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Verhaltensökologie Unterirdische Familienbande

 ·  Sie führen ein Leben in völliger Dunkelheit und sind sicher keine guten Beobachter. Doch als soziale Nagetiere haben Graumulle einen einmaligen Familiensinn. An der Universität Essen wird ihr Zusammenleben seit vielen Jahren studiert.

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Essen. "Die Einkaufsstadt." Leuchtbuchstaben versprechen das in Gelb und Blau, locken zum Konsum. Wer Essen mit dem Zug erreicht, kann die altertümliche Reklameschrift nicht übersehen. Von "Kulturhauptstadt 2010" steht da nichts, die lässt sich erst auf der Großbaustelle im Bahnhof erahnen. Das Labyrinth auf dem Weg zur U-Bahn zeigt unmissverständlich: Der Mensch übt sich als Maulwurf, bevor er seinem Feingeist nachkommt.

Zum Leben unter der Erde taugt Homo sapiens allerdings nicht besonders, im kargen Dunkel wird er nicht froh. Vielleicht erklärt das auch, war- um Essen eine Untergrundstation ganz in blaues Licht taucht, das die Betonpfeiler kunstvoll umschattet. Dabei könnte der Mensch von eher sonnenscheuen Wesen manches lernen. Von Graumullen zum Beispiel, die mehr Sinn für Familie besitzen als die Buddenbrooks. Denn die Nagetiere pflegen eine strenge Hierarchie in sogenannten eusozialen Gesellschaften, wie man sie von Bienenstaaten kennt. Dieses für Säugetiere ungewöhnliche Kolonieleben verblüfft ebenso wie die Friedfertigkeit oder ihr Rezept für ein hohes Alter. Kryptische Tiere, sagen Forscher, die noch viele Rätsel aufgeben.

Deckung muss nicht sein

Torf fliegt durch die Luft. Mit dem Stummelschwanz voran schiebt sich ein Mull rückwärts durchs Revier; Pfoten scharren in einer Röhre, schaffen Platz. Es staubt. Ungerührt stillt ein Muttertier seine Jungen, während in nächster Nähe Onkel und Tanten kuscheln. Der Universitäts- campus Essen beherbergt rund 200 Graumulle: Glasterrarien mit Erde und Tongefäßen ersetzen den Mullfamilien hier den Boden, den ihre Artgenossen in Angola, Sambia und in der Demokratischen Republik Kongo untergraben. "Ein Maulwurf würde den Torf in eine Ecke schieben und sich darunter verstecken. Graumulle fühlen sich auch ohne Deckung wohl - das erleichtert uns die Beobachtung enorm", sagt Hynek Burda, der die Abteilung für allgemeine Zoologie leitet. Er hat die Zucht Mitte der 1980er Jahre für die goldhamstergroßen Fukomys anselli etabliert. Ein paar Jahre später folgten Riesengraumulle, Fukomys mechowii, im stattlicheren Meerschweinchenformat.

Graumulle gehören zu den Sandgräbern, den Bathyergidae, und leben in Kolonien von zwanzig Tieren oder auch mehr. Ein Elternpaar bewohnt mit seinen Nachkommen ein verzweigtes unterirdisches Gangsystem. Dieser Stammsitz kann bis zu zwei Meter tief liegen. "Und die Größe eines Fußballfeldes annehmen - je nach Koloniestärke", sagt Burda. Der Zoologe erforscht die in Afrika heimischen Graumulle seit über zwei Jahrzehnten, und trotz der schwierigen Feldarbeit, ihre Stollen zu finden, schätzt er sie als Studienobjekte.

Im Schatten der Nacktmulle

Während die fortpflanzungstüchtigen Nacktmulle (Heterocephalus glaber) hässliche Berühmtheit erlangt haben, finden Graumulle bisher kaum Beachtung. Zu sehr Kuscheltier, zu wenig Freak. Die vier imposanten Frontzähne, hinter denen sich die Lippen schließen, machen ihnen zwar alle Ehre, aber mit rosig verschrumpelter Nacktheit ohne Schmerzempfinden kann ihr samtbraunes Fell nicht konkurrieren. Zudem erfüllt ihre Lebensweise fast jedes Klischee einer Familienidylle. "Graumulle sind aktive Tiere und selbst im Schlaf nie langweilig", rühmt Burda den Fukomys im Vergleich zu seinen nackten Verwandten, die in Gefangenschaft zu Trägheit neigen. Die Pelzträger sind unterhaltsamer, pflegeleichter.

