Home
http://www.faz.net/-gwz-77189
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.02.2013, 15:41 Uhr

Wälder in Europa Ein Reservat für Schmetterlinge

Durch Abholzung und Holzverwertung haben in den Mittelwäldern im Elsass gefährdete Tagfalter eine neue Heimat gefunden. Das haben Landschaftsökologen aus Münster herausgefunden.

© Archiv Ein Tagpfauenauge: Der Falter war 2009 zum Schmetterling des Jahres gewählt worden, da an ihm die Folgen des Klimawandels sichtbar werden. In den Mittelwäldern hat er neue Heimat gefunden.

Schmetterlinge sind rar geworden. Von der bunten Artenfülle, die einst Wälder und Wiesen bevölkert hat, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wie die Forstwirtschaft hier womöglich gegensteuern könnte, haben Landschaftsökologen von der Universität Münster untersucht. Über ihre Ergebnisse berichten Thomas Fartmann, Cornelia Müller und Dominik Poniatowski jetzt in der Zeitschrift „Biological Conservation“ (doi: 10.1016/j.biocon.2012.11.024).

Kurz gehaltene Waldbäume

Das Forschungsobjekt von Fartmann und seinen Kollegen ist der Hartwald im Elsass, einer der wenigen Wälder in Mitteleuropa, die noch als sogenannter Mittelwald bewirtschaftet werden. Von den verschiedenartigen Laubbäumen, die dort wachsen, dürfen nur wenige groß und alt werden, um schließlich Bau- oder Möbelholz zu liefern. Die meisten eignen sich nur als Brennholz. Dafür werden sie immer wieder bis auf einen kurzen Stumpf zurückgeschnitten. Wenn die Wurzel intakt bleibt, treibt der Stumpf von Hainbuchen, Eichen, Linden und Eschen bald wieder aus, und nach dreißig bis vierzig Jahren ist das nachgewachsene Holz dann wieder erntereif.

Mehr zum Thema

Da jedes Jahr Brennholz eingeschlagen wird, jeweils auf anderen Teilflächen, entsteht ein Mosaik aus stark ausgelichtetem Wald, mehr oder minder dichtem Buschwerk und hochgewachsenen jungen Bäumen. In dieser abwechslungsreichen Waldlandschaft haben die Wissenschaftler eine ausgesprochen reichhaltige Schmetterlingsfauna entdeckt mit 36 verschiedenartigen Tagfaltern. Dreizehn davon gelten als gefährdet und stehen hierzulande auf der „Roten Liste“.

Wald im Elsass © Thomas Fartmann, Uni Münster Vergrößern Typischer Mittelwald im Elsass.

Ein  Refugium vieler Falterarten

Unter diesen Schmetterlingen finden sich neben Allerweltsarten wie Tagpfauenauge und Kohlweißling erwartungsgemäß typische Waldarten wie Kaisermantel und Waldbrettspiel. Von den dreizehn gefährdeten Tagfalterarten sind einige allerdings keine charakteristischen Waldbewohner. Magerrasen-Perlmuttfalter und Himmelblauer Bläuling tummeln sich sonst eher auf mageren Wiesen und kargem Weideland.

Reichlich Sonnenlicht bis in tiefe Lagen

Seit solche Biotope kaum noch als Schaf- oder Ziegenweide genutzt werden, sind sie vielerorts verschwunden und mit ihnen die dort heimischen Schmetterlinge. Für einige dieser Falter könnten traditionell bewirtschaftete Mittelwälder einen neuen Lebensraum bieten, ebenso wie für all jene Waldschmetterlinge, die sich nur dort heimisch fühlen, wo reichlich Sonnenlicht bis zum Waldboden dringt. Eine Fläche, auf der gerade Brennholz geschlagen wurde, bietet zwar nur wenige Jahre lang ein passendes Biotop. Doch wenn die Bäume, die aus den Stümpfen nachwachsen, zu dicht werden, müssen die Falter nicht weit fliegen, um wieder ein wohnliches Gebiet zu finden.

Positiver Nebeneffekt  von Brennholz

Dass hierzulande kaum noch solche Forstwirtschaft betrieben wird, hat einen einfachen Grund: Die traditionelle Waldnutzung lohnte sich nicht mehr, weil das anfallende Brennholz immer weniger gefragt war. In letzter Zeit haben stetig steigende Heizöl- und Gaspreise diesen Trend allerdings umgekehrt. Mit Holz zu heizen rechnet sich wieder. Deshalb könnte es auch wieder wirtschaftlich sinnvoll werden, einen Wald als Mittelwald zu nutzen. Wenn davon auch rare Schmetterlinge profitieren sollen, muss die Brennholzproduktion allerdings ähnlich gemanagt werden wie im Hartwald im Elsass: Die abgeholzten Flächen dürfen jeweils nur wenige Hektar groß sein, damit sich ein kleinräumiges Waldmosaik ausbilden kann, das zahlreichen Schmetterlingen und anderen Tieren immer wieder neuen Lebensraum bietet.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tierfotograf Neue Tiere auf dem Display bescheren ihm Glücksgefühle

Der Schweizer Maschinenzeichner Thomas Marent arbeitet heute als Fotograf. Nicht nur das Licht im Regenwald ist eine Herausforderung für den Abenteurer. Mehr Von Fabian Osterwalder, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

01.02.2016, 11:43 Uhr | Gesellschaft
Flüchtlingsstreit Seehofer-Brief gefährdet Koalition

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, hat die schriftliche Klagedrohung der bayerischen Landesregierung in der Flüchtlingspolitik scharf kritisiert. Mehr

26.01.2016, 16:23 Uhr | Politik
Skifahrer Stehle Das ist echt Wahnsinn

Mit Startnummer 39 ins Rennen gegangen, fährt Dominik Stehle beim Nachtslalom in Schladming im zweiten Durchgang von Rang 21 mit zweitbester Laufzeit auf Rang vier - und kann es selbst kaum fassen. Mehr

27.01.2016, 08:35 Uhr | Sport
Hunstanton Tote Pottwale auch an britischer Nordseeküste

An der britischen Nordseeküste sind mehrere tote Pottwale angespült worden. Der natürliche Lebensraum von Pottwalen sind eigentlich Ozeane mit einer Wassertiefe von mehr als 1000 Meter. Die Wale können sich dagegen in der allenfalls 100 Meter tiefen Nordsee nicht mehr über ihre Echolaute orientieren. Das endet meist tödlich. Mehr

25.01.2016, 16:03 Uhr | Gesellschaft
Was Sie heute erwartet Transparency für Bargeldgrenzen

Den einen ist die Kontrolle des Bargelds ein Graus, die andern finden es gut: So zum Beispiel Transparency International. Mehr

04.02.2016, 07:11 Uhr | Wirtschaft