17.12.2004 · Die Mindestforderung von Tierschützern, Versuchstieren wenigstens etwas Abwechslung in ihren Käfigen zu gewähren, kann nun erfüllt werden. Dies verfälscht laut einer neuen Studie die Versuchsergebnisse nicht.
Von Reinhardt WandtnerGegner von Tierversuchen begründen ihre Abneigung meist nicht nur mit den Experimenten selbst, sondern auch mit der Haltung der Tiere. Tatsächlich kann allein schon der Anblick etwa von Ratten und Mäusen, die in winzigen Käfigen ihr Dasein fristen, Mitleid erwecken. Denn es handelt sich um kluge, lernbegierige Kreaturen, was auch daran deutlich wird, daß man sie häufig für neurobiologische Studien zu Gedächtnisleistungen verwendet.
Mit der Vorstellung, daß solche Tiere ihr Leben lang in einer extrem reizarmen, außerordentlich beengten Umgebung verbringen müssen, in der die Einstreu fast die einzige Abwechslung bietet, mögen sich auch viele Forscher nicht abfinden. Ihre Forderung nach größeren und mit verschiedenen Gegenständen angereicherten Käfigen wird aber immer wieder mit dem Argument abgeschmettert, darunter leide die Standardisierung und somit die Aussagekraft der Versuche. Diesen Einwand haben Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Gießen jetzt weiter entkräftet.
Keine Abweichung feststellbar
In drei Laboratorien wurden junge weibliche Mäuse aus Inzuchtstämmen entweder in nur 16 mal 22 Zentimeter messenden, kahlen Standardkäfigen oder in 30,5 mal 59 Zentimeter großen, mit Gegenständen angereicherten Käfigen herangezogen. In jeden Käfig setzte man vier Tiere. Die "Anreicherung" bestand unter anderem aus einem Häuschen, das den Mäusen eine Möglichkeit bot, sich zeitweise zurückzuziehen. Auch Material zum Nestbau wurde ihnen geboten. Um den Erkundungstrieb der Tiere zu befriedigen, legten die Wissenschaftler jede Woche zwei neue Gegenstände in den großen Käfig. Dazu zählten etwa Äste, Tunnels und Stroh.
Als die Mäuse ausgewachsen waren, nahm man an ihnen verschiedene Verhaltenstests vor, wie sie unter anderem zum Aufspüren kleiner genetischer Unterschiede und auch bei der Prüfung möglicher neuer Arzneimittel angewendet werden. Wie Hanno Würbel vom Institut für Veterinär-Physiologie der Universität Gießen zusammen mit seinen Zürcher Kollegen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" (Bd. 432, S. 821) berichtet, war das Ergebnis eindeutig: Die tiergerechtere Haltung im angereicherten Käfig führte weder zu größeren Abweichungen bei den Versuchsergebnissen noch zu einer schlechteren Vergleichbarkeit beim Wiederholen der Experimente in den drei Laboratorien. Stets war die Variabilität zwischen den Individuen der vorherrschende Unsicherheitsfaktor. Überrascht waren die Wissenschaftler darüber, wie wenig die Versuchsergebnisse vom jeweiligen Labor abhingen, obwohl nur die wichtigsten Parameter aufeinander abgestimmt worden waren. Das läßt ihrer Ansicht nach die oft extremen Anstrengungen zur Harmonisierung fragwürdig erscheinen. Entscheidend sei vielmehr eine ausreichende Zahl von Versuchstieren, wenn es darauf ankomme, kleine Unterschiede aufzuspüren.
Bessere Haltungsbedingungen möglich
An den Mäusen im angereicherten Käfig fiel auf, daß sie weniger ängstlich waren. Das haben auch schon Biologen um Norbert Sachser von der Universität Münster beobachtet. Überdies weiß man seit rund fünfzig Jahren, daß bei Mäusen im Standardkäfig die Hirnentwicklung beeinträchtigt ist. Die Tiere zeigen außerdem ein oft recht auffälliges stereotypes Verhalten. Nach Ansicht von Würbel steht nun einer Verbesserung der Haltungsbedingungen für Labormäuse nichts mehr im Wege. Allerdings hat man bisher nur weibliche Tiere genauer untersucht. Mäusemännchen sind schwerer in Gruppen zu halten. Sie neigen zum Beispiel dazu, von Dingen Besitz zu ergreifen und diese zu verteidigen. Solchen Kämpfen läßt sich indes etwas vorbeugen, indem man einen Gegenstand gleich in mehrfacher Ausfertigung in den Käfig bringt.