Die Nagetiere übertragen ihre angestammte Ordnung aufs Torfbett, unterscheiden zwischen Nest, Vorratsecke und Latrine. Wasser brauchen sie nicht - das Futter, etwa Kartoffeln und Karotten, deckt ihren Flüssigkeitsbedarf. In der Wildnis dehnt sich ihr Bau mit der Suche nach Knollen, Wurzeln und Pflanzenzwiebeln aus. "Graumulle bauen hundert Meter lange, schnurgerade Gänge", schildert Hynek Burda seine Beobachtungen. "Das Nest liegt meist im Südosten des Stollenwerks." Die Vermutung, dass die Graumulle ein Gespür für das Magnetfeld der Erde besitzen, liegt nahe. Ein entsprechender Sinn wurde noch nicht entdeckt, obwohl Burda und seine Mitarbeiter eine bestimmte Nervenansammlung im Gehirn im Verdacht haben. Und sie fanden Magnetit-Minerale in der Hornhaut.

Was Mulle sehen

Eine Art Kompassnadel im Auge? Erste Tests deuten darauf hin. Ohnehin überrascht die vollständige Anatomie dieses Miniaturorgans. "Lange war umstritten, ob Mulle überhaupt etwas sehen können", sagt Leo Peichl vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Zusammen mit Burdas Team und tschechischen Kollegen ging Peichl dieser Frage nach und sammelte Beweise: "Keine Details, aber Licht sehen sie mit Sicherheit." Vor allem im blauen Bereich.

Trotz des Höhlenlebens und der gerade mal stecknadelkopfgroßen Augen sind die Nager eher ans Tageslicht angepasst, der Aufbau ihrer Netzhaut mit Stäbchen- und Zapfenzellen unterscheidet sich von dem nachtaktiver Säugetiere. "Sie haben weitaus weniger Stäbchen als erwartet. Die Zahl der Zapfen ist dagegen nicht reduziert, sie machen dadurch zehn Prozent der Sehsinneszellen aus", sagt Peichl. Ein ähnliches Verhältnis haben die Forscher kürzlich beim Maulwurf entdeckt, während oberirdisch lebende Nachttiere eine viel höhere Stäbchendichte besitzen und ihre Zapfen somit weniger als ein bis drei Prozent ausmachen.

Eine Erklärung hat Peichl nicht. "Vielleicht ist die Anpassung einfach nicht wichtig, weil sie den Bau nur selten verlassen und in der totalen Dunkelheit eine Optimierung des Auges nichts nützt." Für das einträchtige Familiendasein genügt es wohl, den Lichteinfall zu bemerken, wenn etwa ein Elefant oder Büffel ins Höhlensystem stolpert und die Decke einbricht. "Ein geöffneter Gang wird prompt verschlossen", weiß Burda.

König und Königin

Graumulle streben also nicht ins Licht. An der Erdoberfläche bewegen sie sich unbeholfen, weil ihnen für eine gute Raumorientierung das Sehvermögen fehlt. Dennoch wird das Wagnis hin und wieder in Kauf genommen: In den Nestern finden sich Nylonstrümpfe. Oder sind solche Ausflüge eher als Flucht geplant, um dem Clan zu entkommen und selbst einen Partner zu finden? "Vielleicht. Es könnten sich auch unterirdisch die Wege von zwei Kolonien kreuzen", rätselt Burda. "Wir wissen es nicht." Bekannt ist nur, dass sich im Freiland keine Nahverwandten paaren, Familiengründer sind sich genetisch fremd. Also müssen sie irgendwie irgendwann aufeinandertreffen, irgendwo.

