Home
http://www.faz.net/-gx4-16pxz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Transgene Pflanzen Herrin Gentechnik

19.06.2010 ·  Zwar vermarkten erst drei afrikanische Länder Ernten aus gentechnisch verändertem Saatgut, aber die grüne Gentechnik soll auf diesem Kontinent in Zukunft stärker zum Tragen kommen. Ungewollte Nebenwirkungen lassen sich nach wie vor nicht ausschließen.

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Ouagadougou, die Hauptstadt des westafrikanischen Landes Burkina Faso, hat es inzwischen zu einiger Prominenz geschafft. Das Operndorf des deutschen Regisseurs Christoph Schlingensief sollte vor einer Woche Besuch vom mittlerweile zurückgetretenen und deshalb ausgebliebenen Bundespräsidenten Horst Köhler erhalten. Und auch für Bill Gates ist Ouagadougou eine erste Adresse. Sie ist das Sprungbrett für seine grünrevolutionären Ideen in Afrika. In Ouagadougou wird mit mehr als zehn Millionen Euro der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung das "African Biosafety Network of Expertise", eine Art afrikanische Meisterschule der grünen Gentechnik, aufgebaut. Hier sollen Landwirtschaftsexperten und Beamte den sicheren Umgang mit transgenen Kulturpflanzen lernen.

In zwölf Ländern auf dem schwarzen Kontinent werden solche neuen Sorten angebaut, erst drei allerdings vermarkten ihre transgenen Ernten. Das ist, verglichen mit Asien oder Südamerika, mehr als mager. Die Gates-Stiftung und die Gründer der Gentechnikschule in Burkina Faso wollen das ändern und das Ernährungsversprechen der grünen Gentechnik mit Hilfe amerikanischer Lehrkräfte auf dem Kontinent verbreiten. Die Skepsis speziell an der amerikanischen Expertise allerdings ist in letzter Zeit eher gewachsen. Monsanto, der Saatgutriese mit den aggressiven Vermarktungsstrategien, ist zur Chiffre dafür geworden. Aber nicht nur er. Obwohl in den Vereinigten Staaten knapp die Hälfte der Ackerflächen mittlerweile mit gentechnisch verändertem Saatgut bestellt werden und wirtschaftliche wie ökologische Vorteile vielerorts nachweisbar sind, warnen Wissenschaftler immer deutlicher: Die Situation könnte in einigen Regionen kippen, die Akzeptanz bröckeln.

Ökologische Kollateralschäden

Eine vom National Research Council in Auftrag gegebene unabhängige Studie hat jüngst gezeigt, dass der seit 1996 regelrecht explodierende Anbau von Sorten, die gentechnisch gegen das Monsanto-Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ("Round-up") resistent sind, zu ökologischen und ökonomischen Kollateralschäden führt. In den meisten Fällen würde zwar wie erhofft weniger von dem Pflanzenschutzmittel ausgebracht und der Boden schonender behandelt. Aber dort, wo das Pestizid seit vielen Jahren ununterbrochen ausgebracht wird, versagt es immer öfter im Kampf gegen die unerwünschten Wildkräuter auf dem Feld, weil diese ebenfalls Resistenzen entwickeln. Neun unterschiedliche Resistenzmechanismen gegen Glyphosat sind bekannt.

Das ist keine unerwartete Entwicklung. Obwohl Monsanto dieses unerfreuliche Thema lange kleinzureden versuchte, sind Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel üblich. Der Bericht der amerikanischen Akademie listet Resistenzen gegen allein neunzehn bekannte Unkrautvernichtungsmittel auf. Aber keine scheint so folgenschwer wie die gegen Glyphosat. Lässt die gewünschte Wirkung nach, wechseln die Landwirte selten das Mittel aus. Nachhaltiges Pestizid-Management ist inzwischen zu einem zentralen Thema zwischen amerikanischen Zulassungsbehörden, Forschern und Firmen geworden. In der Studie wird jedenfalls gewarnt, dass auch die unter anderem von Monsanto geplanten Ausweichstrategien, unterschiedliche Pflanzenschutzmittel zu kombinieren oder wechselweise zu versprühen, keine endgültige Lösung sein können. Die Diversifizierung der transgenen Sorten geht in dieselbe Richtung.

Das Beispiel Indien

Intelligentes Management auf dem Feld wird in Amerika auch schon seit Jahren bei dem weitverbreiteten Anbau von Bt-Baumwolle oder Bt-Soja diskutiert, die dank eines Bazillen-Gens von speziellen Schädlingen verschont bleiben. Anfangs funktioniert das Ganze. Wie auch in Indien, wo der Agrarforscher Matin Qaim von der Universität Göttingen seit Jahren unterwegs ist, um die Motive und die Folgen des massiven Bt-Baumwollanbaus zu untersuchen.

In der Zeitschrift "Nature Biotechnology" berichtet er jetzt von einer deutsch-britischen Studie unter der Landbevölkerung, in der er zum Schluss kommt: Der Ertrag pro Hektar ist mit dem Anbau der transgenen Sorten um vierzig Prozent gestiegen, vor allem aber seien durch den Ausbau der Bt-Baumwollfläche auf inzwischen mehr als acht Millionen Hektar die Zahl der Arbeitsplätze und die Einkommen insbesondere für Frauen gestiegen - hochgerechnet auf das ganze Land um mehr als 420 Millionen Jobs. Über die langfristige Entwicklung lässt sich bisher nur wenig sagen. Denn der Anbau der Hightechsorten hat in Indien erst vor acht Jahren begonnen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel