Home
http://www.faz.net/-gx4-pye0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tierzucht Was am Schaf noch zu verbessern wäre

27.03.2005 ·  Süße Osterlämmer sieht jeder mit Vergnügen. Nur der Züchter nicht. Er hat stattdessen mit Räude und Fleischertrag zu kämpfen.

Von Michael Stang
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Die Unruhe im Stall steigt, das Geklapper des Nuckeleimers bedeutet für die vier kleinen Lämmer nur eines: Milch. Von ihren Müttern wurden sie nach der Geburt nicht angenommen, so sind sie auf menschliche Hilfe angewiesen. Am unteren Rand des Eimers sind mehrere Schnuller angebracht. Die Pflegerin gießt zwei Liter angerührte Milch hinein, spätestens jetzt ist alles andere Nebensache.

Jedes Lamm muß sich gegen seinen Nachbarn behaupten, auch wenn dazu Tritte notwendig sind. Die Zeit ist knapp: In weniger als dreißig Sekunden ist der Eimer leer, und man wundert sich, wie schnell ein gerade einmal kniehohes Lamm einen halben Liter Milch schlucken kann.

Den vier mutterlosen Lämmern fehlt inzwischen noch etwas: Allen Schafen, die für weitere Züchtungen und Untersuchungen in Frage kommen, wird innerhalb der ersten acht Tage nach der Geburt ein Gummiring um den Schwanz gebunden, um die Blutversorgung zu stoppen. Nach ein paar Tagen fällt beides ab. Bei Spaziergängen über eine Schafweide findet man dieser Tage manchmal haufenweise abgefallene Lämmerschwänze.

Das Erbgut der Tiere

Die Pfleger haben auch sonst einiges zu tun. Hier, auf dem Oberen Hardthof, einer Außenstelle des Instituts für Tierzucht und Haustiergenetik der Gießener Justus-Liebig-Universität, werden immerhin mehr als 2.240 Schafe gehalten - im Dienste der Wissenschaft stehen hier Merinolandschafe, Grau Gehörnte Heidschnucken, Schwarzköpfige Fleischschafe, Texelschafe, Weiße Bergschafe, Rhön- und Romanowschafe.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen sind Gegenstand eines Projektes der Europäischen Union zur Diversität der europäischen Schafbestände. Christina Peter, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Gießener Instituts, untersucht dazu das Erbgut der Tiere und konstruiert daraus Stammbäume. „Damit kann man die Verwandtschaften feststellen. Zum Beispiel sind die Fettschwanzschafe alle näher untereinander verwandt als mit Heidschnucken.“ Auf diese Weise schaffen die Forscher eine Basis für die nächsten Züchtergenerationen.

Krankheiten bei Schafen

Am Schaf ist nämlich noch einiges zu optimieren. Je besser es an die jeweiligen Gegebenheiten angepaßt ist, desto effektiver ist seine Haltung und damit sein Nutzen für Mensch und Umwelt. Auch Krankheiten läßt sich durch gezielte Zucht besser vorbeugen. Den Haltern und den Tieren machen beispielsweise Euterentzündungen, durch Milben verursachte Schafräude und andere Parasiten zu schaffen. Gefürchtet sind auch Klauenentzündungen wie die Moderhinke, die durch das Bakterium Bacteriodes nedosus verursacht wird.

Bei der klassischen Hütehaltung kommt sie seltener vor, da die Schafe permanent den Untergrund wechseln. Bei der Koppelhaltung oder in Ställen stecken sich die Tier dagegen leichter an. Kommt noch eine mangelnde Klauenpflege hinzu, ist das Risiko sehr hoch. Deshalb müssen den Tieren jährlich die Klauen gestutzt und desinfiziert werden. Manche Schafrassen sind dabei anfälliger für die Moderhinke als andere. So infizieren sich Tiere mit dunklen Klauen seltener als Schafe mit hellen Klauen.

Solche Erkenntnisse helfen den Züchtern bei ihrer Arbeit. Christina Peter nennt noch ein anderes Beispiel: „Ähnlich ist es bei den Wurmerkrankungen. Wenn wir im Labor erkennen können, welche Schafe seltener unter bestimmten Würmern leiden, kann man diese Tiere in den Zuchtprogrammen fördern. Das könnte in ein paar Jahren enorme Arzneikosten sparen, und das Lammfleisch wäre deutlich weniger mit Rückständen belastet.“

Der Hauptnutzen eines Schafes

Fleisch stellt heute den Hauptnutzen eines Schafes dar. Vor allem Lammfleisch ist beim Kunden beliebt, Hammel- oder Bockfleisch wird deutlich weniger gekauft. Große Konkurrenz kommt für die deutschen Züchter aus Neuseeland und Australien. Die Massenhaltung dort läßt den heimischen Markt immer unrentabler werden.