Bei Graumullen gibt es keine streng getrennten Kasten, wie es bei sozialen Insekten, Ameisen oder Bienen, üblich und zum Teil genetisch festgelegt ist. "Wir unterscheiden lediglich reproduktive und nichtreproduktive Tiere", erklärt Burda. Trotzdem haben die Nager mit dem Bienenvolk etwas gemein: eine Königin. Nur sie paart sich mit dem König, allein aus ihren Nachkommen besteht die Kolonie - natürliche Hemmung verhindert Inzest strikt: "Geschwister, ebenso adoptierte Familienmitglieder erkennen sich am Geruch oder an Lauten", sagt Burda. So leben manchmal sechs Wurfgenerationen zusammen und kooperieren, "wie früher Großfamilien auf einem Bauernhof, wo sich ältere Geschwister um die jüngeren kümmerten". Spielen, kuscheln, pflegen.

Friedlich und kooperativ

Der Zusammenhalt ist stark. Wenn eines der Elterntiere stirbt, zerfällt die Familie nicht. In einem noch andauernden Trennungsversuch bleibt seit mehr als zwei Jahren alles beim Alten: schlafen, arbeiten, fressen, schlafen ... Kein Weibchen würde die Mutter entthronen, kein Männchen mit anderen um das Fortpflanzungsrecht konkurrieren. Nur gegen fremde Eindringlinge setzen sich Graumulle vehement zur Wehr; bleibt man unter sich, herrscht Frieden. So viel Gelassenheit bei engem Körperkontakt macht misstrauisch: niemals Streit? Im Torf raufen gerade zwei Männchen. "Ein Spiel ohne Aggression, sie messen sich an ihren Schneidezähnen", erklärt Burda. Echte Rivalität müssen die Forscher provozieren: mit Hunger, dann sorgt schon eine Nuss für Trubel im Terrarium.

In der üppigen Leibesfülle des Königs spiegelt sich seine Reproduktionsmacht wider. Sonst hat der Rang keinen Einfluss auf die Anatomie, und im Gegensatz zur Biene unterscheidet sich die Mullkönigin nicht von ihren erwachsenen Töchtern. Der Nachwuchs ist weder steril noch am anderen Geschlecht desinteressiert. "Wenn sie auf ein fremdes Tier treffen, kopulieren sie manchmal innerhalb von Minuten", sagt Burda. Das kann im Experiment selbst Geschwistern passieren. Wenn Mulle lange genug getrennt gehalten wurden, schwindet mit der Erinnerung das verwandtschaftliche Hemmnis. Haben sich zwei Graumulle einmal zum Paar vereint, bleiben sie sich ewig treu und gedeihen samt Nachwuchs in kooperativer Monogamie. Noch fehlt es aber an Studien, die dieses Verhalten samt der Paarbindung in allen biochemischen Details erklären können.

Langsam wachsende Kolonien

In freier Natur muss die unterirdisch gelebte Treue keine Prüfung fürchten, aber am zoologischen Lehrstuhl in Essen werden König und Königin gezielt in Versuchung geführt. Eine Studie attestiert den Mullmännchen jetzt wahre Standhaftigkeit. "Sie schnupperten nur", sagt Hynek Burda und erkennt darin einen Sinn: Die für Nager ungewöhnlich lange Schwangerschaft von drei Monaten mache die Weibchen abhängig. Wer also eigenen Nachwuchs will, muss sich um die Gattin sorgen. Die Kolonie und mit ihr die Zahl der Vorratshelfer wächst langsam, da im Jahr vielleicht zwei Würfe mit zwei Jungen geboren werden. Mehr Tempo legen Nacktmulle mit Würfen von bis zu 28 Jungtieren vor. So entstehen familiäre Hundertschaften langlebiger Königspaare.

Neben diesen nackten Horden nehmen sich Graumullkolonien beinahe wie ein demographisches Minimum aus. Doch auch ihre Könige können auf ein langes Leben hoffen. Während die enthaltsamen Nachkommen der Anselli-Mulle selten acht Jahre alt werden, können die sexuell aktiven Tiere mehr als das Doppelte erreichen. Einziger Unterschied bei gleicher Haltung: der Reproduktionsstatus. Hynek Burda und seine Mitarbeiter hoffen nun, die Altersforschung mit den Graumullen voranzutreiben und ihr Geheimnis physiologisch zu entschlüsseln. Sex lässt Fukomys länger leben. Oder es ist ihre Paarbindung. Oder vielleicht ja beides.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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