19.07.2004 · Wale und Delphine werden in ihren Lebensräumen vom Menschen bedroht. Mit akustischen Signalen sollen die Tiere von Booten und Netzten ferngehalten werden - ohne großen Erfolg.
Von Diemut KlärnerEinem Schiff zu begegnen kann für Wale auch dann verhängnisvoll sein, wenn die Crew nichts mit Walfang im Sinn hat. Wie aber lassen sich Unfälle vermeiden? Da Wale für ihren ausgezeichneten Gehörsinn bekannt sind, scheint es naheliegend, sie mit akustischen Signalen zu warnen. Und verschiedentlich wird das auch schon versucht. Doch diese Strategie verspricht nicht immer Erfolg, wie nun einschlägige Untersuchungen an der nordamerikanischen Ostküste gezeigt haben.
Bei den Walstudien ging es zum einen um einen Bartenwal, den Nordkaper, und zum anderen um einen Delphin, den Großen Tümmler. Schon im neunzehnten Jahrhundert war der Nordkaper nahezu ausgerottet worden. Nach seiner Erholung ist er derzeit wieder akut vom Aussterben bedroht. Zwar werden die bis zu fünfzig Tonnen schweren Tiere seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr bejagt. Doch statt sich allmählich wieder zu erholen, scheint die Population weiter zu schrumpfen.
Eine akustische Warnung
Als wesentliche Ursache gilt unter Fachleuten, daß die Nordkaper allzu häufig mit Schiffen zusammenstoßen. Mehr als ein Drittel aller tot aufgefundenen Exemplare ist auf diese Weise ums Leben gekommen. Wie sich die Tiere von ihrem Kollisionskurs abbringen lassen, erkundeten Wissenschaftler um Douglas Nowacek von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts im kanadischen Bay of Fundy. Dabei kamen sie zu dem ernüchternden Ergebnis, daß eine akustische Warnung dem gefährdeten Wal eher schadet als nützt.
Mit geöffnetem Maul gemächlich dahinschwimmend, filtert der Nordkaper, Eubalaena glacialis, kleine Krebstiere aus dem Wasser. Dabei bewegt er sich langsamer als die meisten anderen Wale. Nach Tauchgängen in ergiebige Tiefen zeigt er sich immer wieder minutenlang an der Wasseroberfläche. Daß sein Körper zudem nicht so leicht sinkt, machte den Nordkaper einst zur bevorzugten Beute verwegener Walfänger. Aus dem gleichen Grund kann er heute oft nicht mehr den nahenden Schiffen ausweichen.
Nicht aus der Ruhe bringen lassen
Wie der Nordkaper auf Schiffsgeräusche reagiert, testeten die Forscher mit entsprechend leistungsfähigen Lautsprechern. Um den Tieren auch unter dem Meeresspiegel auf der Spur bleiben zu können, wurden einige mit einem Sortiment von Meßgeräten bestückt ("Proceedings of the Royal Society of London B", Bd. 271, S. 227). In der wasserdichten Kunststoffkapsel, die mit Saugnäpfen auf dem Walrücken haftete, steckte neben Mikrophon, Thermometer, Beschleunigungs- und Tiefenmesser auch ein kleiner Sender. So ließ sich die inhaltsreiche Kapsel exakt orten und aus dem Wasser fischen, wenn sie sich nach ein paar Stunden wieder von der Walhaut abgelöst hatte.
Wie die Auswertung der gespeicherten Aufzeichnungen ergab, lassen sich die Nordkaper in der Bay of Fundy von vorbeifahrenden Schiffen nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Sie reagierten auch dann nicht auf einschlägige Geräusche, wenn die präsentierte Lautstärke einem großen Frachter in einer Entfernung von nur dreihundert Meter entsprach. Als tatsächlich Öltanker vorbeikamen, blieben sie ebenso ungerührt wie bei kleinen Fischkuttern. Vermutlich hatten sie sich an den regen Verkehr in ihren Nahrungsgründen längst gewöhnt.
Lärm zieht Nordkaper an
Daß sie für den damit verbundenen Lärm keineswegs taub sind, belegt ihre Reaktion auf ein neuartiges Signal ähnlicher Tonhöhe und Lautstärke. Als diese Komposition aus an- und abschwellenden Tönen, konstanten und abnehmenden Frequenzen erklang, unterbrachen fünf von sechs Tieren ihre Futtersuche in der Tiefe und stiegen eilends an die Oberfläche. Dort verweilten sie dann viel länger als üblich, waren aber nicht wie sonst fast ständig sichtbar, sondern tauchten zwischendurch immer wieder bis zu zehn Meter ab.
Damit erweisen sich die erprobten Signale als untauglich, um die Wale vor tödlichen Kollisionen zu bewahren. Im Gegenteil, statt sich in sichere Tiefen zurückzuziehen, bleiben die aufgeschreckten Tiere länger in der Gefahrenzone. Da sie dabei oft unter Wasser schwimmen, sind sie vom Schiff aus schwer zu erkennen. Nach Einschätzung der Forscher hat der Nordkaper langfristig nur dann eine Überlebenschance, wenn es gelingt, Schiffsrouten so umzulegen, daß sie die Wege dieser Wale möglichst selten kreuzen. Wo das nicht realisierbar ist, müßten die Schiffe ihr Tempo zumindest drastisch drosseln, um die Unfallgefahr zu minimieren. Die weltweite Population, die bereits auf weniger als dreihundert Tiere geschrumpft ist, kann keine weiteren Verluste verkraften.
Nicht leicht zu beeindrucken
Vom Aussterben bedroht sind jedoch nicht nur große Wale, sondern auch einige kleinere Arten. Zwar sind Delphine flink und wendig genug, um Schiffen auszuweichen. Doch enden sie nicht selten als sogenannter Beifang in Fischernetzen. Um die Tiere auf sichere Distanz zu halten, gelten akustische Warnsignale als probates Mittel.
Handliche batteriebetriebene Geräte, die Ultraschall aussenden, werden serienmäßig produziert und eingesetzt. Ob sie stets die gewünschte Wirkung zeigen, ist jedoch fraglich. Wie Wissenschaftler um Tara M. Cox und Andrew J. Read vom Duke University Marine Laboratory in Beaufort, North Carolina, beobachteten, läßt sich der Große Tümmler, Tursiops truncatus, nicht so leicht beeindrucken.
"Tischglocke" für Tümmler
Nachweislich abschreckend wirken die üblichen Ultraschallsignale auf den Gemeinen Delphin und den Schweinswal, den kleinsten Zahnwal in den Küstengewässern des Nordatlantiks. Um herauszufinden, wie der Große Tümmler reagiert, plazierten die Forscher ein entsprechend ausgestattetes Treibnetz an einer Stelle, wo zuvor schon Tiere verunglückt waren. Fünf Wochen lang verfolgten sie das Geschehen vor Ort, und das nicht bloß vom Strand aus. Stets stand ein Boot bereit, um eingreifen zu können, falls sich Delphine in den Maschen verfangen sollten. Das wurde allerdings nicht nötig, obwohl vorbeischwimmende Tümmler oft geradewegs auf das Netz zusteuerten. Anscheinend pflückten sie Fische heraus oder nutzten es geschickt, um ihre Beute in die Enge zu treiben.
Als der Ultraschall eingeschaltet wurde, hielten die Großen Tümmler zwar etwas mehr Abstand. Doch zollten sie dem ungewohnten Geräusch weitaus weniger Respekt als die zaghaften Schweinswale ("Biological Conservation", Bd. 115, S. 203). Womöglich, so befürchten die Forscher, verlieren die Großen Tümmler mit der Zeit sogar jede Scheu und interpretieren das akustische Signal als eine Art Tischglocke, die ergiebige Mahlzeiten verheißt. Schließlich betrachteten sie Boote und Netze auch bisher schon als Futterspender. Sobald ein Netz an Bord geholt wurde, schwammen sie herbei, um sich herausquellende Fische als leichte Beute zu schnappen. Statt für akustische Warnsignale plädieren die Forscher deshalb für Netze, die so konstruiert sind, daß Delphine durch spezielle Schlupflöcher entkommen können.