Noch krasser als beim Fleisch zeigt sich das bei der Wolle. Ein Kilo Schafwolle ist heute schon für 50 Cent zu bekommen, das deckt nicht einmal die Arbeitskosten eines Schafscherers. Aus diesem Grund kreuzt man inzwischen bei Züchtungen immer häufiger sogenannte Haarschafe ein - die besitzen statt eines dichten Wollkleides ein ziegenähnliches Fell. Dadurch verringert sich der Wollanteil, und die Kosten sinken.

Auch die Produktivität des Schafes könnte man noch steigern. Die Gießener Veterinäre ließen zu Vergleichszwecken Merinolandschafe, Rhönschafe und Grau Gehörnte Heidschnucken über eine Periode von 152 Tagen hinweg weiden. Dabei wurden die Gewichtszunahme der Mutterschafe und Lämmer sowie deren endgültiges Schlachtgewicht erfaßt. Bezogen auf die Futterfläche, brachten die Rhönschafe den höchsten Ertrag. Aus den Daten leiteten die Forscher effektivere Pläne für eine eventuelle Zufütterung mit Kraftfutter ab.

Marktnische Schafskäse

Neben dem Fleisch rückt mittlerweile ein weiteres Schafprodukt, nämlich die Milch, in den Fokus des Verbraucherinteresses. Obwohl in Deutschland mit dem Ostfriesischen Milchschaf nur eine einzige Milchschafrasse heimisch ist, gewinnt das Geschäft an Bedeutung. Schafmilch wird nicht nur zur Käseherstellung verwendet, sondern könnte auch für Allergiker eine Alternative darstellen.

Georg Erhardt, den Leiter der Gießener Forschungsstation, interessieren dabei vor allem die sogenannten Null-Allele in der Schafmilch. „Das sind nicht vorhandene Ausprägungen bestimmter Gene“, erläutert er, „Allergiker, die auf ein bestimmtes Allel überempfindlich reagieren, könnten dann die Milch eines anderen Schafes, das diese Ausprägung nicht hat, bedenkenlos trinken.“ Schließlich sieht Erhardt noch Möglichkeiten, die Eiweißzusammensetzung in der Schafmilch zu beeinflussen. Je nach Qualität und Quantität ließen sich dann verschiedene Käseprodukte herstellen: „Könnte man die Eiweißproduktion auf dem Wege über die Züchtung erhöhen, wäre die Marktnische Schafskäse durchaus interessant.“

Ökologische Rasenmäher

Ein landwirtschaftlich bedeutender Vorteil des Schafes gegenüber anderen Weidetieren ist seine sprichwörtliche „goldene Klaue“. Ihre anatomische Besonderheit führt zu einer besonders schonenden Beweidung. Außerdem vertreiben die Tiere durch ihr ständiges Getrappel Schädlinge wie Wühlmäuse. Schafe sind ökologischer als jeder Rasenmäher. Auf Deichen fördert das Abgrasen außerdem deren Festigkeit.

Das Gießener Institut hat sich mit seinen mehr als zweitausend Schafen auf dem Wege über den sogenannten Vertragsnaturschutz einen Nebenverdienst geschaffen. Da manche geschützten Flächen nur zu bestimmten Zeiten abgeweidet werden dürfen, sind Schafe dafür die idealen Kandidaten. Sie verhindern die Verbuschung der Landschaft und wirken sogar dem Absinken des Grundwasserspiegels entgegen, da die kräftigeren Wurzeln, die durch regelmäßiges Beweiden entstehen, besser die Feuchtigkeit halten.

Prächtige Osterlämmer

Die Lämmer auf dem Oberen Hardthof sind kurz vor Ostern noch zu klein für den praktischen Naturschutz. Die, die nicht auf den Nuckeleimer angewiesen sind, sind zusammen mit ihren Müttern im Gatter untergebracht. Aber auch die Muttertiere geben nicht immer genügend Milch. Deshalb füttern die Pfleger mit Kraftfutter zu. Das ist nur für die Lämmer bestimmt, schmeckt aber auch den erwachsenen Schafen.

Damit die sich nicht bedienen, werden spezielle Futtervorrichtungen mit engem Eingang verwendet, durch den nur die kleinen Lämmer schlüpfen können. Einige von ihnen passen jetzt schon nicht mehr durch die engen Stäbe und müssen zu ihrem Ärger draußen bleiben. Sie haben offenkundig genug Fleisch angesetzt, um ein prächtiges Osterlamm abzugeben - das verrät nicht zuletzt ihr verbliebener Schwanz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 63
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Kaffeesatz

Von Christina Hucklenbroich

Koffein und Schwangerschaft: In Amerika schaut man werdende Mütter mit Cappucino-to-go schief an, in Deutschland nicht. Doch was sagen wissenschaftliche Studien? Mehr 1 19