koopman von der University of North Carolina in Wilmington, seien genetische Populations-Studien. Auch dafür brauche man keine Wale zu töten, denn „die Proben bekommt man leicht durch oberflächliche Haut-Biopsien“.

Ohnehin war das erklärte Hauptziel der japanischen Forschungsprogramme namens JARPN für den Nordpazifik und JARPA für die Antarktis von Anfang an, wissenschaftliche Grundlagen für ein „Management“ der Bestände - im Klartext: den Walfang - zu finden. Selbst hier sind die Ergebnisse dürftig. Das wissenschaftliche Komitee der Walfangkommission urteilte etwa, die Resultate von JARPA II seien für mögliche Managementmaßnahmen gar nicht notwendig. Eine Konferenz im Dezember 2006 kam zu dem Ergebnis, dass das JARPA-Programm zwar das „Potential hatte, das Management von Zwergwalen im südlichen Ozean zu verbessern“, dass diese Möglichkeiten allerdings nicht genutzt worden seien. Solche Schlussfolgerungen könnten zwar auch mit der eher japankritischen Mehrheit in diesem Komitee zu tun haben. Als unstrittig gilt aber, dass die Ergebnisse auch deshalb von geringem Wert sind, weil sie sich „nicht auf andere Walpopulationen anwenden lassen, deren Bejagung in Zukunft zum Thema werden könnte“, sagt der Hamburger Walexperte Kock.

Die Bestände wurden zu hoch bewertet

Auch Zweifel an den Schlussfolgerungen der Japaner werden immer wieder laut. Hal Whithead, damals am Seewiesener Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, analysierte 2002 die japanischen Daten. Er kam zu dem Schluss, dass diese die Bestände etwa von Pottwalen um bis zu 80 Prozent höher bewerten, als es gerechtfertigt ist.

Dafür, dass aus den japanischen Programmen vornehmlich den Walfang-Befürwortern genehme Daten kommen, sprechen noch andere Ergebnisse. So hat Vimoksalehi Lukoschek, damals an der University of California in Irvine, sich einmal auf japanischen Fischmärkten Walfleischproben besorgt. Die genetische Analyse ergab, dass fast die Hälfte der so identifizierten 201 Zwergwale aus Populationen stammen mussten, die geschützt und damit auch für das Forschungsprogramm tabu sind.

Eine absurde Diskussion

Insgesamt, sagt Philipp Clapham von der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration, seien die Ergebnisse des wissenschaftlichen Walfangs „sehr armselig angesichts der Zahl der ,Proben', die sie genommen haben“. Japan bearbeite zudem kaum die wissenschaftlichen Fragestellungen, die nach Ansicht von Expertengruppen der Walfangkommission Priorität haben sollten: „Abgesehen davon, dass Bestandsaufnahmen durch Sichtungen gemacht werden, geht das JARPA-II-Programm keinem einzigen dieser Forschungsziele nach“ - etwa der Suche nach den Zusammenhängen zwischen Jagdgründen und Fortpflanzungsgebieten von Buckelwalen und der genetischen Zusammensetzung der sich fortpflanzenden Populationen.

Wie absurd die ganze Diskussion über den Walfang teilweise ist, hat nicht zuletzt das letzte Treffen der Walfangkommission gezeigt. Die Mehrheit der Mitgliedstaaten lehnte Fangquoten ab, obwohl sich Japan dann verpflichtet hätte, deutlich weniger Tiere umzubringen. Dabei braucht der japanische Markt die Riesenmengen fettigen Walfleisches offenbar ohnehin nicht. Das ICR verkauft das Fleisch an das Privatunternehmen Kyodo Senpaku, das den japanischen Markt beliefert, und soll sich so finanzieren. Doch die Nachfrage ist gesunken, die Preise sind es auch, das ICR hat laut einem Bericht der Zeitung Asahi Shimbun Probleme, der Regierung Kredite in Höhe von etwa 30 Millionen Euro zurückzuzahlen.

Whale Watching scheint jedenfalls deutlich profitabler zu sein. 2008 lag der weltweite Umsatz mit dieser Art von Tourismus bei 2,1 Milliarden Dollar und finanzierte etwa 13.000 Jobs. In Südafrika sieht man die Wale Mitte Juli besonders gut. Vielleicht bleibt die deutsche Mannschaft ja lange genug da. Und vielleicht sogar die japanische.

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