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Verhaltensforschung Smarte Vögel

20.10.2008 ·  Die kognitiven Fähigkeiten der Rabenvögel, zu denen auch Krähen, Elstern, Dohlen oder Eichelhäher gehören, reichen an jene von Primaten heran. Untersuchungen zeigen, über welche beachtlichen Verhaltenrepertoires die Vögel verfügen.

Von Sonja Kastilan
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Vom obersten Ast des kahlen Akazienbaums ertönt ein heiseres Lied, und jeden Vers beendet ein tiefes, wohlklingendes "Klok". Es regnet, aber Heiko scheint das nicht weiter zu stören: Der Kolkrabe bleibt seinem Stammplatz in der Voliere treu, dort herrscht auch bei trübem Wetter beste Sicht. Während ein Goldfasan durchs Gebüsch streift, schreitet Rabendame Eva den Waldweg ab und sammelt behutsam Weinbeeren auf. Eine nach der anderen verschwindet in ihrem Schlund.

Als Grundschüler sie damit anlocken und - wie bei der Führung am Donnerstagmorgen erhofft - aus nächster Nähe beobachten wollen, hält sich der Vogel zurück. Nur einem Leckerbissen kann Eva trotz aller Vorsicht nicht widerstehen: einem toten Küken, das sie schnell vom Boden schnappt. Kein anderer soll das Aas bekommen, schon gar nicht Heiko, der bereits zwei der ausgelegten Fleischrationen ergattert hat. Und erst als ihre kostbare Beute gut versteckt und die Horde neugieriger Kinder wieder verschwunden ist, können auch Trauben die Rabendame wieder locken.

Raben lernen schnell

Solche Szenen einer Rabenehe können Besucher der Fasanerie in Wiesbaden täglich erleben, und sie sind typisch für das Verhalten der imposanten schwarzgefiederten Vögel (die übrigens monogam leben). Nichts entgeht ihren wachsamen Augen, und als Meister des Memory-Spiels verblüffen sie Forscher seit Jahrzehnten, weil Rabenvögel sich noch nach Monaten an ihre zahlreichen geheimen Futterlager erinnern. "Diese Gedächtnisleistung über einen langen Zeitraum ist beeindruckend, heute interessieren wir uns aber verstärkt für die kurzfristigen Verstecke, das episodische Gedächtnis", sagt der Neurobiologe Thomas Bugnyar von der Universität Wien.

Die smarte Familie der Rabenvögel Corvidae, der Raben ebenso wie Krähen, Elstern, Dohlen oder Eichelhäher angehören, fordert inzwischen selbst Primaten heraus - ihre kognitiven Fähigkeiten entsprechen denen von Schimpansen oder überflügeln sie sogar. Neukaledonische Krähen zum Beispiel fangen mit Zweigen und Blättern Insekten. Ihr großes Geschick, sich mit Werkzeugen schwer zugängliche Nahrungsquellen zu erschließen, stellen sie in klassischen Verhaltenstests immer wieder unter Beweis. In einer aktuellen Studie der Universität von Auckland lernten die Vögel, physikalische Probleme von Röhrenfallen zu durchschauen (Proceedings of the Royal Society B). Sie erkannten kausale Zusammenhänge und wendeten ihre Lösungsstrategie in späteren Experimenten an. Anders als Affen in ähnlichen Tests, gelang es den Krähen der Art Corvus moneduloides tatsächlich, ihre Erfahrung zu übertragen. Können sie also logisch denken?

Außer Frage steht zumindest, dass Rabenvögel sehr schnell lernen und über viel Scharfsinn verfügen. An der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau versucht Thomas Bugnyar deshalb nun zu ergründen, wann Raben was wo verstecken. "Wer steht daneben und passt auf, und wem kann ich etwas wegnehmen?", formuliert der Biologe weitere Fragen, die vermutlich eine Rolle spielen, wenn ein Rabe ein begehrtes Objekt erblickt und dann abwägt.

Zukunftsplanung mit Vogelhirn

Während die nah verwandten Krähen sich erst den Magen vollschlagen, bevor sie etwas verstecken, gehen Raben auf Nummer Sicher. "Sie horten Futter, bis dessen Quelle versiegt, und räumen dann anschließend nach und nach ihre Verstecke", beschreibt Bugnyar das Vorgehen, das er als Konkurrenzvermeidung deutet. Dabei werten Raben, wie wichtig ihnen die Nahrung ist: Lieber rares Fleisch oder Trauben im Überfluss? In der Wiesbadener Voliere hat sich Eva ganz klar für das eiweißreiche Hühnchen entschieden.

Versuche britischer Forscher belegen zudem, dass Corviden bei ihrer Vorratshaltung durchaus unterscheiden können zwischen leicht verderblicher Ware und haltbaren Gütern wie etwa Nüssen. "Sie müssen nicht nur wissen, wo, sondern auch wann sie etwas versteckt haben. Diese Vögel planen für die Zukunft und lassen sich nicht von ihren gegenwärtigen Bedürfnissen leiten", sagt Nicky Clayton, die an der Universität von Cambridge mit vier Arten der Corvidae arbeitet. Ihre Buschhäher (Aphelocoma coerulescens) zum Beispiel sicherten sich schon abends das Frühstück und versteckten es dort im Gehege, wo es aus Erfahrung morgens kein Futter gab.

All das in Windeseile zu berücksichtigen und zu verknüpfen, zugleich Speiseplan und mögliche Täuschungsmanöver zu überlegen verlangt dem Vogelhirn komplexe Gedankengänge ab. Einige Forscher wie Clayton sprechen längst von den "Affen der Lüfte", wenn sie die Rabenvögel beschreiben. "Unabhängig voneinander entwickelten die beiden Tiergruppen offenbar ähnliche ausgeklügelte Fähigkeiten", erklärt Clayton. Nicht alle Säugetiere und Vögel - deren Evolution seit rund 300 Millionen Jahren in getrennten Bahnen verläuft - besäßen eine hohe Intelligenz, clever seien jeweils eben nur ein paar bestimmte.

Elstern im Spiegel

Dass sich neben den Primaten gerade die Vertreter der Corviden besonders hervortun, bestätigt eine Studie deutscher Forscher, die jetzt in PLoS Biology erschien. Helmut Prior hat mit Kollegen an der Universität Bochum fünf Elstern dem bewährten Spiegeltest unterzogen. Die eifrigen Sammler von allerlei Plunder haben tatsächlich ein Bild von sich selbst. Was bisher allein für Mensch und Menschenaffe galt und bei Delphin wie auch Elefant bisher nur vermutet wird, muss nun wohl dem Geck im schwarzweißen Federkleid zugestanden werden. Denn die Elstern (Pica pica) erkannten ihr eigenes Spiegelbild und entfernten sofort eine aufgeklebte Papiermarke vom Hals. "Mit dieser Selbsterkenntnis stehen sie auf unserer Seite des kognitiven Rubikon", ist Prior überzeugt. Obwohl ihr Gehirn völlig anders organisiert sei als das der Primaten, zeuge das von einer konvergenten Evolution der Intelligenz.

"In den vergangenen 15 Jahren hat sich unser Bild von den Rabenvögeln stark geändert", bestätigt Thomas Bugnyar die weithin akzeptierte Hypothese von einer parallel entwickelten Hirnoffensive. Ein Image-Wandel, der sich in der Öffentlichkeit folglich vollziehen könnte: Vögel, die bisher als diebisch verschrien waren, bekommen neue Würde. Und das Schicksal von Wilhelm Buschs Unglücksraben "Hans Huckebein", der sich likörtrunken mit Tantchens Strickzeug erdrosselt, dauert wohl jeden, der den echten Corvus corax kennt - wahrlich kein "Lump" und ohne "schwarze Seele". Dabei wird der aufmerksamen Spezies noch am ehesten die nordische Mythologie gerecht, die Odin zwei Raben auf die Schultern setzt: Hugin und Munin berichten ihm von den Ereignissen in aller Welt - ihre Namen bedeuten Gedanke und Erinnerung. Ob sie munter parlierten oder leise krächzten, verschweigt die Edda. Raben jedenfalls sind Singvögel - mit 64 Zentimetern Länge und bis zu 130 Zentimetern Flügelspannweite die größten. Ihr Bestand war in Deutschland stark gefährdet, inzwischen brüten wieder rund 12 000 Paare im gesamten Bundesgebiet.

Opportunistische Kolkraben

Die einst verfolgten und als Galgenvögel geächteten Aasfresser übernehmen hier wichtige ökologische Aufgabe. Allerdings sind sie auch in der Lage, kleine Säugetiere zu schlagen. "Aber die feste Haut von größeren Tieren können sie mit ihrem Schnabel nicht öffnen. Das müssen andere für sie erledigen, zum Beispiel Wölfe", erklärt Carsten Hinnerichs, Feldbiologe an der Universität Potsdam. Der Raben oft zur Last gelegte Lämmer- und Kälbermord sei ein Mythos.

Zwar laben sich die schwarzen Gesellen durchaus an der Nachgeburt von Schafen, an verstorbenen und mitunter todgeweihten Tieren, aber nicht an lebensfähigen. Auf die Kuhweide lockt sie wiederum der milchzucker-süße Dung mitsamt den Parasiten darin. Für den Biologen Carsten Hinnerichs sind Kolkraben schlaue Opportunisten. Ihrer Weisheit hat der amerikanische Wissenschaftler Bernd Heinrich sein Buch "Mind of the Raven" gewidmet. Die gefiederten Superhirne stellen auch für den österreichischen Tiertrainer Karl Lang "eine besondere Herausforderung" dar, die er aber nach jahrelanger Erfahrung meistert. Seine von Hand aufgezogenen Raben bereichern die Neuverfilmung des Kinderbuchs "Krabat" und fliegen übers "Forsthaus Falkenau". Um die intelligenten Charaktervögel zum Mitmachen zu motivieren, müsse man sich eben etwas einfallen lassen.

Vielleicht wissen Raben das zu würdigen, schmeichelt es doch ihrer Spielernatur. "Ihre Verspieltheit ist für das Sozialverhalten aufschlussreich, denn sie verbringen mehr Zeit in Gruppen, als man bisher dachte", sagt Thomas Bugnyar. "Im Spiel lernen die Vögel vermutlich, was sie als Basisinfo wissen müssen." Dabei Nahrung zu verlieren wäre zu riskant, Fehler bedeuten Hunger - der Einsatz ist zu hoch. Also üben sie Verstecken mit interessanten Fundstücken, bluffen, fordern Plünderer mit Steinchen oder Blüten heraus und erfahren viel über ihre Artgenossen oder über menschliche Beobachter, deren Blicken sie folgen.

Rabe Eva muss irgendwann das Urteil "harmlos" gefällt haben. Nach einer Weile holt sie ihren verborgenen Leckerbissen unter einer Bank hervor, lässt sich auf der Lehne nieder und frisst. Trotzdem ganz wachsam.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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