03.07.2010 · Ohne Testosteron geht es zwar auch, aber Hormone müssen schon sein: Männliche Schimpansen und Bonobos zeigen physiologische Reaktionen, die sich auch beim Menschen finden.
Von Joachim Müller-JungDass Männer, wie Frauen, bei vielen Gelegenheiten hormongesteuert sind, wird niemand ernsthaft bestreiten. Und klar ist auch, dass es sich dabei um physiologische Vorgänge handelt, die tief in unserer evolutionären Vergangenheit liegen. Wie nah wir allerdings in dieser Hinsicht unseren nächsten Verwandten unter den Primaten tatsächlich sind, wird oft erst klar, wenn man das Verhalten von Menschenaffen wirklich genauer anschaut. Jetzt haben verschiedene Forschergruppen die männlichen Verwandten genauer unter die Lupe genommen - und wieder erstaunliche Parallelen gefunden, wenn es um Rivalität und Wettbewerb geht.
Schimpansen töten für Land. Das ist der Schluss, den John Mitani und David Watts von der Yale University aus ihren Beobachtungen im Kibale Nationalpark in Uganda gezogen haben. Zehn Jahre lang wurden die Schimpansen dort in der gegend um Ngogo untersucht, und in dieser Zeit haben die Mitglieder einer Gruppe nicht weniger als 21 Artgenossen aus anderen Sippen umgebracht. Wie die Wissenschafler in der Zeitschrift "Current Biology" berichten, zeigen sowohl die Auswahl der Opfer als auch die territorialen Veränderungen nach den Überfällen, dass die Schimpansen "ein durchgehendes Motiv" hatten: Landraub. Ziel der Übergriffe war es, das eigene Territorium zu erweitern.
Bonobos und Schimpansen im Vergleich
Auch wenn es um den Futterneid geht, spiegelt die Reaktion der männlichen Menschenaffen jene unserer Spezies ausgesprochen gut. Die Gruppe um Peter Ellison und Victoria Wobber von der Harvard-Universität sowie Brian Hare von der Duke University in Durham hat sich Verhalten und Hormonschwankungen zahlreicher Männchen genau angesehen, die sie im Tchimpounga-Schimpansenreservat der Republik Kongo jeweils paarweise auf einen Haufen Futter losgelassen hatten. Dazu untersuchten sie sowohl die gewöhnlich aggressiveren, männlich dominierten Schimpansen als auch Vertreter der Zwergschimpansen oder Bonobos, die in eher friedfertigen, matriarchalen Gesellschaften leben.
In jedem Fall waren sich die beiden Männchen, die sich um das Futter streiten sollten, alles andere als grün. Vor und nach dem Futterwettstreit sammelten die Wissenschaftler Speichelproben der Tiere. Wie sie in den aktuellen "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, reagierten sowohl Schimpansen wie Bonobos auf die Konkurrenzsituation mit einem steilen Hormonanstieg. Allerdings war es bei den Schimpansen das in den Hoden produzierte Männlichkeitshormon Testosteron, das anstieg und die Aggressivität förderte, während bei den Bonobos ausschließlich das in der Nebennierenrinde erzeugte Stresshormon Cortisol zunahm.
Eine evolutionäre Innovation beim Menschen?
Beide Reaktionen, so die Forscher, findet man beim Menschen. Die einen reagieren auf Konkurrenz eher mit Testosteronausstoß, andere produzieren vermehrt Stresshormone. "Testosteron wird offenbar produziert, wenn man den Wettstreit wie bei den Schimpansen als potentielle Gefahr für den eigenen Status' einstuft", so die Forscher. In einer Hinsicht aber gibt es Unterschiede zum Menschenaffen: Während der Testosteronspiegel nach dem erfolgreichem Wettstreit schnell wieder absinkt, bleibt er bei den erfolgreichen Männern dauerhaft hoch - eine evolutionäre Innovation?
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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