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Tierwelt Bienenfleißig? Beleidigen Sie mich nicht!

07.09.2003 ·  Von wegen fleißig. Barsche tun es, Bären, Albatrosse, Spinnen, Schlangen - und Schmetterlinge sowieso: Überall wenden faule Tiere jeden Trick an, um aller Anstrengung aus dem Weg zu gehen.

Von Wolfgang Hörner
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Wer seine Mitmenschen vor den verderblichen Folgen des Müßiggangs warnen will, verweist nicht selten auf die Natur. Dort bestimme der Darwinsche "struggle for life" das Dasein, der unbarmherzige Kampf aller Organismen um das nackte Überleben. Unablässig befänden sich die Tiere auf der Suche nach Eßbarem, jede Sekunde müßten sie wachsam sein und praktisch immerzu aktiv. Nur der Findige überlebe - der Faulenzer habe keine Chance. Schaut man sich den Alltag im Tierreich freilich genauer an, relativiert es sich schnell, das Bild von der evolutionären Fron.

Denn Gewimmel und rastloses Treiben wird man bei unseren Mitgeschöpfen oft vergeblich suchen; nicht selten findet man genau das Gegenteil. Die Natur döst - meistens zumindest. Tierfilmer wissen davon ein Lied zu singen. Bewegte Bilder wollen sie vor die Linse bekommen, doch ihre wichtigste Tugend ist die Geduld. Ein Großteil ihrer Arbeitszeit verbringen sie mit zermürbendem Warten darauf, daß die Tiere, die sie aufnehmen wollen, auftauchen oder aufwachen.

Fast drei Jahre für die Verdauung

Wer eine Katze oder einen Hund daheim hat, kann dies selbst nachvollziehen. Den lieben langen Tag dösen sie, nur einen winzigen Bruchteil ihrer Zeit sind sie wirklich aktiv. Noch klarer wird es dem Besitzer eines Terrariums: Geht die Temperatur zurück, rührt sich im Kasten nichts mehr - und hat man den Fehler gemacht, eine Schlange erst mal zu füttern, liegt sie mitunter in wochenlangem Verdauungsschlaf. Eine 2,4 Meter lange Python braucht zur Verdauung eines Kaninchens je nach Außentemperatur 5 bis 15 Tage. Den Fastenrekord hält eine afrikanische Python, die nachweislich 2 Jahre und 9 Monate ohne neues Futter auskam. Oder nehmen wir die Walrosse. Der Fernsehzuschauer kennt sie wahrscheinlich nur als sich am Strand fläzende Masse - und in der Tat: 66,9 Prozent ihrer Zeit, so haben Wissenschaftler errechnet, ruht das Walroß.

Überhaupt: Tiere sind Weltmeister darin, sich das Leben einfach zu machen. Der Kuckuck läßt sich sogar das Brüten abnehmen. Er verteilt jährlich bis zu fünfundzwanzig eigene Eier in fremden Nestern und spart sich so die lästige Aufzucht des wirklich anstrengenden Jungkuckucks. Weibliche Kaiserpinguine verzichten gänzlich auf den Nestbau. Sie lassen ihre Männchen das einzige Ei, das sie im Jahr legen, 63 Tage lang auf ihren Füßen balancieren oder in einer Hautfalte am Bauch bebrüten - ebenso alle Beuteltiere, die den Nachwuchs direkt am Körper tragen. Eine Buntbarschspezies, der Rothaubenerdfresser, geht auf Nummer Sicher und brütet seine etwa 100 Eier direkt im eigenen Maul aus.

17 Jahre im bequemen Untergrund

Manche Tiere bauen sogar ganze energiesparende Entwicklungsstufen ein, um den Unbilden eines arbeitsamen Lebens möglichst lange aus dem Weg zu gehen. Bevor sich der Maikäfer auf seinen berühmten, kräfteverzehrenden Flug begibt, lebt er drei bis fünf Jahre als immer fetter werdender Engerling wohlig unter der Erde - an Faulheit nur noch übertroffen von der nordamerikanischen Magicicada septendecim. Die Larven dieser Zikade schlüpfen nach fünf bis acht Wochen aus den Eiern und graben sich dann in den Boden ein. Dort verbringen sie sage und schreibe 17 Jahre, bevor sie schlüpfen und für vier bis acht Wochen ihr anstrengendes und gefährliches oberirdisches Dasein fristen.

Im Ausnutzen fremder Energie sind Tiere ohnehin unschlagbar. Der Albatros, mit einer Spannweite von bis zu dreieinhalb Metern neben dem Kondor einer der größten Segler, läßt sich viele Kilometer weit von den Winden tragen. Selbst bei Flugleistungen von bis zu 900 Kilometern am Tag bewegt er kaum einmal die Schwingen. Er ist so abhängig vom Wind (von dem er sich meist auch Starthilfe geben läßt), daß sein Verbreitungsgebiet sich klar umgrenzen läßt: Nur weitgehend baumlose Inseln oder Stellen, an denen fast das ganze Jahr hindurch starke Winde wehen, sind ihm genehm.

Bis die Lachse ins Maul springen

In Alaska profitieren kluge Bären von fremden Anstrengungen. Während der Lachssaison jagen sie nicht etwa den schnellen Fischen hinterher. Sie stellen sich bei Wasserfällen - wie etwa den als Bären-Beobachtungspunkt berühmten Brooks Falls - an die Kante und warten darauf, daß die Fische ihnen bei ihrem kräftezehrenden Kampf stromschnellenaufwärts vor die Tatze oder sogar direkt ins Maul springen.

Und selbst die für ihre Flugkünste gepriesene Brieftaube verläßt sich hin und wieder auf fremde Transporthilfen. So sollte jüngst die englische Jungbrieftaube Billy zu einer einfachen Ärmelkanal-Überquerung ausrücken, von der französischen Küste zurück in den heimischen Schlag nach Bootle im Nordwesten Englands. Drei Wochen lang wurde sie vermißt, dann tauchte sie in den Vereinigten Staaten wieder auf. Reife Leistung, mag man denken - die Fachleute der Königlichen Brieftauben-Rennvereinigung denken darüber allerdings anders. Sie vermuten, daß Billy sich einfach auf einen Frachter gesetzt hat und so mit Hilfe eines Schiffes den weiten Weg hinter sich gebracht hat. Zurück kam sie dann allerdings durch die Luft, mit British Airways.

„Tiere sind entsetzlich faul“

Für die Bewegungsfreude der Tiere gibt es keine Gesetze, aber doch immerhin ein paar Faustregeln: Je weiter im Norden, desto fauler, lautet eine. Denn im Norden gilt es, exzessiv lange Winter zu überdauern. In Äquatornähe indes gilt: je weniger Bewegung, desto weniger Wasserverbrauch, was ebenfalls zu einem geruhsamen Lebenswandel anhält. Für ein durchschnittliches Tierleben gilt dort wahrscheinlich das, was die Verhaltensforscherin Anne E. Rasa über die Fuchsmangusten in der Kalahari sagt: "Im Winter stehen sie um zehn Uhr auf und sonnen sich zwei Stunden lang. Dann verbringen sie vier bis fünf Stunden auf der Suche nach Beute. Danach kehren sie zum Bau zurück und ruhen wieder."

Freilich - dies sind extreme Fälle. Und natürlich legen Aale, Lachse oder Zugvögel unter besonderen Umständen auch wirklich lange Strecken zurück. Aber nur unter besonderen Umständen. Denn normalerweise muß man wohl dem Biologen Adrian Forsyth Glauben schenken, der resümierte: "Tiere sind entsetzlich faul." Denn kein Tier arbeitet auch nur ansatzweise so viel wie die Menschen, die meisten höchstens halb soviel oder nur ein Viertel.

Masse statt Geschäftigkeit

Aber wie sieht es nun mit jenen berühmten Fleiß- und Wimmeltieren aus, den Bienen und den Ameisen? Letztere bestechen zwar durch Masse, und weil so viele Individuen darin herumwuseln, sieht ein Ameisenhaufen ungemein geschäftig aus. Als englische Forscher jedoch mit der Stoppuhr den Tagesablauf einzelner Individuen der Art Leptothorax acervorum untersuchten, kam es zu folgendem, recht unerwartetem Befund: 78 Prozent ihrer Lebenszeit macht eine Ameise nichts anderes als auszuruhen.

Und die Bienen? Wie der Forscher Martin Lindauer herausfand, verbringen sie nur 30 Prozent des Tages mit Arbeit - im Sommer. Im Winter dagegen tun sie nichts, als sich an den Honigvorräten zu laben und die Temperatur im Stock aufrechtzuerhalten.

"Die Enzyklopädie der Faulheit", der dieser Text leicht gekürzt entnommen ist, erscheint demnächst bei Eichborn.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.09.2003, Nr. 36 / Seite 57
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